Alkoholismus
als Krankheit
Der Autor ist zu erreichen über: http://www.members.aon.at/geishofer/
Die
WHO definiert Alkoholismus als Störung deren wesentliches Charakteristikum
darin besteht, dass ein oft starker, gelegentlich übermächtiger Wunsch
vorhanden ist, Alkohol zu konsumieren. Der innere Zwang Alkohol zu konsumieren,
wird meist dann bewusst, wenn versucht wird, den Konsum zu beenden oder zu
kontrollieren.
Nach
dem neuen Diagnoseschlüssel der WHO ICD-10 handelt es sich bei Abhängigkeit um
eine Gruppe körperlicher, Verhaltens- und kognitiver Phänomene, bei denen der
Konsum einer Substanz für die betroffene Person Vorrang hat gegenüber
Verhaltensweisen, die von ihr früher höher bewertet wurden.
Abhängigkeit
kann dann diagnostiziert werden, wenn irgendwann während des letzten Jahres
drei oder mehr der folgenden Kriterien vorhanden waren:
Ein
starker Wunsch oder eine Art Zwang Alkohol zu konsumieren.
Verminderte
Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des
Alkoholkonsums.
Alkoholgebrauch,
mit dem Ziel, Entzugssymptome zu mildern, und der entsprechenden positiven
Erfahrung.
Ein
körperliches Entzugssyndrom.
Nachweis
einer Toleranz. Um die ursprünglich durch niedrige Dosen erreichte Wirkung
hervorzurufen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich.
Eingeengtes
Verhaltensmuster im Umgang mit Alkohol wie z. B. die Tendenz Alkohol an
Werktagen wie an Wochenenden zu trinken und die Regeln eines
gesellschaftlich üblichen Trinkens außer acht zu lassen.
Fortschreitende
Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen zugunsten des
Alkoholkonsums.
Anhaltender
Alkoholkonsum trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen (Somatisch,
psychisch, sozial)
Alkoholismus
kann sehr unterschiedlich verlaufen. Wesentliche Merkmale sind die lange
Entstehungszeit, die über Phasen der Gewohnheit, der Ersatzhandlung zur Phase
der Sucht führt. Das bedeutet einerseits, dass nicht jede Form von
Alkoholkonsum automatisch Sucht bedeutet, andererseits, dass die Übergänge von
einem nicht - süchtigen Alkoholkonsum zum Alkoholismus sehr fließend sind.
Wenn
auch Alkoholismus heute nicht mehr gesehen werden kann als ein zwingend linear
verlaufender destruktiver Prozess, so zeigen viele Verläufe doch einen
zunehmenden Grad von Chronifizierung. Nach herkömmlichen Modellen (JELLINEK)
teilt man diese Entwicklung in eine präalkoholische Phase, die Prodromalphase,
die kritische Phase und die chronische Phase ein.
In
der präalkoholischen Phase geht zwangloser Alkoholkonsum in Missbrauch über.
Vor allem sogenanntes Entlastungstrinken wird Ersatz für andere Problemlösungsmöglichkeiten.
In der Prodromalphase wird dieses Entlastungstrinken zunehmend zur Gewohnheit.
Diese Phasen bilden noch keine Grundlage für eine spätere Prognose einer Abhängigkeit.
Zunehmende
Erinnerungslücken, der Kontrollverlust und deutliche Veränderungen in der Persönlichkeit,
im Denken und Wahrnehmen, in den Beziehungen zu anderen Menschen, soziale
Schwierigkeiten und Erklärungssysteme für das Trinken kennzeichnen die
kritische Phase. Hier wird oft Abstinenz versucht und versprochen, allerdings
nicht dauerhaft aufrechterhalten. Wesentlich für uns ist der zunehmende Realitätsverlust
des Betroffenen. Die Verleugnung der eigenen Machtlosigkeit dem Alkohol gegenüber
und den daraus entstehenden Konsequenzen dient als Abwehrmechanismus gegen die
daraus resultierende Bedrohung. Der Alkoholiker in dieser Phase lebt den
Selbstbetrug und erleidet dadurch auch einen Kontaktverlust mit der Umgebung.
In
der chronischen Phase treten zunehmend organische Störungen auf, es kommt zu
einer ausgeprägten körperlichen Abhängigkeit und zum sozialen Abstieg.
Diese
Phasen sind allerdings nicht zwingend. Ihr Durchlaufen ist wesentlich von den
Reaktionen der Umgebung abhängig. Theoretisch ist in jeder Phase auch die
Chance zur Rehabilitation gegeben. Allerdings ist diese Chance desto größer,
je geringer die bereits aufgetretenen somatischen, psychischen und sozialen Schäden
sind.
Für
die Erscheinungsformen wird auch heute noch oft das ebenfalls von JELLINEK
stammende Schema verwendet. Er beschreibt fünf Typen (durch griechische
Buchstaben bezeichnet), die sich durch den Schweregrad einerseits, andererseits
durch die Art des Alkoholkonsums unterscheiden lassen.
In
der voralkoholischen Phase sind dies der Alpha- oder Problemtrinker und der
Beta- oder Geselligkeitstrinker.
Der
Alphatrinker nutzt bereits den Alkohol als Droge, er trinkt um innere Spannungen
und Konflikte zu bekämpfen, um sich zu entspannen und sich wohl zu fühlen. Die
Trinkmenge ist abhängig von der jeweiligen Stresssituation. Hier besteht die
Gefahr psychisch abhängig zu werden, da Alkohol als Spannungslöser verwendet
wird.
