Peter Daum
eine kritische Auseinandersetzung mit
Diplomarbeit zur Erlangung des Grades eines
Diplom-Sozialarbeiters/Sozialpädagogen
an der Fachhochschule für Sozialarbeit und
Sozialpädagogik Berlin
eingereicht im Wintersemester 1990/91 am 29. November 1990
Projektseminar: Psychisch Kranke und Suchtkranke als
"klassische" Problemklienten von Sozialarbeitern
Schwerpunktbereich: Soziale Desintegration und Isolation
Erstgutachter: Jochen Bittler Zweitgutachter: Heide Bernd
Peter Daum: Eine kritische
Auseinandersetzung mit den Alcoholics Anonymous
Die vorliegende Arbeit befaßt sich mit Alcoholics
Anonymous, einer weltweit bestehenden Selbsthilfegruppe von Menschen mit
Alkoholproblemen, die auch in Deutschland unter dem Namen "Anonyme
Alkoholiker" bekannt und weit verbreitet ist. Daß der Titel dieser
Arbeit dennoch "Alcoholics Anonymous" lautet hat seinen Grund.
Vom Herbst 1988 an hatte ich als Teilnehmer des Programmes
"Integriertes Auslandsstudium" ein Jahr lang Gelegenheit, an einem
College in Georgia Theorie und Praxis der Sozialarbeit in den U.S.A.
kennenzulernen. Mein Schwerpunkt war dabei insbesondere die Arbeit mit Menschen
mit Alkohol- und Drogenproblemen. Schon bei der Suche nach einer geeigneten
Praktikumsstelle für das Projektpraktikum war der Stellenwert, den
Alcoholics Anonymous und die nach gleichem Muster aufgebauten Narcotics
Anonymous in diesem Bereich einnehmen, unübersehbar.
Das Praktikum absolvierte ich also notgedrungen in einer
Einrichtung, die weitgehend an der Philosophie dieser Selbsthilfegruppen
orientiert war und in der das gesamte therapeutische Personal aus Mitgliedern
von A.A. und N.A. bestand. Durch dieses Praktikum, aber auch durch private
Kontakte und den Besuch von A.A.-Meetings hatte ich Gelegenheit, einen gewissen
Einblick in die Welt von A.A. zu gewinnen. Daraus erwuchs das Interesse, mich
mit dem Phänomen Alcoholics Anonymous eingehender auseinanderzusetzen.
Die Fragen, auf die ich mich dabei insbesondere konzentrieren
will sind:
Da meine persönlichen Erfahrungen mit Alcoholics
Anonymous hauptsächlich aus den U.S.A. stammen und auch die verwendete
Literatur fast ausschließlich amerikanischen Ursprungs ist[alle
Übersetzungen von fremdsprachlichen Veröffentlichungen stammen vom
Verfasser] hat die vorliegende Arbeit ausschließlich für Alcoholics
Anonymous in den U.S.A. Gültigkeit und ist nicht notwendigerweise auf die
Anonymen Alkoholiker in Deutschland übertragbar.
Die offizielle A.A.- Geschichtsschreibung datiert die
Geburt von A.A. auf den 10. Juni 1935, den ersten Tag der andauernden
Nüchternheit ihres Mitgründers "Dr. Bob" Smith[ vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1989, S
171]. Doch es war eine längere Kette von Ereignissen, die zu der Bekehrung
von Robert Smith und schließlich zur Entstehung einer Millionen
Mitglieder umfassenden Organisation führte. Diese Entwicklung hatte
verschiedene Wurzeln in Religion, Psychologie und Medizin, die zu kennen
notwendig ist um die einzigartige Mischung aus Philosophie, Psychotherapie und
Kult, die für Alcoholics Anonymous charakteristisch ist zu verstehen.
Ihren Ausgang nahm die Entwicklung in Zürich.
"Rowland H.", ein wohlhabender junger Amerikaner, begab sich in
zunehmender Verzweiflung über seine Unfähigkeit, sein Trinken unter
Kontrolle zu bringen in Behandlung bei einem der berühmtesten Psychiater
der Zeit, C.G. Jung. Nach fast einem Jahr verließ er die Behandlung voll
Zuversicht, wurde jedoch bald wieder rückfällig[ vgl Kurtz 1988, S
8]. Als er den von ihm bewunderten Psychiater wieder aufsuchte, erklärte
ihm Jung, er sei ein völlig hoffnungsloser Fall; er würde nie wieder
seine Stellung in der Gesellschaft zurückerlangen, und wenn er lange leben
wolle müsse er sich einsperren lassen. Auf Rowland H.'s Drängen ob es
denn gar keine Hoffnung gebe räumte Jung ein, in seltenen Fällen
seien Alkoholiker durch ein spirituelles Bekehrungserlebnis das die ganze
Persönlichkeitsstruktur umwälzte von ihrem Alkoholismus genesen[ vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1989, SS 26
f].
In Reaktion auf diesen Hoffnungsschimmer trat Rowland H.
der "Oxford-Gruppe" bei, einer damals auch in Europa recht
erfolgreichen evangelistischen Bewegung, die in theologisch extrem
konservativer Weise versuchte, den Geist dessen was sie für das
Frühchristentum hielt wiederherzustellen. Dort fand er tatsächlich das
Bekehrungserlebnis, das ihn von seinem Zwang zum Trinken erlöste.
Zurück in New York wurde er im Hauptquartier der Oxford-Bewegung, der
Calvary Episcopal Church des Reverend Dr. Samuel Shoemaker, aktiv[ vgl. Kurtz
1988, S 9].
Die Oxford-Gruppe legte großes Gewicht auf die
Bekehrung anderer, und in Hinblick auf seinen eigenen Hintergrund
beschloß Rowland, diese Bemühungen hauptsächlich auf
Alkoholiker zu konzentrieren. Als er 1934 erfuhr, daß sein Freund
"Ebby T." wegen seines Trinkens von Zwangseinweisung in ein psychiatrisches
Krankenhaus bedroht war gelang es ihm, diesen zur Ideologie der Oxford-Bewegung
zu bekehren und bei Gericht eine Bewährungsfrist zu erwirken. Auch
für Ebby wurde die Identifikation mit der Oxford-Gruppe wichtiger als
Alkohol.[ ib.] Um die Botschaft weiterzugeben suchte
Ebby seinerseits den hoffnungslosesten und selbstzerstörerischsten Trinker
den er kannte auf, seinen alten Freund "Bill W".
Bill Wilson, ein früher recht erfolgreicher
Börsenmakler, war durch Börsenkrach und Alkohol in zunehmende Schwierigkeiten
geraten. Zwischen 1933 und 1934 war er auf Betreiben seiner Familie viermal in
das Charles. B. Towns Hospital zur Ausnüchterung eingewiesen worden. Dort
wurde er von Dr. William Duncan Silkworth behandelt, einem Arzt, dessen
Ansichten über Alkoholismus zu einem weiteren entscheidenden Element in
der Ideologie und Praxis der späteren Alcoholics Anonymous werden sollte[
vgl. Blumenberg 1977, S 2130].
Silkworth vertrat die Ansicht, Alkoholismus sei eine
Krankheit, eine physische Allergie gegenüber Alkohol; Alkoholiker seien
besessen von Alkohol und so verdammt, wieder zu trinken, und sobald sie die
geringste Menge Alkohol zu sich nähmen, verlören sie jegliche
Kontrolle über ihr Trinken . Nach Bill Wilsons wiederholten Rückfällen
erklärte er diesem schließlich, er sei völlig hoffnungslos und
seine einzigen Alternativen seien, sich einsperren zu lassen,
verrücktzuwerden oder zu sterben[ vgl. Kurtz 1988, S 15].
Das war der Stand der Dinge, als Wilson von seinem
Schulkameraden Ebby aufgesucht wurde. Er war ziemlich perplex, als Ebby den ihm
angebotenen Drink ablehnte und Bill erklärte, er habe Alkohol nicht mehr
nötig- er habe Religion. In Anbetracht seiner Hoffnungslosigkeit war Bill
sehr begierig, mehr zu erfahren und so sprachen die beiden für mehrere
Stunden[ vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc.
1989, SS 9 ff].
Nach einigen weiteren Gesprächen war Wilson
überzeugt und bat um die Aufnahme in die Oxford-Gruppe. Da er Anzeichen
von Delirium Tremens zeigte begab er sich zu einer letzten Entziehung ins
Krankenhaus[ ib., S 15.]. Als er dort während der
Nacht für ein Zeichen von Gottes Gegenwart betete hatte er eine
religiöse Vision:
Plötzlich erhellte sich der Raum von einem
großen, weißen Licht. Ich war gefangen in einer Ekstase, die zu
beschreiben es keine Worte gibt. Es schien mir vor meinem inneren Auge,
daß ich auf einem Berge war, wo ein Wind bläst, der nicht aus Luft,
sondern aus Geist besteht. Und dann explodierte es in mir, daß ich ein
freier Mann war. Langsam ließ die Ekstase nach. Ich lag auf dem Bett,
aber jetzt war ich in einer anderen Welt, einer neuen Welt der
Bewußtheit. Ich war durchdrungen von dem wundervollen Gefühl Seiner
Gegenwart, und ich sagte mir: "Also das ist der Gott der Prediger!"
Ein großer Friede kam über mich, und ich dachte mir: "Egal wie
falsch die Dinge zu sein scheinen, sie sind in Ordnung. Alles ist in Ordnung
mit Gott und Seiner Welt."[ Wilson, zit. n.: Kurtz 1988, SS 19 f]
Als er Silkworth von dieser Erfahrung berichtete, empfahl
ihm dieser, William James' "Varieties of Religious Experience" zu
lesen. Dieses Buch, in dem unter anderem auch Bekehrungserlebnisse von
Alkoholikern geschildert werden, wurde zu einem weiteren wichtigen Baustein
für das Programm von Alcoholics Anonymous[ vgl.
Blumenberg 1977, SS 2131 f]. In Bill Wilson's Interpretation war James'
Botschaft:
Spirituelle Erfahrungen (...) können objektive
Realität haben; fast wie unerwartete Geschenke können sie Menschen
umformen. (...) alle hatten die großen gemeinsamen Nenner von Schmerz,
Leiden, Elend. Völlige Hoffnungslosigkeit und tiefe
Demütigung["deflation at depth"] waren fast immer Voraussetzung
um den Empfänger bereit zu machen. Die Bedeutung all dessen brach
über mich herein: Tiefe Demütigung - ja, das war es. Genau das war
mit mir geschehen.[ Wilson, zit.
n.: Kurtz 1988, SS 20 ff]
Damit war der Grundstein zur Entwicklung von Alcoholics
Anonymous gelegt:
Eine Hälfte der
Kernidee - die Notwendigkeit spiritueller Bekehrung - wurde von Dr.