Der
Betatrinker trinkt in sozialen Zusammenhängen, mit Kollegen, Freunden und
Bekannten im Rahmen seiner Lebenswelt. Er ist sozial und psychisch unauffällig.
Vielleicht sogar ein begehrter Trinkpartner weil er so lustig ist. Durch den häufigen
Alkoholkonsum besteht vor allem eine Gefährdung durch körperliche Schäden und
auch einer körperlichen Abhängigkeit.
Tritt
durch langanhaltenden häufigen Konsum (und auf Grund einer ganzen Reihe von
Faktoren) eine Abhängigkeit auf, so entwickelt sich der Alphatyp zum Gammatyp.
Er ist nicht mehr fähig zu jeder Zeit bzw. in jeder Lage mit dem Trinken aufhören
zu können. Das heißt Abstinenz ist sogar über Wochen möglich. Trinkt er
jedoch so ist der Konsum nicht mehr kontrollierbar und wird zum Exzess. Hier
handelt es sich um den Rauschtrinker, der psychosozial sehr auffällig ist. Eine
körperliche Abhängigkeit liegt nicht vor (sonst wären abstinente Phasen nicht
möglich).
Der
Betatrinker entwickelt sich zum Deltatypus. Das ist der Spiegeltrinker mit
zunehmend ausgeprägter körperlicher Abhängigkeit. Er ist lange Zeit sozial
unauffällig, oft nie erkennbar alkoholisiert. Er braucht ständig einen
bestimmten Alkoholspiegel um körperliche Entzugserscheinungen hintanzuhalten.
Dieser Typus ist vor allem körperlich sehr gefährdet. Durch den dauernden
Konsum entstehen eine Reihe von Folgeschäden.
Der
fünfte Typ ist der Epsilon- oder Periodentrinker, der auch als Quartalstrinker
bezeichnet wird. Er hat abstinente Phasen, die sich mit tagelangen Rauschphasen
verbunden mit völligem Kontrollverlust, abwechseln.
Wie
bei jeder Typenlehre handelt es sich hier um Idealtypen, die selten in reiner
Form erscheinen. Es gibt verschiedene Mischtypen, die sich kaum klar abgrenzen
lassen.
Wesentlich
ist, dass nicht jeder Alkoholiker täglich trinken muss.
Es
gibt noch eine ganze Reihe moderner Typologien und Einteilungen. Dazu gehören
etwa die Kategorien des Österreichers LESCH. Er spricht von Prognosetypen
aufgrund neurologischer Merkmale. Der Typ I hat die beste Prognose. Er ist -
nach diesem Modell - körperlich so ausgestattet, dass er nach häufigem und
lang andauerndem Alkoholkonsum, körperlich abhängig wird. Therapieziel ist
hier die Abstinenz im Sinne einer Diät. Der Typ II trinkt um seine seelischen
Spannungen zu dämpfen, die meist eine neurotische Grundlage haben. Der Alkohol
ist quasi ein Medikament. Hier ist mit Rückfällen zu rechnen, wenn diese
Spannungen unerträglich werden. Die Typen III und IV sind Personen mit
zunehmend schwereren z.T. hirnorganischen Schäden. Eine bleibende Lebens- und
Verhaltensänderung ist kaum zu erwarten.
Abschließend
soll noch auf zwei wesentliche Begriffe eingegangen werden: physische oder körperliche
und psychische oder seelische Abhängigkeit.
Während
früher aufgrund einer naturwissenschaftlich - medizinischen Sichtweise die körperliche
Abhängigkeit besonderes Interesse fand, so sprach man aufgrund der geringen
Erfolge rein medizinischer Behandlungen später auch von der seelischen Abhängigkeit
und es entsteht der Eindruck als würden hiermit zwei bestimmte klar von
einander abgegrenzte Aspekte von Sucht beschrieben.
Tatsächlich
ist Abhängigkeit eine psychosoziale Erkrankung mit somatischen (körperlichen)
Begleiterscheinungen. Das heißt, dass ein kompliziertes System von
innerseelischen Prozessen, der Einfluss der Umgebung und körperliche Reaktionen
zusammenwirken. Die Art dieses Zusammenwirkens ist individuell sehr verschieden.
Unter
seelischer Abhängigkeit versteht man die Auswirkung dieser psychosozialen
Prozesse. Körperliche Abhängigkeit entsteht nur dann, wenn täglich über
einen langen Zeitraum eine bestimmte Mindestmenge konsumiert wird. Wir finden
dieses Phänomen auch bei Opiaten und bestimmten Medikamenten. Die Substanz wird
in das biochemische Gleichgewicht eingebaut. Es wird zunehmend mehr von dieser
Substanz benötigt um die gleiche Wirkung zu erzielen. Wird der Konsum eingeschränkt
gerät dieses biochemische Gleichgewicht in Unordnung (ähnlich beim Auftreten
von Hunger oder Durst), Entzugssymptome treten auf und werden von unangenehmen
seelischen Phänomenen begleitet. Dazu gehören Zittern, Schweißausbrüche,
Unruhe, Angst ,bis hin zu Halluzinationen (Delir). Im Extremfall können diese
Entzugserscheinungen tödlich sein.
Diese
körperliche Abhängigkeit bedarf in den meisten Fällen einer medizinischen
(stationären) Behandlung. Hier werden die Entzugserscheinungen durch
Medikamente gemildert. Diese Behandlung ist nach etwa 10 Tagen abgeschlossen.
Dann ist der Organismus entgiftet und das körperliche Gleichgewicht wieder
hergestellt. Diese Entzugsbehandlung ist nur ein Teil der (Be-) Handlung, die
allein nur äußerst selten zu bleibender Stabilität führ
Alkohol
in der Form von alkoholischen Getränken ist nicht nur ein Genussmittel, sondern
das bei uns mit Abstand am weitesten verbreiterte Rausch- und Suchtmittel.
Nur
ca. ein Sechstel der erwachsenen Österreicher sind abstinent, ein Viertel
trinkt täglich und 40 % mindestens einmal in der Woche. 37 % der Männer
trinken täglich, hingegen nur 12 % der Frauen. 13 % der erwachsenen Österreicher
trinken täglich mehr als 60 Gramm Alkohol (etwa vier Flaschen Bier oder ein
Liter Wein) und gehören damit zu einer Gruppe die zumindest gefährdet ist
alkoholkrank zu werden bzw. körperliche Folgeschäden davon zu tragen.
Umgerechnet auf die Steiermark ergibt das über 100.000 Personen. Nahezu die Hälfte
von ihnen ist bereits alkoholkrank im Sinne einer Abhängigkeit.
Der
Anteil der Frauen liegt dabei zwischen einem Viertel und einem Drittel.
Die
Österreicher trinken meistens Bier, gefolgt von Wein. Dabei ist die Art des
Getränkes völlig unerheblich für den Alkoholismus. Es kommt nur auf die Menge
des reinen Alkohols (Äthanol) und den Anteil an Methylalkohol und anderer
Schadstoffe an.
Die
(Be-) Handlung von Alkoholikern ist aussichtsreicher als gemeinhin angenommen
wird. Wesentlich ist, dass das (Be-) Handlungsprogramm individuell optimal
geplant wird und dass die Umgebung (familiär, betrieblich) ihren Beitrag
leistet. Sprach man früher von der Behandlungskette, so zeigten die
Erfahrungen, dass starre Schemen nichts bringen. Die komplexen Verläufe von
Sucht- und Rehabilitationsprozessen, machen flexible Kombinationen von Angeboten
notwendig.
Das
klassische Modell ist ein Phasenmodell. Es wird unterteilt in
Kontaktphase
(Beratungsstelle, niedergelassener Arzt)
Entgiftungsphase
(stationär, ambulant)
Entwöhnungsphase
(stationär, ambulant)
Rehabilitationsphase
(Beratungsstelle, Selbsthilfegruppe)
Ich
bevorzuge den Begriff (Be-) Handlungsmodule, um klarzustellen, dass starre
Phasen den Problemlagen nicht gerecht werden. Wie auch immer gehören zur
Suchtkrankenbehandlung drei wesentliche Einrichtungen: Beratungsstelle, Klinik
(Spezialklinik oder entsprechende Abteilung) und Selbsthilfegruppen die durch
entsprechende Kooperationsmodelle vernetzt sind.
Die
Aufgaben der Beratungsstelle sind unter anderem Information für direkt und
indirekt Betroffene, Motivationsarbeit, Erstellung und Koordination eines (Be-)
Handlungsplanes. Wenn jemand entschlossen und in der Lage ist eine (Be-)
Handlung durchzuführen, ist die Modifikation des Alkoholkonsums erstes Ziel.
Ein Modul in dieser Phase ist das Krankenhaus. Vor allem bei Vorliegen einer körperlichen
Abhängigkeit wird innerhalb von ca. 10 Tagen eine Entgiftung durchgeführt. Die
Entwöhnung umfasst neben den medizinischen Maßnahmen auch psychologische und
psychotherapeutische (Be-) Handlung (Einzel-, Familien und Gruppentherapie),
Beschäftigungstherapie, Sport und sozialarbeiterische Maßnahmen. In solchen
Programmen wird über durchschnittlich acht Wochen eine solide Stabilität
hergestellt. Auch Familienangehörige werden bereits miteinbezogen.
In
den meisten Fällen wird dadurch jedoch kein langfristiger Erfolg erreicht. Die
Patienten fühlen sich nach der Entlassung meist sehr wohl und sind sogar sehr
euphorisch, optimistisch und fühlen sich sicher. Dies tritt aufgrund der
Abstinenz und der körperlichen Erholung auf. Zurückgekehrt in die vertraute
Lebenswelt hat sich dort jedoch wenig verändert. Die Probleme persönlicher,
psychischer, sozialer und familiärer Art sind wahrscheinlich sogar deutlicher
sichtbar als vorher.
Hier
ist es notwendig auf verschiedenen Ebenen Veränderungen in die Wege zu leiten.
Das ist die Aufgabe der Beratungsstelle, die versucht dieser mit Angeboten wie
Begleitung, Einzel-, Paar-, Familien- und Gruppentherapie, Verweisung an
Selbsthilfegruppen, alkoholfreie Clubs, psychologische und medizinische Beratung
Psychotherapie etc. gerecht zu werden.
Die
immer wieder gestellte Frage nach der notwendigen Dauer der (Be-) Handlung bzw.
Begleitung kann nicht pauschal beantwortet werden.