Carl Jung an Rowland weitergegeben. Eingekleidet in die
Praxis der Oxford-Gruppe
hatte es im ersten Treffen von Bill und Ebby die andere,
noch separate Hälfte
aufsteigen lassen - die gleichzeitige Weitergabe von
Demütigung und Hoffnung
durch "einen Alkoholiker, der zu einem anderen
spricht". Nun, unter der gütigen
Führung von Dr. Silkworth und den tiefschürfenden
Gedanken von William James,
verschmolzen die zwei Hälften, um in Wilson's Geist
ein bis dahin nur implizit
verwirklichtes Ganzes zu bilden.[ Kurtz 1988, S 21]
In Bill Wilson keimt die Vision einer Kettenreaktion unter
Alkoholikern: "Als ich im Krankenhaus lag kam mir der Gedanke, daß
es Tausende von hoffnungslosen Alkoholikern gibt, die froh sein würden,
das zu haben, was mir so großzügig gegeben worden war. Vielleicht
könnte ich einigen von ihnen helfen. Sie wiederum könnten anderen
helfen."[ Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1989, S 14]
Jedoch ist Wilson noch weit entfernt davon, eine eigene
Organisation zu gründen; er engagiert sich weiterhin in der Oxford-Gruppe
und beginnt eine lebenslange Freundschaft mit Samuel Shoemaker, dessen Lehren
später weitgehend die Formulierung und Interpretation der 12 Schritte von
A.A. bestimmen werden[ vgl. Knippel 1987, S 285]. In der Oxford-Gruppe
erklärt Bill Wilson, er werde alle Säufer dieser Erde
ausnüchtern und beginnt zu Trinkern von den Prinzipien der Oxford-Gruppe,
insbesondere von der Notwendigkeit der Bekehrung und Wiedergutmachung und von
den "Vier Absolutheiten" der Gruppe - absolute Ehrlichkeit, absolute
Reinheit, absolute Selbstlosigkeit und absolute Liebe - zu predigen. Jedoch ist
er damit zunächst nicht übermäßig erfolgreich. Die meisten
der Alkoholiker die er zur Oxford-Gruppe bringt trinken binnen kurzer Zeit
wieder[ vgl. Kurtz 1988, S 25].
Als Bill Wilson daraufhin Dr. Silkworth um Rat bittet, wird
er von diesem an seine eigene Erfahrung erinnert, daß ein Zustand tiefer
Demütigung und Verzweiflung nötig ist um den Alkoholiker bereit zu
machen. Er empfiehlt, zuerst über den medizinischen Aspekt zu sprechen,
darüber, daß Alkoholiker zu Tod oder Wahnsinn verdammt seien wenn
sie nicht aufhörten zu trinken. Erst wenn es ihm gelungen sei, deren
zähe Egos zu brechen könne er beginnen, ihnen die ethischen
Prinzipien der Oxford-Gruppe zu vermitteln.[ ib, S 26]
Bei einem Geschäftsaufenthalt Bill Wilsons in
Akron/Ohio kommt es dann zu der Begegnung mit "Dr. Bob", die von A.A.
als die eigentliche Geburtsstunde ihrer Organisation betrachtet wird. Bill's
Geschäfte laufen nicht zu gut. Er ist an einem unvertrauten Ort,
diskreditiert und fast mittellos, und fühlt, daß er entweder mit
jemandem sprechen muß oder rückfällig werden wird.
Schließlich kommt ihm der Gedanke an all die anderen Alkoholiker, denen
er hatte helfen wollen[ vgl. Alcoholics Anonymous
World Services Inc. 1989, S 154].
So setzt sich Wilson telephonisch mit der örtlichen
Oxford-Gruppe in Verbindung und wird dort an Henrietta Seiberling verwiesen.
Diese wiederum arrangiert ein Treffen mit Dr. Robert Smith, einem angesehenen
Arzt und Oxford-Gruppenmitglied, den sie schon lange versucht hatte,
auszunüchtern[ vgl. Kurtz 1988, S 28]. Smith ist von Wilsons Beispiel sehr
beeindruckt. Obwohl er auch in der Oxford-Gruppe aktiv gewesen war, war es ihm
bisher nicht gelungen, für längere Zeit nüchtern zu bleiben.
Beide kommen zu dem Schluß, daß der spirituelle Ansatz alleine
nicht genügt, solange man nicht versucht, ihn an andere weiterzugeben[ ib., S 32].
Smith lädt Wilson ein, bei ihm und seiner Frau zu
wohnen. Es beginnt eine Zeit intensiven Unterrichts in den Prinzipien der
Oxford-Bewegung durch Dr. Bob's Frau Anne Smith und Henrietta Seiberling.
Insbesondere lernen Wilson und Smith, den Tag damit zu beginnen, Gottes Wille
zu erforschen.[ ib., S 40]
Außerdem beginnen die beiden auf Vorschlag Dr. Bobs
schon einen Tag nachdem dieser beschlossen hatte, Wilsons Programm zu folgen
damit, mit anderen Alkoholikern zu arbeiten[ ib., S
37]. Bill bleibt den ganzen Rest des Sommers, doch das Resultat ihrer
gemeinsamen Anstrengungen ist vorerst äußerst frustrierend. Trotz
intensivster Anstrengungen gelingt es ihnen nur bei zwei anderen Alkoholikern,
sie von ihrem Programm zu überzeugen, was einer Erfolgsquote von weniger
als fünf Prozent entspricht.[ ib., S 42]
Zurück in New York setzt Bill seine
Missionierungsbemühungen gemeinsam mit seiner Frau Lois fort. 6 Monate
lang bringen sie Alkoholiker in ihr Haus, um sie dort liebevoll zu pflegen.
Nach einigen katastrophalen Erfahrungen geht Wilson dazu über, sich im
Towns Hospital nach möglichen Kandidaten umzusehen und sie zu den Treffen
der Oxford-Gruppe einzuladen. Zunächst nur sehr langsam wächst die
Zahl der Alkoholiker in der Gruppe.[ ib., S 43 ff]
Da die Oxford-Gruppe vorwiegend daran interessiert ist,
Prominente als Aushängeschild zu gewinnen wachsen jedoch auch zusehends
die Spannungen zwischen den Alkoholikern und dem Rest der Gruppe. 1937 kommt es
schließlich zum Eklat. Als Bill entdeckt, daß Alkoholiker die er
zur Mission der Oxford-Gruppe geschickt hatte dort nicht eingelassen wurden,
beschließt er, eine eigene Gruppe zu gründen. So spalten sich die
Alkoholiker ab, um unabhängig von der Oxford-Gruppe in den gemeinsamen Bemühungen
um eine spirituelle Art nüchtern zu leben fortzufahren.[
ib., SS 45 ff]
Obwohl die Alkoholiker-Gruppe auch weiterhin stark von
ihren Wurzeln in der Oxford-Gruppe geprägt ist, ist in der Folgezeit
insbesondere Wilson darauf bedacht, zumindest im öffentlichen
Bewußtsein nicht mit dieser assoziiert zu werden, um so mehr als er
erfährt, daß die katholische Kirche plant, die Oxford Bewegung zu
verdammen und befürchtet, sein Programm könnte ebenfalls unter diese
Verdammung fallen[ ib., S 47].
Die Abspaltung der New Yorker Alkoholiker-Gruppe bedeutet
gleichzeitig faktisch eine Spaltung der noch namenlosen und nur eine Handvoll
Mitglieder zählenden Bewegung, denn Robert Smith's Gruppe in Akron/Ohio
versteht sich noch für lange Zeit weiterhin als Bestandteil der Oxford-Bewegung[ ib., S 56] und ist auch in ihren Praktiken deutlicher von
dieser geformt. So ist in Akron zum Beispiel als Voraussetzung für die
Aufnahme ein öffentliches Schuldbekenntnis und rituelles Eingestehen der
persönlichen Machtlosigkeit gegenüber Alkohol üblich[ ib., S 54]. Zwar sind die Unterschiede zwischen den
Gruppen eher stilistischer als inhaltlicher Natur aber nichtsdestotrotz
entwickelt sich zeitweise eine deutliche Rivalität zwischen den zwei
Gruppen[ ib., S 62 f]. Die Nachwirkungen dieser
Spaltung in zwei Linien mit etwas unterschiedlichen Schwerpunkten sind auch in
der Alcoholics Anonymous-Bewegung von heute noch sichtbar[ ib.,
S 205 f].
Schon 1937 hat Wilson einige ziemlich hochfliegende
Pläne, wie sich das Programm in großem Stil weiter verbreiten lassen
würde. So erwägt er zum Beispiel die Schaffung einer auf Alkoholismus
spezialisierten Krankenhauskette und die Einstellung bezahlter Arbeiter als
Missionare[ vgl. Chaiken 1979, S 6]. Vor allem jedoch will er das Programm der
Gruppen, um es vor Verzerrungen zu bewahren, in Buchform festhalten. Besonders
in Akron werden seine Ideen mit wenig Begeisterung aufgenommen,
schließlich jedoch zögernd akzeptiert[vgl. Alcoholics Anonymous
World Services Inc. 1989, S 57; diese Ideen wurden offenbar tatsächlich
auch in die Tat umgesetzt, endeten jedoch mit Ausnahme des Buches in einem
ziemlichen Fiasko: vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1953, SS 155
ff].
Zudem geraten sowohl die Wilsons als auch die Gruppe in
zunehmende Finanzprobleme. Wilson bekommt ein Angebot des Towns Hospital, seine
Arbeit mit Alkoholikern dort bezahlterweise fortzusetzen. Nachdem er diesen
Plan mit der Gruppe bespricht und diese sich ablehnend äußert - eine
erste Manifestation dessen was sich später als "Gruppenbewußtsein"
in den "Zwölf Traditionen" von Alcoholics Anonymous
niederschlagen wird - lehnt Bill ab.[ ib., SS 136 ff]
In Bezug auf die Gruppe werden die Bemühungen, einen
großzügigen Geldgeber zu finden jedoch fortgesetzt. Dies ist
zunächst erfolglos; als es im Frühjahr 1938 gelingt, ein Treffen mit
der Rockefeller-Foundation, einer Wohltätigkeitsstiftung des damals
reichsten Amerikaners zu arrangieren, wird dies als die große Chance
gesehen.[ vgl. Chaiken 1979, SS 6 ff] John D. Rockefeller steht dem ihm
vorgetragenen Programm durchaus positiv gegenüber, ist jedoch der Meinung,
daß Geld diesen Versuch, das Christentum des ersten Jahrhunderts
auszuleben, nur verderben würde. Deshalb stellt er der Alkoholiker-Gruppe
lediglich die in Anbetracht der erhofften Beträge äußerst
bescheidene Summe von $5000 zur Verfügung.[ vgl. Kurtz 1987, SS 66 ff]
Dies reicht zwar bei weitem nicht aus, die ursprünglichen hochfliegenden
Pläne zu verwirklichen, genügt jedoch, um zum einen eine
gemeinnützige Gesellschaft namens "Alcoholic Foundation"[ das
spätere "General Service Board"] und eine Art Aufsichtsrat[ den
"Board of Trustees", der zunächst mit 2 Mitgliedern der Gruppe
und 3 Nichtalkoholikern besetzt ist; vgl. Silcott 1971, S 11] für die
Bewegung ins Leben zu rufen, zum anderen, um Wilson während der Verfassung
seines Buches finanziell abzusichern[ vgl Chaiken 1979, S 7].