Suchterkrankungen
können nicht operativ behandelt werden. Sie sind im Betroffenen in der ganzen
Vielschichtigkeit der menschlichen Existenz verankert und haben sich hier oft über
Jahrzehnte etabliert. Es gibt immer wieder Patienten, die mit sehr knappen und
kurzfristigen Maßnahmen das Auslangen finden. Doch im Allgemeinen sollte sich
jeder Betroffene vor Augen halten, dass wahrscheinlich ein jahrelanges
Engagement - auch wenn es nicht unbedingt intensiv sein muss - die meiste
Sicherheit und Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Wesentlich ist dabei auch
Anlaufstellen für den Krisen- bzw. Rückfall zu haben, um den Schaden
einzugrenzen.
Immer
wieder wird nach Erfolg gefragt und ob Abstinenz das einzige Ziel ist. Die
Forderung nach Abstinenz leitet sich einerseits von einem Modell einer
chronischen Stoffwechselstörung her (das heute so nicht aufrechtzuerhalten ist)
andererseits zeigt die Erfahrung, dass Abstinenz einen soliden Boden für
weitere Entwicklungsmöglichkeiten herstellt. Hingegen sind Rückfälle nicht
mit einem Scheitern der therapeutischen Bemühungen gleichzusetzen: letztlich
stellt jede, auch nur zeitweise Besserung eine Berechtigung für die
Suchtkrankenarbeit dar. Dennoch soll nicht verhehlt werden, dass bei ungünstigen
Voraussetzung (Chronifizierung bei ungünstigen psychosozialen
Rahmenbedingungen) oft alle Bemühungen letztlich scheitern. Es gibt wie bei
jeder schweren Erkrankung oder Störung etliche "unheilbare" Fälle.
Es
wird an verschiedenen Stellen immer wieder betont, dass Suchterkrankungen
umfassende Störungen sind, die in verschiedener Weise den ganzen Menschen und
auch die soziale Umwelt umfassen.
Aus
der Erfahrung der ambulanten Arbeit zeigt sich, dass viele Angehörige,
Kollegen, Vorgesetzte und Betreuungspersonen glauben, dass es ausreicht jemanden
zu motivieren eine Beratungsstelle aufzusuchen und dort einige male hinzugehen.
Die ambulanten Möglichkeiten werden dabei völlig überschätzt. Wenn jemand
eine Beratungsstelle aufsucht nur um seine Ehepartnerin zu beruhigen, oder weil
sein Vorgesetzter auf ihn Druck ausübt sind meist alle Bemühungen zum
Scheitern verurteilt.
Es
ist immer wichtig dem Betroffenen Ziele und nicht Lösungen vorzugeben.
Wesentlich ist eine Veränderung des Suchtverhaltens und nicht dass abbüßen
von Terminen. Motivationsarbeit ist auch die Aufgabe der sozialen Umgebung. Nur
wenn der Alkoholkranke sein Problem ernsthaft in Angriff nimmt (und gerade die
Sucht steht dem entgegen), ist ein Erfolg auch möglich. Die Delegation dieser
Aufgabe an die Beratungsstelle reicht oft allein nicht.
Der
BAS, steirischer Verein für Suchtkrankenhilfe, hat in diesem Zusammenhang auch
ein Angebot für Personen und Teams, die beruflich mit Personen in Kontakt
stehen, die vermeintlich suchtkrank oder gefährdet sind.
Dazu
gehört Supervision und Coaching von Einzelnen oder Teams und auch die
Einbeziehung dieser in den Beratungsprozess. Das geschieht meist in der Form von
Gesprächen, zu denen auch diese Personen beigezogen werden um ihre
Beobachtungen, Vermutungen und Meinungen einzubringen. Statt also etwa nur die
Auflage zu erteilen, dass ein auffälliger Klient sechs Monate den BAS aufsuchen
soll, muss ein Gespräch stattfinden indem z. B. der Betreuer deutlich macht,
was er für Verhaltensänderungen innerhalb dieses Zeitraumes konkret erwartet.
Aufgrund
ihrer Suchterkrankung neigen Abhängige dazu ihre Umgebung zu manipulieren und
den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Dazu gehört die Polarisierung der
Menschen im sozialen Umfeld in "Gute" und "Böse" . Die
Realität wird sehr verzerrt in die Beratungssituation eingebracht, der Berater
kann diese Angaben oft nicht überprüfen. Daher ist es notwendig die
Sichtweisen der Umgebung mit in den Beratungsprozess einzubeziehen. Der Berater
hingegen kann entsprechende Reaktionsweisen der Umgebung anregen, in der ja der
Betroffene oft viel mehr Zeit verbringt als in der Beratungsstelle.
Besonderheiten
des Alkoholismus
Im
Abschnitt Epidemiologie wurde schon angeführt, wie viele Menschen in Österreich
Alkohol konsumieren - auch in oft zu großen Mengen. Dazu kommt noch, dass es
Bevölkerungsgruppen gibt, die Bier und vor allem Most nicht zu den
alkoholischen Getränken zählen.
Es
ist heute nahezu unbestritten, dass geringe Mengen Alkohol der körperlichen
Gesundheit und dem seelischen Wohlbefinden zuträglich sind. Allerdings sind die
vorherrschenden Meinungen über Gefährdungsgrenzen meist viel zu hoch
gegriffen. Je nach Lebenswelt werden viel zu große Mengen als noch verträglich
eingestuft.
Für
die Berauschung fehlen uns klare Rituale. Im Gegensatz zu anderen Ländern,
bezeichnet man die Trinkkultur in Österreich als permissiv. D.h. sowohl
hinsichtlich der Trinkanlässe, der Konsumform. als auch der Menge gibt es
relativ wenig Beschränkungen. Alkoholkonsum wird nach wie vor als Ausdruck von
Männlichkeit, Erwachsensein und sozialer Kompetenz gesehen.
Es
gibt zwei historisch gewachsene Haupttendenzen in der Wahrnehmung des
Alkoholismus, nämlich das medizinische Krankheitskonzept einerseits und das auf
moralische Kategorien aufbauenden Lasterkonzept andererseits.
Das
erstere formuliert ein entsprechendes Suchtverhalten als Abhängigkeitserkrankung.
Diese fand schon vor Jahrzehnten Eingang in den Katalog der WHO. Noch heute wird
vom medizinischen Standpunkt aus vor allem Aufmerksamkeit auf vorhandene
Faktoren (genetisch) in der Persönlichkeit und Person des Abhängigen gelegt
und auch auf die Veränderung der Persönlichkeit durch den chronischen Konsum
des Abhängigen.
Obwohl
von den Krankenkassen und den öffentlichen Trägern Alkoholismus und sogar
Alkoholmissbrauch als Krankheit gewertet wird, ist das Lasterkonzept in unserer
Gesellschaft nach wie vor fest verankert. Der Süchtige wird als sprunghafte,
willensschwache, haltlose und asoziale Persönlichkeit gesehen, die sich durch
das Leben schwindelt.
Moderne
Überlegungen sprechen von multifaktoriellen Modellen der Abhängigkeit, die
auch für die Therapie bedeutsam sind.
Neben
somatischen (körperlichen) Voraussetzungen, spielen persönlichkeitspsychologische,
tiefenpsychologische und sozialpsychologische Faktoren eine Rolle. Dazu kommt
die nähere und weitere soziale Umgebung wie Familie, Freunde und Bekannte,
berufliche Situation usw. bis zur gesellschaftlichen Haltung gewissen
Rauschmitteln gegenüber.
Abhängigkeit
ist so, neben dem körperlichen Aspekt, ein Leiden, das durch psychische
Faktoren und soziale Beziehungen gefördert und aufrechterhalten wird. Die
Verhaltensweisen und Merkmale des Alkoholikers sind dabei Ausdruck seiner Störung.
Das heißt jedoch nicht, dass er frei von Verantwortung ist
Die
herrschende Doppelsicht der Alkoholabhängigkeit, die weite Verbreitung von
Alkoholkonsum, -missbrauch und -abhängigkeit, die langsame Entwicklung des
Krankheitsbildes und die damit verbundene Unschärfe zwischen Konsum und Abhängigkeit
und auch das Abwehrverhalten der Betroffenen ist die Grundlage für die
Schwierigkeiten im Umgang mit auffälligen Personen.
So
kommt es, dass der alltägliche private und professionelle Umgang mit
Alkoholproblemen noch weitgehend ein verkanntes und vor allem tabuisiertes
Problem ist, dem auch erfahrene Helfer oft hilflos gegenüberstehen.
Es
ist ganz wesentlich sich vom Alkoholiker ein Bild zu machen, das ihm in seiner
Störung gerecht wird. Dazu ist es wenig hilfreich ihn entweder als "Täter"
(Lasterkonzept) oder als "Opfer" (Krankheitskonzept) zu sehen. Es ist
zum Beispiel wesentlich, sich zu vergegenwärtigen, dass er sich aus freien Stücken
nicht zu einem kontrollierten Alkoholkonsum oder zur Abstinenz entschließen
kann. Gerade durch diese Unfähigkeit wird er ja als Alkoholiker definiert.
Ebenso sollten offensichtliche Lügen (auch zur eigenen emotionalen Entlastung)
als Verleugnen begriffen werden. Das heißt als Abwehr einer scheinbaren oder
tatsächlich bedrohlichen Realität. Ebenso wenig sollte man ihm jedoch die
Konfrontation mit eben dieser Wirklichkeit vorenthalten. Wie weiter unten bei
den coabhängigen Haltungen beschrieben, ist es äußerst problematisch ihm in
diese verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit zu folgen, seine Verleugnungen und
Erklärungssysteme zu akzeptieren. Wenn auch ein Alkoholiker nicht von allein
seine Konsumgewohnheiten ändern kann, so kann er doch adäquate Hilfe in
Anspruch nehmen. Es ist dafür verantwortlich, dass er alles in seiner Macht
stehende unternimmt, um seine Störung zu überwinden bzw. entsprechend damit
umzugehen.
Das
bedeutet auch eine neue Definition von Hilfe. Hilfe heißt hier nicht, den
Betroffenen an der Hand zu nehmen und seine Probleme zu lösen. Dies
stabilisiert - wie gesagt - nur die gegenwärtige Situation, da Alkoholiker aus
ihrer Störung heraus immer versuchen die Umwelt zu manipulieren, statt dort
anzusetzen wo Veränderung möglich und sinnvoll ist: bei sich selbst. Hilfe heißt
hier immer Hilfe zur Selbsthilfe. Ein chinesisches Sprichwort sagt: "Gib
einem Hungrigen einen Fisch und er hat einen Tag zu essen. Lehre ihn fischen und
er hat sein Leben lang zu essen".
In
diesem Zusammenhang kann es nicht darum gehen, alle Berufsgruppen zu
Alkoholismusexperten zu machen. Menschen in der sozialen Arbeit sind ohnehin
Experten für spezifische Problemstellungen. Ihre Aufgaben sind, Hilfe zu
leisten, Veränderungsprozesse anzustoßen und zu begleiten und anderes mehr.