In diesem Buch wird die
Philosophie und die Praxis der inzwischen auf insgesamt etwa hundert Mitglieder
in und um Akron und New York angewachsenen Bewegung zum ersten Mal schriftlich
festgehalten. In Diskussionen während der Treffen hatte sich die
Mitgliederschaft auf 6 Schritte geeinigt, die nach allgemeiner Meinung die
Erfahrungen aus den Oxford-Gruppen am besten zusammenfaßt[ vgl. Kurtz
1987, S 69]. Auf dieser Grundlage verfaßt Wilson die "12
Schritte"[ siehe Anhang Fehler! Textmarke nicht definiert. auf Seite
Fehler! Textmarke nicht definiert.], die das zentrale Element der Bewegung
werden.
Zumindest einzelne Mitglieder der Gruppe kritisieren von
Anfang an den eindeutig religiösen Ton dieser Schritte[
vgl. Kurtz 1987, SS 70 f]. Teils um diesen Eindruck abzumindern, teils
aus Besorgnis, die katholische Kirche könnte die Bewegung als
religiöse Konkurrenzorganisation einstufen - zumindest ein Priester hatte
seiner Gemeinde schon den Besuch der Treffen verboten - werden einige
Änderungen vorgenommen. Statt einfach "Gott" heißt es
fortan "eine Macht größer als wir selbst" oder "Gott,
wie wir ihn verstanden".[ ib., S 76] Außerdem werden auf Anraten
eines befreundeten Psychiaters in dem gesamten Buch die ursprünglich als
Gebote formulierten Grundsätze zu Beschreibungen der eigenen Erfahrungen
abgeschwächt[ ib., S 75].
Veröffentlicht von der "Works Publishing
Inc." (später: Alcoholics Anonymous World Services Inc.), einer
Aktiengesellschaft, die sich aus Gruppenmitgliedern und einigen
Unterstützern zusammensetzt, wird im April 1939 das Buch
veröffentlicht, das der Bewegung den Namen gibt: Alcoholics Anonymous[
vgl. Chaiken 1979, S 7]. Dieser Name war dabei eher ein Zufallsprodukt[ Wilson soll angeblich "The Way Out- The Bill W.
Movement" favorisiert haben; vgl Kurtz 1987, SS 74 ff]. Zwar war
Anonymität in der Bewegung üblich gewesen, jedoch hauptsächlich
weil die Mitglieder anderenfalls geschäftliche Nachteile befürchteten[ ib., S 87]; zum "spirituellen Prinzip" wurde sie
erst 1953 in den "12 Traditionen"[ Alcoholics Anonymous World
Services Inc. 1953] erhoben.
Finanziell bringt das Buch nicht den erhofften Erfolg,
worunter nicht zuletzt die individuellen Mitglieder als Geldgeber des Verlages
leiden. Doch wiederum kommt Rockefeller zu Hilfe, indem er der Alcoholic
Foundation genug Geld leiht, um den Verlag den einzelnen Aktieninhabern
abzukaufen. Viel wichtiger noch ist ein von ihm veranstaltetes Dinner, auf dem
er Alcoholics Anonymous die Gelegenheit bietet, ihr Programm seinen reichen und
einflußreichen Gästen vorzustellen, was zum einen hilft, die
finanzielle Situation zu verbessern, und zum anderen die Aufmerksamkeit der Presse
erregt.[ vgl. Chaiken 1979, S 8]
Das Wachstum der Bewegung war bis dahin sehr langsam
gewesen, doch dies ändert sich zusehends, als es Alcoholics Anonymous
gelingt nationale Publicity zu gewinnen. Den Anfang macht die angesehene
Zeitung "Cleveland Plain Dealer", die im April 1940 einen sehr
beifälligen Artikel über Alcoholics Anonymous veröffentlicht[
vgl. Hurvitz 1974, S 99]. Im April 1940 erklärt auf einer Pressekonferenz
ein gefeierter Baseball-Star, er sei Alkoholiker, und nur Dank Alcoholics
Anonymous jetzt nüchtern[ vgl. Kurtz 1987, SS 85
ff]. Den großen Durchbruch bewirkt vor allem ein 1941 erscheinender
Artikel in der auflagenstarken Saturday Evening Post, nach dem A.A. praktisch
über Nacht in aller Munde ist und die Mitgliederzahlen sprunghaft in die
Höhe schnellen[ Cain 1967, S 81].
Dies sind nur einige Beispiele in einer Welle von
Veröffentlichungen über A.A. in den Jahren ab 1939. Zumindest in
dieser Anfangszeit des Wachstums von A.A. ist die Art der Mitgliederwerbung
für Alcoholics Anonymous im allgemeinen sehr aggressiv und durchaus nicht,
wie in den "12 Traditionen" festgelegt auf Attraktion statt auf
Promotion aufgebaut[ wobei die 12 Traditionen natürlich erst 1946 erstmals
formuliert wurden und von daher zum Teil auch eine Reaktion auf das Geschehene
darstellen; vgl. Kurtz 1987, S 100 (Fußnote)] Ziemlich häufig
erfolgt sie, im Gegensatz zum erklärten Grundsatz der Anonymität,
durch Nutzung prominenter Mitglieder als Aushängeschild.
Von Anfang an bemüht sich A.A. ganz besonders, die
medizinische Profession für sich zugewinnen. Schon 1939 werden in einer
großangelegten Aktion Postkarten an Ärzte verschickt, um diese auf
die junge Bewegung und das gerade erschienene Buch aufmerksam zu machen. Die
erhoffte Flut von Buchbestellungen bleibt jedoch aus. Zwar wird A.A. in der
medizinischen Welt durchaus zur Kenntnis genommen; es erscheinen auch einige
Rezensionen inFachzeitschriften. Insgesamt jedoch ist die Ärzteschaft A.A.
gegenüber zunächst zurückhaltend bis ablehnend[
vgl. Kurtz 1987, SS 91 ff].
Ab etwa 1943 beginnt sich dies allmählich zu
ändern. Wilson erhält immer mehr Einladungen, vor medizinischen
Gremien das Programm von Alcoholics Anonymous vorzustellen und kann so
zahlreiche Kontakte knüpfen[ ib., S 117]. Am
wichtigsten in diesem Zusammenhang dürfte sein, daß es gelingt, den
"Papst" der Alkoholismus-Forschung, Dr. E. M. Jellinek von der Yale
University, zu gewinnen. Jellinek's Ansehen als Wissenschaftler war wahrscheinlich
der ausschlaggebende Faktor für den Siegeszug von Alcoholics Anonymous in
der medizinischen Welt.
Im Januar 1944 kündigt Jellinek, hauptsächlich
auf Betreiben von Marty Mann[die übrigens das erste weibliche
A.A.-Mitglied war und selbst mit ihrem 1953 erschienenen "New Primer on
Alcoholism" sowie als Leiterin des National Council on Alcoholism
ebenfalls erheblich zur Akzeptanz von A.A. bei Medizinern beitrug], einige
Programme der Yale University mit dem Ziel, dem Konzept von Alkoholismus als (behandelbarer)
Krankheit zum Durchbruch zu verhelfen an. Eines dieser Programme, das in den
folgenden Jahren beträchtlicheÖffentlichkeitsarbeit betreibt, ist das
"National Committee for Education on Alcoholism". In das
Beraterkomitee der Organisation werden auch die beiden Gründer von
Alcoholics Anonymous berufen[ Kurtz 1987, SS 118 f].
Die reichliche Publicity und der damit verbundene
Mitgliederzuwachs beginnen auch, die Mitgliederzusammensetzung zu
verändern. War davor das Programm hauptsächlich persönlich
weitergegeben worden, und zwar, da das A.A.- Konzept des "hitting
bottom"[ etwa: am Boden zerstört sein] dies nahezulegen schien,
hauptsächlich an ältere und durch ihren Alkoholkonsum schon
weitgehend ruinierte Menschen, so kommen nun auch gelegentlich jüngere,
denen die Identifikation damit schwerfällt.
Dies führt zum Konzept des "high bottom".
Grundsätzlich wird zwar nach wie vor die Notwendigkeit des "hitting
bottom" betont, jedoch eher im Sinne einer emotionalen Erfahrung der
völligen Hilflosigkeit gegenüber Alkohol. Deshalb verlegt man sich
darauf, die frühen Symptome der Krankheit Alkoholismus darzustellen,
verbunden mit einer eindringlichen Betonung der Unausweichbarkeit der
Progression[ ib., S 115].
Auf der ersten internationalen Konferenz von Alcoholics
Anonymous, die 1950 in Cleveland stattfindet, werden die 12 Traditionen[ siehe
Anhang Fehler! Textmarke nicht definiert. auf Seite Fehler! Textmarke nicht
definiert.] als eine Art Statut der Organisation verabschiedet. Während
die 12 Schritte das Programm von A.A. für das einzelne Mitglied
darstellen, regeln die 12 Traditionen das Verhalten der einzelnen Gruppen und
von Alcoholics Anonymous an sich sowie deren Verhältnis zur Außenwelt.[
vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1953, SS 129 ff] Hauptziel der
Traditionen ist, das Fortbestehen und die Einheit von Alcoholics Anonymous
sicherzustellen, da diese als Voraussetzung der persönlichen
"Genesung" betrachtet werden[ vgl. Silcott 1971, SS 14 f]
Schon Mitte der fünfziger Jahre ist es Alcoholics
Anonymous gelungen, beträchtliches Ansehen in medizinischen Kreisen zu
erringen. So zeigt z.B. eine 1956 von Hayman unter Psychiatern
durchgeführte Studie, daß 99% der befragten Psychiater A.A.
grundsätzlich gutheißen und 77% auch Patienten, die Probleme mit
Alkohol haben dorthin überweisen. Insgesamt wird der Erfolg von A.A.
höher bewertet als der der eigenen Arbeit.[ zit.
n. Leach 1973, S 251]
Spätestens in den sechziger Jahren hat sich Alcoholics
Anonymous zur mit Abstand am weitesten verbreiteten Therapie gegen Alkoholismus
entwickelt. A.A. ist jedoch nicht nur die bekannteste Selbsthilfegruppe; auch
im Bereich professioneller Alkoholismustherapie und in staatlichen
Institutionen die mit Alkoholismus befaßt sind setzt sich die Ideologie
von Alcoholics Anonymous zusehends durch[ vgl. Cain 1967, S 84].