So
muss es auch hier darum gehen, einfach Anregungen, Impulse und Kompetenzen zu
vermitteln, mit denen Grundlagen für ein offenes, weniger angstbesetztes
Umgehen mit der Problematik geschaffen werden.
Anzeichen
eines möglichen Alkoholproblems ergeben sich aus den Auffälligkeiten des
Verhaltens und körperlichen Merkmalen.
Neben
häufigen Alkoholkonsum großer Mengen (Fahne) und häufiger Berauschung sind es
natürlich vor allem organische Folgeschäden, die bei einem chronischen
Alkoholmissbrauch mit hoher Wahrscheinlichkeit auftauchen.
Dazu
gehören vor allem Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse (Diabetes) und der
Leber. Letztere sind in entsprechenden Testwerten, aber auch in
Hauterscheinungen und hormonellen Störungen sichtbar.
Das
allgemeine Verhalten ist charakterisiert durch einen zunehmenden Rückzug von
nicht trinkenden Menschen, Gedächtnislücken, ein gehäuftes aggressives
Auftreten, Reizbarkeit, häufige Klagen über körperliche Beschwerden, inadäquate
Verärgerung bei nichtigen Anlässen, eine reduzierte Frustrationstoleranz also
und oft ein sehr rechthaberisches, eher großspuriges Auftreten.
Weitere
Hinweise sind Prahlen mit der Trinkfestigkeit, relativ schnelles und gieriges
Trinken, hohe Trinkmengen, heimliches Trinken, morgendliche Übelkeit und
Zittern der Hände, Alkoholfahne, Unausgeschlafensein infolge von Schlafstörungen,
empfindliches Reagieren auf Anspielungen beim Alkoholkonsum und Trinken in
Stresssituationen.
Es
ist wichtig daran zu erinnern, dass die genannten Hinweise auf Verhaltens- und
Persönlichkeitsveränderungen kein "Beweis" für vorliegende
Alkoholprobleme betrachtet werden. Sie können auch auf andere Ursachen zurückgeführt
werden, wie etwa persönliche Schwierigkeiten, gesundheitliche oder familiäre
Probleme, Lebenskrisen, psychische Störungen, und auch auf eine besonders
belastende Arbeitsplatz- oder soziale Situation.
Erst
das gehäufte Auftreten dieser Anzeichen kann ein Hinweis sein. Allerdings Früherkennung
nicht dazu dienen Alkoholkranke zu "überführen",
"aufzudecken" und zu "bestrafen".
Eine
Laiendiagnose (aber auch die Diagnose durch einen Experten) führt fast immer
dazu, dass die Alkoholprobleme vom Betroffenen geleugnet werden. Dies ist
Bestandteil seiner Krankheit. Zur Einsicht ist ein längerer Lernprozess
notwendig.
Die
Wahrnehmung dieser Anzeichen ist zudem gewissen Verzerrungen unterworfen, vor
allem wenn eine gewisse emotionale Betroffenheit vorhanden ist. Dazu gehört die
eigene Haltung zum Alkoholkonsum (wie etwa von jemanden der seinen eigenen
Konsum kritisch bewertet oder streng abstinent eingestellt ist) oder die Haltung
dem vermeintlichen Alkoholiker (z.B. sympathisch/unsympathisch) gegenüber.
Ziel
der Früherkennung sollte sein, dem Betroffenen adäquate Hilfe anzubieten, die
ernste Situation zu erkennen und - wenn möglich - die Motivation für eine
entsprechende Veränderung zu erhöhen.
Wenn
Früherkennung zum "Aufdecken" benutzt wird, führt dies zu einer
Atmosphäre des Misstrauens, wo es nur mehr darum geht sich nicht erwischen zu
lassen und zu einer Verstärkung der krankheitseigenen Tendenz die jeweiligen
Schwierigkeiten im Umgang mit Alkohol zu verleugnen oder zu bagatellisieren.
Die
Grundlagen für den Umgang mit auffälligen Konsumenten liegen in mehreren
vernetzten Bereichen, die man sich als konzentrische Kreis vorstellen kann.
Die
Persönlichkeit des entsprechenden Menschen und die Folgen seiner
Alkoholkrankheit
Die
Persönlichkeit seines Gegenübers und dessen Reaktionsweise auf das
Verhalten des Betroffenen.
Der
Stellenwert des Umgangs mit Alkohol in der Lebenswelt
Kulturelle
und soziale Gepflogenheiten des Alkoholkonsums in der Gesellschaft
Es
ist schon angeklungen, dass es zwei wesentliche Eigenschaften der
Alkoholkrankheit gibt, die den Umgang damit schwierig machen.
Das
ist einmal die langsame Entwicklung, die sich auf viele Jahre erstrecken kann.
Es wurde schon erwähnt, dass sich die Entwicklung in eine Konsumphase,
Entstehungsphase (Prodromalphase), eine kritische und eine chronische Phase
einteilen lässt.
Dazu
kommt noch, dass die Übergänge zwischen den Phasen fließend sind, die
Anzeichen der ersten beiden nicht zwingend auf eine sich entwickelnde Alkoholabhängigkeit
hinweisen und umgekehrt jedoch gilt: je früher Interventionen gesetzt werden,
desto erfolgversprechender sind diese.
Zum
Wesen der Alkoholkrankheit gehört, das die dazugehörigen Symptome vom
Betroffenen verharmlost oder gar verleugnet werden. Sobald ein Alkoholgefährdeter
merkt, dass sein Konsum von den üblichen Normen abweicht, beginnt er diesen zu
verheimlichen.
Diese
Realitätsverzerrungen sind - abgesehen von Persönlichkeitsveränderungen durch
den chronischen Alkoholkonsum - als Abwehr gegen Ängste zu verstehen, die aus
dem Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit dem eigenen Verhalten gegenüber,
aber auch aus Angst vor Isolation und Sanktion entstehen.
Weitere
Formen dieser Abwehr sind auch betonte Leistungsfreude und Willfährigkeit und
die Abgabe der Eigenverantwortlichkeit (andere sind schuld am Trinkverhalten,
wie etwa die Bedingungen des Arbeitsplatzes, die familiäre oder soziale
Situation usw.).
Das
Eingeständnis der eigenen Problemlage ist hingegen bereits ein erster Schritt
zur Veränderung. Dazu braucht es jedoch einen längeren Lernprozess.
Wenn
man das Trinkverhalten nicht als Laster, sondern als Krankheit ernst nimmt (wie
es ja auch die Rechtslage tut) kann man umgekehrt vom Alkoholkranken auch nicht
verlangen, dass er sein Verhalten durch eine Willensentscheidung verändert. Es
gehört ja zum Wesen einer Abhängigkeitskrankheit, dass der Betroffene die
willentliche Kontrolle über seinen Alkoholkonsum verloren hat und diese
Herrschaft ohne Hilfe von außen nicht mehr wahrnehmen kann.
Eigenverantwortlichkeit
kommt jedoch dort zum Tragen, wo jemand in einem stufenweisen Prozess auf sein
Problem und auch auf Hilfsmöglichkeiten hingewiesen wird. Die Entscheidung adäquate
Unterstützung anzunehmen liegt in der Verantwortung des Alkoholgefährdete
Das
Alkoholkonsumverhalten eines bestimmten Menschen steht immer in irgendeiner
Weise in Beziehung zu seiner Umgebung. In Form einer Wechselwirkung zwischen dem
Verhalten des "Patienten" und seiner Umgebung entsteht ein gemeinsamer
Prozess.
Schon
im Punkt Früherkennung wurde darauf hingewiesen, dass die Haltung dem Klienten
einerseits und dem Alkoholkonsum an sich andererseits, einen starken Einfluss
auf die Wahrnehmung und Bewertung des Verhaltens hat.
Noch
stärker wirkt sich der wechselseitige Einfluss aus, wenn es darum geht erste
Schritte zu setzen bzw. eindeutige Interventionen zu planen.
Dazu
kommt gerade im sozialen Bereich häufig der Konflikt zwischen den Sichtweisen
des Alkoholismus: der Betroffene fühlt sich von zahlreichen Personen seiner
Umgebung als "Täter" im Sinne des Lastermodells verfolgt (der
vorwurfsvolle Ehepartner, der böse Chef, der Polizist, der den Führerschein
abnimmt usw.). Von Seiten des professionellen Helfers wird nun erwartet, dass er
das Krankheitsmodell anlegt und den Betroffenen als "Opfer" wahrnimmt
und behandelt - auch gegen die Umwelt verteidigt.
In
diesem Abschnitt wird das vorhergesagte deutlich: Es geht nicht nur um die
Frage, warum schaut die soziale Umgebung tatenlos zu, sondern um eine komplexe
Interaktionsdynamik, die üblicherweise als Co-Alkoholismus oder Co-Abhängigkeit
bezeichnet wird.
Ich
ziehe den Begriff co-abhängige Haltungen vor, da es sich meist um Phänomene
handelt, die sich - wie gesagt - erst in der Interaktion zwischen Abhängigen
und Repräsentanten der sozialen Umgebung ergeben.
Co-Alkoholismus
als Begriff hingegen suggeriert, dass hier ein Gegenüber eine eigene
krankheitswertige (Persönlichkeits-) Störung hat, die dem Alkoholismus
spiegelbildlich gegenüber steht. Natürlich ist das denkbar und kommt auch vor
(z.B. chronisches Helfersyndrom). Die Übergänge sind auch dabei fließend.
Betroffen können Lebenspartner, Freunde, Kollegen, Vorgesetzte aber vor allem
auch professionelle Helfer sein.
Auch
bei den co-abhängigen Haltungen werden Phasen unterschieden, die durch typische
Reaktionsweisen gekennzeichnet sind.
Sie
zeichnet sich durch Nachsicht und Verständnis aus. Auffälligkeiten werden
ignoriert, mögliche Alkoholprobleme verleugnet.
Obwohl
gewisse Anzeichen (siehe Früherkennung) nicht geheim bleiben, zeigt sich die
verbreitete Tendenz sich herauszuhalten, weil man ja nichts tun kann oder man
versucht den Betroffenen nicht zusätzlich zu belasten, weil es ihm ohnehin
nicht gut geht.
Diese
Phase steht in Wechselwirkung zur Persönlichkeit und dem Verhalten des Abhängigen.
Dieser ist problematisch im Umgang, entweder leicht kränkbar, oder reizbar und
aggressiv.
Im
Übergang zur nächsten Phase, wird der Betroffene oft aktiv vor den Folgen
seines Alkoholproblems geschützt, ohne, dass es zu einer Konfrontation kommt.
Im
Vordergrund steht eine gewisse Erwartungshaltung, man toleriert und entschuldigt
noch die Alkoholprobleme, spricht diese auch an und verknüpft damit die
Erwartung, dass der Betreffende in Zukunft weniger trinken sollte.