Gleichzeitig mit der gestiegenen Bekanntheit und dem
zunehmenden Einfluß wird jedoch in den sechziger Jahren auch zusehends
heftige Kritik laut. So werfen z.B. Chafetz/Demone (1962)
A.A. vor, es sei an Alkoholikern nur insoweit interessiert
als sie zur Stärkung und Verewigung der Organisation beitrügen[ zit.
n. Hurvitz 1974, S 92] und kritisieren A.A.'s sekten- und kultähnliche
Aspekte. J. Ellison attackiert den "kurzsichtigen Konservatismus" der
Alcoholics Anonymous[ zit. n. Kurtz 1987, S 145] und A. H. Cain (1967) beklagt
A.A.'s zunehmenden religiösen Fanatismus und seine Intoleranz
gegenüber jeglicher Kritik[ vgl. Cain 1967]. Nicht zuletzt sieht sich
Alcoholics Anonymous heftiger Kritik wegen der Rassentrennung in den Meetings
ausgesetzt; es geht das Gerücht, Wilson als Ex-Wallstreet-Mann werde durch
Schwarze aus der Fassung gebracht[ vgl. Kurtz 1987, S 148]. Allen Kritikern
gemeinsam ist jedoch die Betonung , daß A.A.
ursprünglich gut war und die beklagten Entwicklungen neuere Erscheinungen
seien[ ib., S 145].
Ein weiterer Trend mit dem sich A.A. in den sechziger Jahren
auseinandersetzen muß ist das zunehmende Auftauchen von Bewohnern der
innerstädtischen Slums, die oft auch Probleme mit anderen Drogen
außer Alkohol haben, auf den Meetings. Von Anfang an war auch innerhalb
von Alcoholics Anonymous bemängelt worden, daß sich offensichtlich
hauptsächlich Angehörige der Mittelschicht von der Organisation
angesprochen fühlen. So waren auch unter den im "Big Book"[ ironisch/ehrfurchtsvoller Kosename in A.A. für das
Buch "Alcoholics Anonymous"] enthaltenen persönlichen Geschichten
ursprünglich überwiegend Angehörige zumindest der Mittelschicht
vertreten gewesen[ In späteren Auflagen war diese Sektion deshalb
erweitert worden]. Die sehr Reichen und sehr Armen waren auf A.A.-Meetings
gierig begrüßt worden, hauptsächlich weil sie die
Universalität der "Krankheit" bewiesen.[
vgl. Kurtz 1987, S 133] Dem zunehmenden Ansturm von Drogenabhängigen aus
den innerstädtischen Slums fühlt sich A.A. jedoch nicht gewachsen. So
vollzieht sich, parallel zum Exodus der Kirchen, auch A.A.'s Rückzug aus
den Innenstädten[ ib., S 164 f].
Das Problem der Alkoholiker, die auch Schwierigkeiten mit
anderen Drogen außer Alkohol haben, soll noch einige Konferenzen von
Alcoholics Anonymous beschäftigen. Die Politik in dieser Frage, die sich
in den sechziger Jahren herauskristallisiert, ist, diese Menschen zu dulden,
soweit sie in den Treffen vorwiegend von Alkohol sprechen, und sie anderenfalls
auf Narcotics Anonymous[eine schon 1953 gegründete Selbsthilfegruppe
für Drogenabhängige, die die 12 Schritte und 12 Traditionen von
Alcoholics Anonymous übernahm, jedoch jedem, der sich von irgendeiner
stimmungsverändernden Substanz (Alkohol eingeschlossen) abhängig
glaubt, offensteht; vgl. World Service Office Inc. 1986, SS xii ff] zu
verweisen. So werden auch die von A.A. aufgelassenen Versammlungsorte oft von
Narcotics Anonymous übernommen[ vgl. Kurtz 1987, S 165].
Oft war von Kritikern auf das Board of Trustees[ eine Art
"Aufsichtsrat" von A.A.] als Beispiel für die Unreife der
Alcoholics Anonymous verwiesen worden. Dieses oberste Gremium von A.A.
nämlich war mehrheitlich mit nicht alkoholabhängigen Freunden der
Organisation besetzt gewesen. Lange hatte sich insbesondere Wilson dafür
starkgemacht, diese Mehrheitsverhältnisse zu ändern, womit er sich schließlich
auch durchsetzt. Von A.A. als Meilenstein in ihrer Geschichte gefeiert, wird
das Board of Trustees ab 1966 zu zwei Drittel mit Alkoholikern besetzt.[ ib., S 142] Bill Wilson hatte nicht nur Alcoholics
Anonymous begründet, er war auch Zeit seines Lebens die tonangebende Figur
geblieben. So hatte er in 156 Artikeln in der von Alcoholics Anonymous
herausgegebenen Zeitschrift "The A.A. Grapevine" auf die
A.A.-internen Diskussionsprozesse Einfluß genommen[ ib.,
S 200] und auch die gesamte Literatur der Organisation verfaßt[ ib., S
167]. In den folgenden Jahren wird es aus Gesundheitsgründen zunehmend
ruhiger um den Gründer von A.A.. 1970 wird Bill
Wilson im Rollstuhl zu seinem letzten öffentlichen Auftritt auf der 35.
Geburtstagsversammlung von A.A. in Miami Beach gebracht, wo er mit frenetischem
Beifall gefeiert wird[ ib., SS 155 f]. Sechs Monate
später, am 24. Januar 1971, erliegt Bill Wilson einem schon lange
andauernden Herzleiden.
Zwar ist der Tod von Wilson ein schwerer Schlag für A.A., überall auf der Welt versammeln sich Mitglieder
zu Trauergottesdiensten, sichtbare Auswirkungen auf den weiteren Kurs der
Organisation hat er jedoch nicht. Schon 1955, auf der 20.
Geburtstagsversammlung von A.A. war die General Service Conference
ermächtigt worden, die Nachfolge der Gründer anzutreten und im Namen
von Alcoholics Anonymous zu handeln; nunmehr nimmt sie diese Führungsrolle
zunehmend war.[ ib., SS 157 ff]
Dabei hält man jedoch weitgehend an der bisherigen
Praxis der Bewegung fest, so daß die folgenden Jahre wenig von
revolutionären Veränderungen sondern in erster Linie von einer
Fortsetzung bereits bestehender Trends gekennzeichnet sind. Hauptthemen der
A.A.Konferenzen zwischen 1970 und 1985 sind die Frage, wie
praktizierende Alkoholiker besser erreicht werden können, die Verbesserung
der Zusammenarbeit mit Professionellen in der Alkoholismusbehandlung, sowie
Veränderungen in der Mitgliederstruktur.[ ib., S
165]
Um die Kontakte zu Menschen und Institutionen, die mit dem
Thema Alkoholismus befaßt sind, weiter auszubauen werden eine Vielzahl
von Gremien auf allen Ebenen von Alcoholics Anonymous eingerichtet.
Hervorzuheben sind besonders die ab 1971 auf lokaler Ebene entstehenden
"Committees on Cooperation with the Professional Community"
(C.P.C.'s), dieaktiv an Ärzte, Behandlungsprogramme etc. herantreten, um
sie für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. [ vgl. Alcoholics Anonymous World
Services Inc. 1980, SS 22 f]
Überhaupt ist in der Bewegung
nach 1970 ein steigender Organisationsgrad und auch ein Trend zu zunehmender
Bürokratisierung festzustellen. So klagt 1983 auf der A.A.-Konferenz ein
Sprecher über die sich entwickelnde Starrheit,
Gesetz-und-Ordnung-Mentalität und Entschlossenheit, die Traditionen
buchstabengetreu und ohne jede Elastizität durchzusetzen[ zit. n. Kurtz
1987, S 170]. Auch die A.A.-interne Zeitschrift "The A.A. Grapevine"
hatte nach dem Tode Wilsons versucht, jedes Thema zu vermeiden, das
irgendjemandem in A.A. mißfallen könnte; dabei hatte sie aber
offensichtlich an Popularität verloren, so daß die Auflage zwischen
1971 und 1985 zurückging[ ib., SS 187 f].
Insgesamt jedoch ist Alcoholics Anonymous weiter im Aufwind
und gewinnt sowohl an Mitgliedern als auch an Einfluß. Die 1968
eingeführten Mitgliederumfragen zeigen eine Steigerung der Mitgliederzahl
von 311450 im Jahre 1971 auf 1556316 im Jahre 1987, die Zahl der Gruppen steigt
im gleichen Zeitraum von 16459 auf 73192, mit dem größten
Wachstumsschub zwischen 1971 und 1975[ ib., SS 171 f]. Gleichzeitig wird die
Philosophie von
A.A. immer populärer und das Programm von Nachahmern
wie Gamblers Anonymous, Overeaters Anonymous, Neurotics Anonymous etc. auf
immer mehr Bereiche ausgedehnt.
Alcoholics Anonymous ist nicht nur eine Selbsthilfegruppe
oder eine Therapie gegen Alkoholprobleme. Wie im folgenden noch zu sehen sein
wird, bietet A.A. seinen Mitgliedern ein Weltbild, das fast alle Lebensbereiche
umfaßt. Den Lehren von Alcoholics Anonymous oder anderen ähnlich
aufgebauten Gruppen wird in der Forschung gewöhnlich wenig Beachtung geschenkt,
da sie meist seicht und unzusammenhängend wirken; nichtsdestotrotz sind
sie für die Funktion dieser Gruppen wichtig[ vgl. Antze 1976, SS 324 f].
Deshalb, und nicht zuletzt auch wegen des Einflusses, den die Lehren von
Alcoholics Anonymous auch außerhalb der Organisation entfaltet haben,
sollen die Kernelemente dieser Ideologie nachstehend kurz dargestellt werden[
daß sich dabei kein klares und logisch strukturiertes Gesamtbild ergibt
ist angesichts der Widersprüchlichkeit vieler Einzelelemente des Glaubenssystems
von A.A. unvermeidlich].
Einer der Grundpfeiler des Weltbildes von Alcoholics
Anonymous ist deren Modell des Alkoholismus und das zugehörige Modell der
Persönlichkeit des Alkoholikers.
Alkoholismus wird als Krankheit gesehen, die gekennzeichnet
ist durch "physischen Zwang" zu trinken, verbunden mit
"geistiger Besessenheit" von Alkohol[ Alcoholics
Anonymous World Services Inc. 1984, S 6]; der Trinker ist also völlig
hilflos und unfähig, dem Verlangen nach Alkohol zu widerstehen. Als Grund
der Krankheit wird eine physiologische Anomalie der betroffenen Personen
angenommen, insbesondere, in Anlehnung an die Theorien des Dr. Silkworth, eine
"Allergie" gegenüber Alkohol[wie zentral das Krankheitsmodell
für das Programm von A.A. ist (und wie wichtig der "medizinische
Segen") läßt sich auch daran ablesen, daß dem "Big
Book" in Form des Kapitels "The Doctor's Opinion" eine von Silkworth
persönlich verfaßte Darstellung des Allergiekonzeptes vorangestellt
ist; vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1989, SS xxiv ff].
Die Krankheit kann ein Individuum entweder haben oder nicht
haben; man kann nicht "ein bißchen Alkoholiker" sein[ vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1952, S 6].
Kriterium für die Diagnose ist jedoch nicht notwendigerweise die
Häufigkeit oder Menge des Alkoholkonsums. Deshalb wird auch unterschieden
zwischen dem "wahren Alkoholiker" und "einem gewissen Typ von
schwerem Trinker"[ Alcoholics Anonymous World
Services Inc. 1989, SS 20 f].
Die Krankheit Alkoholismus ist progressiv, das heißt,
sie wird unaufhaltbar und unumkehrbar immer schlimmer[ ib.,
S 30]. Sie ist unheilbar; ein Alkoholiker bleibt immer ein Alkoholiker, und die
Progression der Krankheit schreitet selbst in lange andauernden Zeiten der
Nüchternheit fort[ ib., S 33]. Und sie ist
tödlich; sie führt unweigerlich in die Gosse, in Krankenhäuser,
Gefängnisse oder andere Institutionen oder in ein frühes Grab[ vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1984, S 8].
Mit A.A.'s Modell des Alkoholismus einher geht ein Satz von
Persönlichkeitsmerkmalen bzw. Charakterdefekten, die als charakteristisch
für Alkoholiker betrachtet werden und diese von ihrer Kindheit an von
anderen Menschen unterscheiden. Den Kern dieser "alkoholischen
Persönlichkeit" stellen Selbstzentriertheit und Selbstsucht dar[ vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1989, S 62].
Diese Selbstzentriertheit ist begleitet von Stolz, Eitelkeit,Unaufrichtigkeit,
Selbstmitleid und Trotz. Weiterhin werden Ängstlichkeit,
Frustration,Impulsivität, Feindseligkeit, emotionale Überreaktionen,
das Leugnen der Alkoholabhängigkeit, die Tendenz, Gefühle,
Verhaltensweisen und Konsequenzen äußeren Quellen zuzuschreiben
sowie die Neigung dazu, andere Menschen zu manipulieren als "Teil der
Krankheit" betrachtet[ vgl. Alford 1980, S 361]. Darüber hinaus ist
der Alkoholiker jedoch nicht nur physisch (Allergie) und psychisch
(Charakterdefekte), sondern, viel schlimmer noch, spirituell krank und dadurch
von Gott abgeschnitten[ ib., S 64].
Trotz dieser Anhäufung von Charakterdefekten, die
Alkoholikern zugeschrieben werden ist das Gesamtbild des Alkoholikers in der
Ideologie von Alcoholics Anonymous jedoch äußerst
widersprüchlich. So werden dieselben als typisch für Alkoholiker
angesehenen Persönlichkeitsmerkmale an anderer Stelle auch als
Grundübel der Menschheit schlechthin, von denen praktisch alle Menschen
befallen sind, aufgeführt[ vgl. z.B. Alcoholics
Anonymous World Services Inc. 1989, S 116]. Darüber hinaus enthält
das Bild des Alkoholikers nicht nur negative Merkmale (Krankheit,
Charakterdefekte etc.), sondern durchaus auch Elemente des
"Auserwähltseins". Am deutlichsten kommt dies bei Marty Mann zum
Ausdruck:
Es wurde immer und immer wieder bemerkt, daß
Alkoholismus überdurchschnittlich
oft das "verheißungsvollste" Mitglied einer
Familie, einer Schulklasse oder eines
Geschäfts trifft. ... der Alkoholiker scheint sehr oft
ein bißchen wachsamer, ein
bißchen besser bei seiner Arbeit, ein bißchen
intelligenter als andere auf einer
bestimmten sozialen, ökonomischen oder Arbeitsebene.
Das könnte das Ergebnis
einer ungewöhnlichen Sensitivität sein, die auch
von Studierenden und Forschern oft
bemerkt wurde, einer Sensitivität ähnlich der,
die kreativen Menschen zugeschrieben
wird.[ zit. n. Pattison/Sobell
1977, S 17; strenggenommen schrieb M. Mann dies
natürlich nicht in ihrer Eigenschaft als
A.A.-Mitglied, sondern als Privatperson.
Ähnliche Ansichten sind jedoch in A.A. weit
verbreitet.]
Der Kern des von Alcoholics Anonymous vorgeschlagenen Weges
zur Genesung ist in den 12 Schritten festgelegt[ für eine Zusammenstellung
der 12 Schritte siehe Anhang Fehler! Textmarke nicht definiert. auf Seite
Fehler! Textmarke nicht definiert.]. Daß es in diesem Programm nicht
ausschließlich um die Heilung vom Alkoholismus, sondern um eine sehr viel
weitergehende Persönlichkeitsreform geht läßt schon ein oberflächlicher
Blick erkennen: Von Alkohol ist nur ein einziges Mal die Rede, während
sich sechs der Schritte auf Gott beziehen.
Grundvoraussetzung um für den Weg zur Genesung in
Alcoholics Anonymous bereit zu sein ist, daß der Alkoholiker an seinem
persönlichen Tiefpunkt angekommen ist, sich seiner Situation
gegenüber völlig hilflos fühlt und kapituliert. Die zentrale
Bedeutung dieses Erlebnisses betont Wilson in einer Weihnachtsbotschaft:
[Die Männer und Frauen von A.A. können niemals]
vergessen, daß sie nur durch
Leiden genug Demut fanden um die Tore der Neuen Welt zu
durchschreiten. Wie
privilegiert sind wir, das göttliche Paradoxon so gut
zu verstehen, daß Stärke aus der
Schwäche emporkommt, daß Demütigung der
Rettung vorausgeht: daß Schmerz
nicht nur der Preis, sondern der Prüfstein der
spirituellen Wiedergeburt ist.[ zit. n.
Kurtz 1987, S 61]
Alkoholismus ist eine unheilbare, progressive und
tödliche Krankheit. Der Alkoholiker kann sich selbst nicht helfen, noch
kann irgendein anderes menschliches Wesen etwas gegen die Krankheit tun. Nur
eine "Höhere Macht" kann die Rettung bringen. Das ist die
Erkenntnis, die der zweite Schritt verlangt. An dieser Stelle ist noch vage von
einer "Höheren Macht" die Rede, und es wird eindringlich betont,
daß diese nicht "Gott" genannt zu werden brauche, sonder selbst
gewählt werden könne; sie könne z.B. auch Alcoholics Anonymous
selbst sein[ vgl. Alcoholics Anonymous World Services
Inc. 1953, S 27]. Auch im "Big Book" ist ein ganzes Kapitel dem
Versuch gewidmet, Agnostiker zu überzeugen, daß das Programm von
A.A. auch für sie geeignet sei.
Der nächsten Schritt jedoch
verlangt, Willen und Leben Gott zu unterwerfen. Dies dürfte den
Agnostikern mit einer beliebigen "Höheren Macht" schon schwerer
fallen. In den weiteren Schritten nimmt der "Gott, wie wir ihn
verstanden", immer deutlicher Formen an, die sehr eindeutig an den Gott
christlicher Theologie erinnern. Atheisten und Agnostiker sollen nicht gleich
abgeschreckt werden; deshalb die Beteuerungen, man könne sich seine
"Höhere Macht" selbst wählen. Außerdem vertraut man
darauf, daß der Glaube an eine höhere Macht von alleine kommt, wenn
der Betreffende nur seinen Widerstand aufgibt und den Rest des A.A.Programms so enthusiastisch wie möglich praktiziert[ ib.]. Im Laufe
der Mitgliedschaft in A.A. soll dieses Konzept einer Höheren Macht dann
"reifer" werden[ ib., S 14].
In den Schritten 4-10 soll der Alkoholiker mit Gottes Hilfe
von allen moralischen Mängeln gereinigt werden. Dazu erforscht er sich
selbst, bekennt seine Fehler und bittet Gott
demütig, diese zu beseitigen; dies soll auf Dauer fortgesetzt werden.
Letztendlich zielen die 12 Schritte nicht einfach auf die Lösung von
Alkoholproblemen ab, sondern beinhalten mehr das Streben nach moralischer
Vervollkommnung.
Kernelemente der moralischen Erneuerung in A.A. sind Demut
und Gottvertrauen. Diese hängen eng zusammen. Essenz jedes einzelnen der
Schritte ist, durch Demütigung zu mehr Demut zu kommen[
ib., S 70]. Diese Demut wiederum soll eine veränderte Haltung
gegenüber Gott bewirken[ ib., S 75].
Im 11. Schritt soll durch Gebet und Meditation der
bewußte Kontakt mit Gott weiter verbessert werden. Gebet und Meditation
sollen zu Lebensnotwendigkeiten werden:
Wenn wir Luft, Licht oder Nahrung zurückweisen, dann
leidet der Körper. Und wenn
wir uns von Gebet und Meditation abwenden, dann entziehen
wir auf die gleiche
Weise unserem Verstand, unseren Gefühle und unserer
Intuition lebenswichtige
Unterstützung. (...) Wir alle brauchen das Licht von
Gottes Realität, die Nahrung
Seiner Stärke[ ib., S 97]
Dies soll jedoch nicht mit eigennützigen Absichten geschehen; ganz im
Sinne der christlichen Theologie wird lediglich um die Erkenntnis des
göttlichen Willens und die Kraft, diesen auszuführen gebeten. Nicht
nur in Bezug auf Alkohol, sondern in jeder Hinsicht, soll der Alkoholiker
einsehen, daß seine Versuche, sein Leben selbst zu kontrollieren, zum
Scheitern verurteilt sind[ vgl. Alcoholics Anonymous
World Services Inc. 1989, S 63].
Resultat der 12 Schritte ist ein "spirituelles
Erwachen". Dies wird beschrieben als "ein neuer Zustand des
Bewußtseins und des Daseins", gekennzeichnet durch den Besitz von
Ehrlichkeit, Toleranz, Selbstlosigkeit, innerem Frieden und Liebe in einem
Maße, das davor für undenkbar gehalten worden war[ Alcoholics Anonymous
World Services Inc. 1953, S 107]. Die spirituellen Prinzipien von Alcoholics
Anonymous werden zum neuen Lebensinhalt, der alle Bereiche des Lebens
durchdringt. Darüber hinaus ist nun auch das Gottesverständnis
herangereift:
Wir konnten vorhersagen, daß der Zweifler, der immer
noch behauptete, er hätte die "spirituelle Seite nicht
geschafft" und der immer noch seine geliebte A.A.-Gruppe als seine
höhere Macht ansah, inzwischen Gott lieben und beim Namen nennen
würde[ ib., S 109].