Professionelle
Helfer sind besonders von dieser Haltung gefährdet. Der
"Co-Alkoholiker" schlüpft damit in die Rolle eines (Therapeuten, der
dem Betroffenen signalisiert, dass er Verständnis für ihn hat, ihn als Opfer
begreift (oft im Gegensatz zur restlichen Umwelt). Er investiert emotional in
den Betroffenen, allerdings in der Erwartung, dass dieser als Gegenleistung sein
Trinkverhalten ändert. Wird diese emotionale Investition nicht belohnt, muss
mehr investiert werden.
Methoden
sind dabei eingeforderte Versprechen weniger oder nichts zu trinken (die auch
gerne gegeben werden) etc. Die folgende Frustration wird durch verstärkte Bemühungen
oder verzerrte Wahrnehmung wettgemacht, da die aufsteigende Aggression, die
bisherigen Investitionen zunichte machen würde..
In
der Helferdrangphase wird Verantwortung für den Abhängigen übernommen. Dieser
verlangt Zuwendung und Mitleid von seiner Umwelt, weigert sich aber sein
Verhalten zu verändern, weil er dies als massive Bedrohung empfindet.
Der
Teufelskreis aus Helfen - Frustration - Helfen etc. führt den
"Helfer" in eine Verstrickung, die für ihn eine schwere psychische
Belastung darstellt.
Die
Hinweise und Aktionen der Helferdrangphase brachten nicht den gewünschten
Erfolg, deshalb dominieren jetzt Beobachtung, Überwachung und Aggression gegen
den Suchtkranken.
Oft
besteht für das Helfersystem die einzige Lösung darin, sich dem drohenden
Realitätsverlust zu entziehen, indem der betroffene Klient massiv ausgegrenzt
wird. Als Reaktion auf die erlittene Kränkung und das Gefühl des Versagens,
wird der Betroffene wieder als Täter etikettiert. In der Suchttherapie meist
mit dem Satz " ... zu wenig motiviert!"
Problemorientierte
Interventionen
Der
oft geäußerte Wunsch nach klaren Handlungsanweisungen kann auch hier nicht
entsprochen werden. Interventionen bei abhängigen oder gefährdeten Klienten
dienen in erster Linie dazu, die oben skizzierten typischen Phasen einer co-abhängigen
Haltung zu überwinden und aus dieser Dynamik auszusteigen. Es geht also nicht
darum das richtige zu tun, sondern möglichst wenig falsch zu machen.
Zielbildung
Ziel
kann und muss nicht immer und ausschließlich eine entsprechende Behandlung und
lebenslange Abstinenz sein, da diese nicht immer erreichbar ist. Ich empfehle
die Bildung von übergeordneten Zielen: Was soll erreicht werden? Was kann
erreicht werden? Mit welchen Zwischenzielen gebe ich mich zufrieden? Was werde
ich tun, wenn diese nicht erreicht werden? Wie vereinbaren sich persönliche
Ziele mit denen des Betroffenen, der beruflichen Funktion und der Organisation
in der ich tätig bin?
Ziele
können dabei durchaus hierarchisch sein und - außer Heilung - auch Ebenen, wie
etwa Verschlechterung aufhalten (Versorgung, Stabilisierung), Kompensation von
Schädigungen, relative Verbesserungen (Rehabilitation) usw. umfassen.
Ich
folge dem Modell des intersubjektiven Dialoges: Im Gegensatz zum Modell des
Behandlers, der etwas für den Patienten tut, hat der Dialogpartner nur die
Verantwortung für seine Wahrnehmung, Reaktionen etc. zu übernehmen. Aus dem
Modell des intersubjektiven Dialoges ergeben sich folgende Grundsätze der Gesprächsführung,
die vor allem darin bestehen, weder die Position des Richters, Polizisten oder
Moralpredigers einzunehmen, noch soll Verantwortung für das Problem des
Klienten übernommen werden.
Allerdings
kann man kann die Meinung des Gesprächspartners ruhig zulassen. Er soll
allerdings seine, meist abweichende Meinung daneben stellen. Damit wird nicht
der Sachverhalt - der Alkoholkonsum - akzeptiert sondern nur die Sichtweise des
Sachverhaltes von Seiten des Klienten. Damit bleibt auch eine Gesprächsbasis
erhalten.
Sinnlos
ist der akribische Nachweis der Alkoholabhängigkeit. Abhängigkeit ist eine
Krankheitsdiagnose und eine solche sollte nicht gestellt werden. Außerdem sind
Alkoholabhängige reich erfahren in der Gegenbeweisführung. Durch solche
Diskussionen entsteht ein Clinch, den der Alkoholabhängige meist gewinnt. Das
schon oft zitierte Abwehrverhalten der Alkoholabhängigen ist ein Symptom der
Krankheit und kein persönlicher Angriff. Daher sind emotionale Reaktionen wie
etwa Ärger kontraproduktiv. Auch wenn ein Klient mit einer deutlichen Fahne
behauptet nichts getrunken zu haben. Vermieden werden sollten Diskussionen über
zulässige Trinkmengen, aber auch jede Übernahme von Verantwortung indem man
auf Gründe für den Alkoholkonsum eingeht.
Hilfreich
ist es, sich vom Ansprechpartner ein Bild als ganzer Mensch zu machen um ihn
nicht auf einen Symptomträger zu reduzieren: Was ist sympathisch oder schätzenswert?
Über welche Ressourcen verfügt er? Welche Lebensaufgaben meistert er oder hat
er gemeistert?