Eine Folge dieses Läuterungsprozesses ist auch,
daß ohne eigenes Zutun das Verlangen nach Alkohol verschwunden ist.
Solange dieser Zustand spiritueller Erleuchtung anhält, ist Alkohol kein
Problem mehr:
Wir werden sehen, daß unsere neue Haltung
gegenüber dem Schnaps uns ohne irgendeinen Gedanken oder irgendeine
Bemühung unsererseits gegeben wurde. Es kommt einfach! Das ist das Wunder
dabei. Wir bekämpfen es nicht, noch vermeiden wir Versuchungen. (...) Das
ist, wie wir reagieren, solange wir uns in guter spiritueller Verfassung halten.[ Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1989, S 85]
Die Nüchternheit ist jedoch kein stabiler Zustand; die
Bedrohung durch den Alkoholismus bleibt bestehen. Die Mitgliedschaft in A.A.
ist als Bindung auf Dauer angelegt und auch das Durcharbeiten der 12 Schritte
ist ein Prozeß, der nie abgeschlossen ist, sondern permanenterÜbung
bedarf. Letztendlich ist der Alkoholiker nur durch die Gnade Gottes
nüchtern, und sobald er spirituell nachlässig wird, droht
Rückfall:
Wir sind nicht vom Alkoholismus geheilt. Was wir wirklich
haben ist eine tägliche Gnadenfrist, die von der Aufrechterhaltung unserer
spirituellen Verfassung abhängig ist. Jeder Tag ist ein Tag, an dem wir
die Vision von Gottes Willen in all unsere Aktivitäten tragen müssen.[ ib.]
Doch alleine von der Gnade Gottes will auch Alcoholics
Anonymous die Nüchternheit nicht abhängig machen. Deshalb werden in
der Literatur und in vielen Slogans Ratschläge gegeben, was zu tun oder zu
lassen sei, um die Abstinenz aufrechtzuerhalten. Großteils beziehen sich
diese zwar ebenfalls mehr auf die Aufrechterhaltung der spirituellen
Gesundheit, doch finden sich daneben auch Empfehlungen, die eher von
lerntheoretischen Einsichten geprägt sind. So wird beispielsweise
vorgeschlagen, sich mit anderen Aktivitäten beschäftigt zu halten um
das Verlangen nach Alkohol möglichst gar nicht aufkommen zu lassen[ vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1975, SS 13
ff].
Der Begriff Nüchternheit hat in A.A. eine Bedeutung
erhalten, die weit über die bloße Abstinenz von Alkohol hinausgeht
und einen geradezu religiösen Beigeschmack hat. Ein häufiges
Gesprächsthema in A.A. ist die "Qualität" der
Nüchternheit irgendeines anderen Mitgliedes[ vgl. Cain 1967, S 85].
"Echte" Nüchternheit heißt nicht nur, keinen Alkohol zu sich
nehmen, sondern ebenso, regelmäßig A.A.-Treffen zu besuchen, die
Schritte durchzuarbeiten und ein Leben nach spirituellen Gesichtspunkten zu
führen. Alles andere wird nur als "Trockenheit" angesehen, die
über kurz oder lang wieder in den Rückfall führt[ vgl. Kurtz
1987, S 123]. Jeder , der außerhalb von A.A.
versucht, abstinent zu bleiben ist zum Scheitern und, letztendlich, zum Tode
verurteilt:
Hin und wieder sagt ein ernsthafter Trinker, der im Moment
trocken ist "Ich vermisse es überhaupt nicht. Fühle mich besser.
Arbeite besser. Es geht mir besser." (...) Er betrügt sich selber. In
seinem tiefsten Inneren würde er alles geben, um ein halbes Dutzend Drinks
zu nehmen und damit davonzukommen. Er wird sofort das alte Spiel von neuem versuchen,
denn er ist nicht glücklich über seine Nüchternheit. Er kann
sich kein Leben ohne Alkohol ausmalen. Eines Tages wird er unfähig sein
sich überhaupt ein Leben, mit oder ohne Alkohol, vorzustellen. Dann wird
er Einsamkeit kennen wie nur wenige andere. Er wird an der Endstation sein. Er
wird sich nach dem Ende sehnen.[ vgl. Alcoholics
Anonymous World Services Inc. 1989, S 152; noch an einer Reihe von anderen
Stellen wird betont, daß zwar das Programm von
A.A. nur Vorschläge beinhalte, aber gleichzeitig
angedeutet, daß Abweichung unweigerlich in Verderbern und Tod führe;
in Bezug auf die Konformität der Gruppe zu den 12 Traditionen heißt
es z.B.: "Kein persönliches Opfer ist zu groß, um die
Gemeinschaft [A.A.] zu erhalten (...) Es ist offensichtlich: die Gruppe
muß überleben oder das Individuum wird es nicht" (Alcoholics
Anonymous World Services Inc. 1953, S 130), in Bezug auf das Individuum
"Wenn ein A.A.-Mitglied nicht so gut es kann unseren vorgeschlagenen 12
Schritten zur Genesung folgt, unterzeichnet es fast mit Sicherheit seinen
Totenschein. Seine Trunkenheit und Vernichtung sind nicht von den
Mächtigen auferlegte Strafen; sie resultieren von seinem persönlichen
Ungehorsam gegenüber spirituellen Prinzipien." (ib., S 174)]
Eine wichtige Rolle im Programm von Alcoholics Anonymous
spielt auch das "12-stepping", das Weitertragen der Nachricht an die
noch leidenden Alkoholiker. Dies soll in erster Linie nicht dem möglichen
Aspiranten helfen, sondern dem missionierenden A.A.-Mitglied selbst[ vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1989, S 94].
"Du kannst es nicht behalten, außer wenn du es weggibst", wie
ein weitverbreiteter Slogan in A.A. sagt. Dazu finden sich im "Big
Book" detaillierte Empfehlungen, wie bei der Bekehrung anderer Alkoholiker
zu verfahren ist[ ib., SS 89 ff].
Das spirituelle Programm der Genesung wird jedoch nicht als
strikt auf Alkoholiker beschränkt betrachtet. So wird ausdrücklich
darauf hingewiesen, wie hilfreich es sowohl für den Alkoholiker als auch
für dessen Ehegattin wäre wenn diese ihr Leben ebenfalls nach dem
12-Schritte-Programm ausrichten würde:
Wenn Gott das Epochen alte
Rätsel des Alkoholismus lösen kann, dann kann er auch deine Probleme
lösen. Wir Ehefrauen fanden, daß auch wir, wie auch sonst jeder, von
Stolz, Selbstmitleid, Eitelkeit und all den Dingen, die eine selbstzentrierte
Person ausmachen befallen waren; und wir waren nicht über Selbstsucht und
Unehrlichkeit erhaben. Als unsere Gatten begannen, in ihrem Leben spirituelle
Prinzipien anzuwenden, begannen auch wir zu sehen wie wünschenswert es
für uns wäre, das selbe zu tun.[ ib., S 116]
Damit ist im Programm von Alcoholics Anonymous auch der
Keim enthalten für die sich in den letzten Jahren ausbreitende
"Co-Abhängigkeits"-Bewegung, die die gesamte westliche
Zivilisation für spirituell krank hält und 12-Schritt-Programme zur
Heilung vorschlägt[ vgl. Schaef 1985].
Mit den 12 Traditionen hat sich Alcoholics Anonymous eine
Art Verfassung gegeben, in der Grundsätze für organisatorische
Aspekte von A.A. festgelegt sind. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um
allgemeine Richtlinien, so daß die Organisationsstruktur in verschiedenen
Regionen durchaus unterschiedlich sein kann.
Kern der Organisation sind lokale Gruppen, die sich in
regelmäßigen Abständen zu Meetings zusammenfinden. Es gibt
keine formal festgelegten Kriterien für die Mitgliedschaft. Finanziell
tragen sich die Gruppen selbst durch freiwillige Beiträge der Mitglieder.
Für bestimmte Funktionen (Gruppenvorsitz, Organisation von
Aktivitäten, Finanzen etc.) haben die Gruppen ehrenamtliche
Sekretäre. Zumeist werden die Funktionsinhaber in regelmäßigen
Abständen ausgewechselt. Ferner bestehen auf lokaler Ebene zum Teil Clubs
als Freizeiteinrichtung und Treffpunkt für A.A.-Mitglieder. Diese sind
jedoch formal keine Einrichtungen von A.A. und tragen einen anderen Namen[ vgl.
Murphy 1952, S 14].
In Stadtgebieten, in denen zumeist eine Vielzahl
verschiedener Gruppen bestehen, bilden diese ein "Intergruppen-" oder
"Zentralbüro", zu dem die einzelnen Gruppen Delegierte
entsenden. Diese Intergruppen haben zumeist auch bezahlte Angestellte und
unterhalten oft eine Kontaktstelle, an die sich Menschen, die Anschluß an
Alcoholics Anonymous suchen wenden können. Daneben bestehen auf regionaler
Ebene noch "Area General Service Committees", die für die
Zusammenarbeit mit der Zentrale von A.A. in New York zuständig sind.[ vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1974, S 11]
Auf nationaler Ebene werden die Angelegenheiten von A.A.
vom General Service Office von
A.A. verwaltet, daß die Koordination der
Aktivitäten von Alcoholics Anonymous übernimmt und insbesondere
für die Literaturverteilung zuständig ist. Dabei unterliegt es jedoch
der Kontrolle durch das General Service Board (bis 1957: Alcoholic Foundation),
das als eine Art Aufsichtsrat dient. Ferner finden jährlich Versammlungen
der General Service Conference statt, zu der die regionalen Organisationen von
A.A. Vertreter entsenden.[ ib., S 12] Finanziert wird
das General Service Board durch freiwillige Beiträge der lokalen Gruppen.
Das General Service Board, dem neben A.A.-Mitgliedern auch
Nichtalkoholiker angehören, ist auch Eigentümer von Alcoholics
Anonymous World Services Inc. (vormals: Works Publishing Company), dem Verlag,
in dem die Bücher und Broschüren von A.A. veröffentlicht werden,
sowie der Mitgliederzeitung "A.A. Grapevine". Neben den genannten
Hauptgremien bestehen auf allen Ebenen noch eine Vielzahl weiterer Komitees zu
besonderen Zwecken (z.B.Öffentlichkeitsarbeit Zusammenarbeit mit
Behandlungseinrichtungen oder Gefängnissen)[ ib.].
Der Einfluß, den Alcoholics Anonymous vor allem in
den U.S.A., aber auch in Kanada, auf alle Bereiche, die mit Alkohol bzw.
Alkoholismus zu tun haben gewonnen hat, läßt sich nur schwer genau
bestimmen. So kommt z.B. Barry Leach[1973, SS 256 f] zu dem Schluß:
Kein anderes System Alkoholikern zu helfen hat ein derartig
ausgebreitetes einheitliches Netzwerk und eine zentrale Informationssammlungs
und -verteilungseinrichtung wie AA. Es übt deshalb einen mächtigen
und allgegenwärtigen, wenn auch manchmal schattenhaften, Einfluß auf
Behandlung und Forschung des Alkoholismus aus, der weit über den
bekannten, engen Interessenbereich hinausgeht
Die Schattenhaftigkeit dieses Einflusses ist nicht zuletzt
durch die "12 Traditionen"[ für eine Zusammenstellung der 12
Traditionen siehe Anhang Fehler! Textmarke nicht definiert. auf Seite Fehler!
Textmarke nicht definiert.] von Alcoholics Anonymous bedingt. Diese scheinen
auf den ersten Blick einer solch massiven Einflußnahme im Wege zu stehen:
A.A. soll für immer nichtprofessionell bleiben, keine Meinung in Außenangelegenheiten
vertreteten, sich nicht mitirgendwelchen außenstehenden Institutionen
assoziieren, und die Öffentlichkeitsarbeit soll ausschließlich auf
Anziehung und nicht auf Werbung beruhen. Der Widerspruch ist jedoch nicht unauflösbar.
Wie so oft ist hier auf das Kleingedruckte zu achten. So
heißt es beispielsweise in den Erläuterungen zur 8. Tradition
(Nichtprofessionalität):
Wir können A.A. nicht zu einer so geschlossenen
Gesellschaft erklären, daß wir unser Wissen und unsere Erfahrung
streng geheim halten. Wenn ein als Bürger handelndes A.A.-Mitglied ein
besserer Forscher, Erzieher, Personalchef werden kann, dann warum nicht? Jeder
gewinnt und wir haben nichts verloren.[ Alcoholics
Anonymous World Services Inc. 1953, S 171]
Mit anderen Worten, die in den Traditionen gemachten
Einschränkungen sind formaler Natur und betreffen nur Alcoholics Anonymous
als Organisation. Wenn sich A.A.-Mitglieder in außenstehenden
Institutionen engagieren und auf diese Art und Weise das Wissen und die Erfahrung
von Alcoholics Anonymous weitergeben, dann ist das durchaus willkommen; nur
gelten sie dabei als reine Privatpersonen.
So haben A.A.- Mitglieder oder A.A. Nahestehende
maßgeblich die amerikanische Gesetzgebung in Sachen Alkoholismus geformt[ vgl. Kurtz 1987, SS 172 f] und durch ihre Mitarbeit in
zahlreichen Gremien erheblichen Einfluß auf die Forschung sowie auf
öffentliche Aufklärungsprogramme über Alkohol ausgeübt.
Stellvertretend für diese Arbeitsteilung zwischen Alcoholics Anonymous und
öffentlichen Stellen sei hier nur ein Beispiel genannt: ... der National
Council on Alcoholism [bewies sich] als unschätzbare Hilfe. Der
Aufklärung im weitesten Sinne gewidmet konnte der
N.C.A. tun was A.A. nicht tun
konnte: Öffentlich die öffentliche Meinung und
Politik zu beeinflussen suchen. Daß
der N.C.A. unter Marty Mann eingebettet in und geführt
von der Alcoholics
Anonymous- Philosophie war, wurde von den meisten als
glücklicher Zufall
betrachtet.[ ib., S 174]
Darüber hinaus betreibt A.A. auch als Organisation
rege Öffentlichkeitsarbeit. Vertreter von A.A. ziehen aus und sprechen vor
Highschools, medizinischen Gesellschaften, Polizei und
Bewährungsabteilungen, Bürgergruppen etc[ vgl. Boscarino 1977, S
112]. Bei solchen "offiziellen" öffentlichen Auftritten von
A.A.- Mitgliedern ist lediglich darauf zu achten, daß deren
Anonymität gewahrt bleibt und insbesondere anwesende Pressevertreter von
der Veröffentlichung von Namen oder Bildern abgehalten werden[ vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1953, S
186].
Insgesamt war Alcoholics Anonymous mit dieser
breitgefächerten Öffentlichkeitsarbeit überaus erfolgreich. Es
ist A.A. weitgehend gelungen, die vorherrschende Definition sowohl von
akzeptablem Alkoholgebrauch als auch von Alkoholmißbrauch bzw.
Alkoholismus maßgeblich zu bestimmen[ vgl. Boscarino 1977, S 111] und
gleichzeitig das eigene Programm als dieLösung bekanntzumachen. In der
allgemeinen Öffentlichkeit ist AA die einzige klar wahrgenommene
Hilfequelle für Personen mit Alkoholproblemen[ vgl. McLatchie/Lomp 1988, S
310].
An sich ist das Verhältnis von Alcoholics Anonymous
zur professionellen "Behandlung" von Alkoholismus durchaus
zwiespältig. In gewissem Sinne war A.A. ja angetreten, um angesichts des
empfundenen Versagens der Profis einen neuen Weg zu gehen:
Von den besten
Professionellen, ob aus dem Bereich der Medizin oder der Religion,
wurde so gut wie nie jemals eine Genesung vom Alkoholismus
zuwege gebracht. Wir
lehnen Professionalismus in anderen Gebieten nicht ab, aber
wir akzeptieren die
nüchterne Tatsache, daß er für uns nicht
funktioniert[ vgl. Alcoholics Anonymous
World Services Inc. 1953, S 166]
Andererseits hat sich A.A. bewußt nicht als
Gegenbewegung zur professionellen Alkoholismusbehandlung präsentiert,
sondern immer beteuert, in Konkurrenz zu niemandem zu stehen[
vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1974, S 5], und
insbesondere alles vermieden, was religiösen oder medizinischen
Autoritäten mißfallen könnte. So hatte sich schon früh in
der Entwicklung von Alcoholics Anonymous eine enge Allianz zwischen A.A. und
der medizinischen Profession herausgebildet.
Diese Allianz ist durchaus zu beiderseitigem Nutzen.
Alcoholics Anonymous vertritt vehement ein Konzept von Alkoholismus als
"Krankheit". Natürlicherweise hat die medizinische Profession
ebenfalls erhebliche ökonomische und Statusinteressen daran,
Alkoholabhängigkeit als Krankheit in medizinischem Sinne zu definieren.
Wenn Alkoholismus eine "Krankheit" ist, dannist klar, daß für
die Erforschung und Behandlung dieser Krankheit die Ärzte zuständig
sind.[ vgl. Hurvitz 1974, S 126].
Der Glaube an das Krankheitskonzept hat eine lange
Geschichte, die in den medizinischen Gedanken des kolonialen Amerika verwurzelt
ist[ vgl. Fappiano 1983, SS 9 f]. Vorherrschend jedoch
war zumindest bis in die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts das
moralische Modell gewesen, das die Ursache für unmäßigen
Alkoholkonsum in Immoralität oder einem Mangel an Willensstärke sieht[ vgl. Shaffer/Stimmel 1983, p 92]. In den fünfziger
Jahren wurde Alkoholismus sowohl von der World Health Organization als auch von
der American Medical Association formal als Krankheit in medizinischem Sinne
anerkannt[ vgl. Office of Technology Asessment 1983, S 10]. Grundsäulen
dieses nach wie vor herrschenden Modells sind:
Daß dieses Konzept weitgehend mit dem
Alkoholismus-Modell von Alcoholics Anonymous identisch ist, ist
unübersehbar. In der Medizin war es hauptsächlich E. M. Jellinek, der
dem Krankheitsmodell zum Durchbruch verhalf und es weiter konkretisierte.
Hervorzuheben ist hier insbesondere die bekannte Phasenlehre des Alkoholismus.
Entstanden war die Arbeit auf Anregung von Alcoholics Anonymous und befragt
worden waren ausschließlich A.A.-Mitglieder[ vgl.
Boscarino 1977, SS 34 f]. Jellinek selbst wollte die Phasentheorie
ausdrücklich als Arbeitshypothese verstanden wissen[ vgl. Pattison/Sobell
1977, S 9]; nichtsdestotrotz wurde die Theorie insbesondere in medizinischen
Kreisen weithin akzeptiert[ vgl. Nace 1987, SS 9 ff].
Am stärksten ist der Einfluß von A.A. im Bereich
professioneller Alkoholismustherapie sichtbar. Schon 1966 basierte in 88% der
staatlichen Krankenhäuser in den U.S.A. die Alkoholismusbehandlung in
erster Linie auf dem Programm von Alcoholics Anonymous[ vgl. Tournier 1979, S
231]; inzwischen sind Behandlungsprogramme, in denen A.A. nicht formeller oder
informeller Teil der Behandlung ist, eine Seltenheit geworden[ vgl.
McLatchie/Lomp 1988, S 310].
Die von A.A. geprägte Form der Alkoholismustherapie
wurde hauptsächlich als "Minnesota-Modell" bekannt. Derartige
Programme werden von Medizinern geleitet und akzeptieren das Krankheitskonzept
des Alkoholismus, sind an den Prinzipien von Alcoholics Anonymous orientiert
und benutzen "genesende Alkoholiker" als Schlüsselmitglieder des
Behandlungsteams[ vgl. Hoffmann/Harrison/Belille 1983, S 313]. Unter "Genesenden
Alkoholikern" sind Mitglieder von Alcoholics Anonymous zu verstehen, denn
normalerweise werden ausschließlich diese eingestellt[ vgl. Boscarino
1977, S 181]. Inzwischen sind schon 60% aller professionell mit der Therapie
von Alkoholproblemen befaßten A.A.-Mitglieder[ Bradley 1988, S 193].
Geary S. Alford liefert in seinem Versuch, die
Effektivität von A.A. nachzuweisen, die Beschreibung eines solchen
Behandlungsprogramms, die meines Erachtens stellvertretend für die derzeit
in den U.S.A. am weitesten verbreitete Form der Alkoholismustherapie stehen
kann[ vgl. Alford 1980, SS 361 f]. Das gesamte
Programm ist an der Philosophie von Alcoholics Anonymous ausgerichtet. Ziel der
Therapie ist insbesondere, die Patienten dazu zu bewegen, sich Alkoholismus als
Krankheit vorzustellen, die zwar nicht geheilt, aber aufgehalten werden kann,
sie von ihrer völligen Machtlosigkeit gegenüber Alkohol zu
überzeugen, in ihnen die typischen Charakterdefekte, die als "Teil
der Krankheit" betrachtet werden nachzuweisen, und natürlich, sie
dazu zu bewegen, sich in Alcoholics Anonymous zu engagieren. Einzelkomponenten
dieses Programms sind:
War ursprünglich noch das persönliche
"12-stepping", also das Weitertragen der Nachricht von
A.A. in persönlichem Kontakt durch
"ältere" A.A.-Mitglieder, Hauptquelle von neuen Mitgliedern in
Alcoholics Anonymous, so gewann das "professionelle 12-stepping"
durch Behandlungsprogramme wie das eben beschriebene während der letzten
zwei Jahrzehnte zunehmend an Bedeutung. Inzwischen schreiben 36 Prozent aller
A.A.-Mitglieder ihre Mitgliedschaft dem Einfluß professioneller
Alkoholismusbehandlung zu[ vgl. Bradley 1988, S 193]. Damit stellen
professionelle Therapieprogramme das wichtigste Instrument der
Mitgliederrekrutierung für Alcoholics Anonymous dar.
Der Einfluß, den Alcoholics Anonymous vor allem in
den U.S.A., aber auch in Kanada, auf alle Bereiche, die mit Alkohol bzw.
Alkoholismus zu tun haben gewonnen hat, läßt sich nur schwer genau
bestimmen. So kommt z.B. Barry Leach[1973, SS 256 f] zu dem Schluß:
Kein anderes System Alkoholikern zu helfen hat ein derartig
ausgebreitetes einheitliches Netzwerk und eine zentrale Informationssammlungs
und -verteilungseinrichtung wie AA. Es übt deshalb einen mächtigen
und allgegenwärtigen, wenn auch manchmal schattenhaften, Einfluß auf
Behandlung und Forschung des Alkoholismus aus, der weit über den
bekannten, engen Interessenbereich hinausgeht
Die Schattenhaftigkeit dieses Einflusses ist nicht zuletzt
durch die "12 Traditionen"[ für eine Zusammenstellung der 12
Traditionen siehe Anhang Fehler! Textmarke nicht definiert. auf Seite Fehler!
Textmarke nicht definiert.] von Alcoholics Anonymous bedingt. Diese scheinen
auf den ersten Blick einer solch massiven Einflußnahme im Wege zu stehen:
A.A. soll für immer nichtprofessionell bleiben, keine Meinung in
Außenangelegenheiten vertreteten, sich nicht mitirgendwelchen
außenstehenden Institutionen assoziieren, und die Öffentlichkeitsarbeit
soll ausschließlich auf Anziehung und nicht auf Werbung beruhen. Der
Widerspruch ist jedoch nicht unauflösbar.
Wie so oft ist hier auf das Kleingedruckte zu achten. So
heißt es beispielsweise in den Erläuterungen zur 8. Tradition
(Nichtprofessionalität):
Wir können A.A. nicht zu einer so geschlossenen
Gesellschaft erklären, daß wir
unser Wissen und unsere Erfahrung streng geheim halten.
Wenn ein als Bürger
handelndes A.A.-Mitglied ein besserer Forscher, Erzieher,
Personalchef werden
kann, dann warum nicht? Jeder gewinnt und wir haben nichts
verloren.[ Alcoholics
Anonymous World Services Inc. 1953, S 171]
Mit anderen Worten, die in den Traditionen gemachten
Einschränkungen sind formaler Natur und betreffen nur Alcoholics Anonymous
als Organisation. Wenn sich A.A.-Mitglieder in außenstehenden
Institutionen engagieren und auf diese Art und Weise das Wissen und die
Erfahrung von Alcoholics Anonymous weitergeben, dann ist das durchaus
willkommen; nur gelten sie dabei als reine Privatpersonen.
So haben A.A.- Mitglieder oder A.A. Nahestehende
maßgeblich die amerikanische Gesetzgebung in Sachen Alkoholismus geformt[ vgl. Kurtz 1987, SS 172 f] und durch ihre Mitarbeit in
zahlreichen Gremien erheblichen Einfluß auf die Forschung sowie auf
öffentliche Aufklärungsprogramme über Alkohol ausgeübt.
Stellvertretend für diese Arbeitsteilung zwischen Alcoholics Anonymous und
öffentlichen Stellen sei hier nur ein Beispiel genannt:
... der National Council on Alcoholism [bewies sich] als
unschätzbare Hilfe. Der
Aufklärung im weitesten Sinne gewidmet konnte der
N.C.A. tun was A.A. nicht tun
konnte: Öffentlich die öffentliche Meinung und
Politik zu beeinflussen suchen. Daß
der N.C.A. unter Marty Mann eingebettet in und geführt
von der Alcoholics
Anonymous- Philosophie war, wurde von den meisten als
glücklicher Zufall
betrachtet.[ ib., S 174]
Darüber hinaus betreibt A.A. auch als Organisation
rege Öffentlichkeitsarbeit. Vertreter von A.A. ziehen aus und sprechen vor
Highschools, medizinischen Gesellschaften, Polizei und
Bewährungsabteilungen, Bürgergruppen etc[ vgl. Boscarino 1977, S
112]. Bei solchen "offiziellen" öffentlichen Auftritten von
A.A.- Mitgliedern ist lediglich darauf zu achten, daß deren
Anonymität gewahrt bleibt und insbesondere anwesende Pressevertreter von
der Veröffentlichung von Namen oder Bildern abgehalten werden[ vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1953, S
186].
Insgesamt war Alcoholics Anonymous mit dieser
breitgefächerten Öffentlichkeitsarbeit überaus erfolgreich. Es
ist A.A. weitgehend gelungen, die vorherrschende Definition sowohl von
akzeptablem Alkoholgebrauch als auch von Alkoholmißbrauch bzw.
Alkoholismus maßgeblich zu bestimmen[ vgl. Boscarino 1977, S 111] und
gleichzeitig das eigene Programm als dieLösung bekanntzumachen. In der
allgemeinen Öffentlichkeit ist AA die einzige klar wahrgenommene
Hilfequelle für Personen mit Alkoholproblemen[ vgl. McLatchie/Lomp 1988, S
310].
An sich ist das Verhältnis von Alcoholics Anonymous
zur professionellen "Behandlung" von Alkoholismus durchaus
zwiespältig. In gewissem Sinne war A.A. ja angetreten, um angesichts des
empfundenen Versagens der Profis einen neuen Weg zu gehen:
Von den besten Professionellen, ob aus dem Bereich der
Medizin oder der Religion,
wurde so gut wie nie jemals eine Genesung vom Alkoholismus
zuwege gebracht. Wir
lehnen Professionalismus in anderen Gebieten nicht ab, aber
wir akzeptieren die
nüchterne Tatsache, daß er für uns nicht
funktioniert[ vgl. Alcoholics Anonymous
World Services Inc. 1953, S 166]
Andererseits hat sich A.A. bewußt nicht als
Gegenbewegung zur professionellen Alkoholismusbehandlung präsentiert,
sondern immer beteuert, in Konkurrenz zu niemandem zu stehen[
vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1974, S 5], und
insbesondere alles vermieden, was religiösen oder medizinischen
Autoritäten mißfallen könnte. So hatte sich schon früh in
der Entwicklung von Alcoholics Anonymous eine enge Allianz zwischen A.A. und
der medizinischen Profession herausgebildet.
Diese Allianz ist durchaus zu beiderseitigem Nutzen.
Alcoholics Anonymous vertritt vehement ein Konzept von Alkoholismus als
"Krankheit". Natürlicherweise hat die medizinische Profession
ebenfalls erhebliche ökonomische und Statusinteressen daran, Alkoholabhängigkeit
als Krankheit in medizinischem Sinne zu definieren. Wenn Alkoholismus eine
"Krankheit" ist, dannist klar, daß für die Erforschung und
Behandlung dieser Krankheit die Ärzte zuständig sind.[ vgl. Hurvitz 1974, S 126].
Der Glaube an das Krankheitskonzept hat eine lange
Geschichte, die in den medizinischen Gedanken des kolonialen Amerika verwurzelt
ist[ vgl. Fappiano 1983, SS 9 f]. Vorherrschend jedoch
war zumindest bis in die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts das
moralische Modell gewesen, das die Ursache für unmäßigen
Alkoholkonsum in Immoralität oder einem Mangel an Willensstärke sieht[ vgl. Shaffer/Stimmel 1983, p 92]. In den fünfziger
Jahren wurde Alkoholismus sowohl von der World Health Organization als auch von
der American Medical Association formal als Krankheit in medizinischem Sinne
anerkannt[ vgl. Office of Technology Asessment 1983, S 10]. Grundsäulen
dieses nach wie vor herrschenden Modells sind:
Daß dieses Konzept weitgehend mit dem
Alkoholismus-Modell von Alcoholics Anonymous identisch ist, ist
unübersehbar. In der Medizin war es hauptsächlich E. M. Jellinek, der
dem Krankheitsmodell zum Durchbruch verhalf und es weiter konkretisierte.
Hervorzuheben ist hier insbesondere die bekannte Phasenlehre des Alkoholismus.
Entstanden war die Arbeit auf Anregung von Alcoholics Anonymous und befragt
worden waren ausschließlich A.A.-Mitglieder[ vgl.
Boscarino 1977, SS 34 f]. Jellinek selbst wollte die Phasentheorie
ausdrücklich als Arbeitshypothese verstanden wissen[ vgl. Pattison/Sobell
1977, S 9]; nichtsdestotrotz wurde die Theorie insbesondere in medizinischen
Kreisen weithin akzeptiert[ vgl. Nace 1987, SS 9 ff].
Am stärksten ist der Einfluß von A.A. im Bereich
professioneller Alkoholismustherapie sichtbar. Schon 1966 basierte in 88% der
staatlichen Krankenhäuser in den U.S.A. die Alkoholismusbehandlung in
erster Linie auf dem Programm von Alcoholics Anonymous[ vgl. Tournier 1979, S
231]; inzwischen sind Behandlungsprogramme, in denen A.A. nicht formeller oder
informeller Teil der Behandlung ist, eine Seltenheit geworden[ vgl.
McLatchie/Lomp 1988, S 310].
Die von A.A. geprägte Form der Alkoholismustherapie
wurde hauptsächlich als "Minnesota-Modell" bekannt. Derartige
Programme werden von Medizinern geleitet und akzeptieren das Krankheitskonzept
des Alkoholismus, sind an den Prinzipien von Alcoholics Anonymous orientiert und
benutzen "genesende Alkoholiker" als Schlüsselmitglieder des
Behandlungsteams[ vgl. Hoffmann/Harrison/Belille 1983, S 313]. Unter
"Genesenden Alkoholikern" sind Mitglieder von Alcoholics Anonymous zu
verstehen, denn normalerweise werden ausschließlich diese eingestellt[
vgl. Boscarino 1977, S 181]. Inzwischen sind schon 60% aller professionell mit
der Therapie von Alkoholproblemen befaßten A.A.-Mitglieder[ Bradley 1988,
S 193].
Geary S. Alford liefert in seinem Versuch, die
Effektivität von A.A. nachzuweisen, die Beschreibung eines solchen
Behandlungsprogramms, die meines Erachtens stellvertretend für die derzeit
in den U.S.A. am weitesten verbreitete Form der Alkoholismustherapie stehen
kann[ vgl. Alford 1980, SS 361 f]. Das gesamte
Programm ist an der Philosophie von Alcoholics Anonymous ausgerichtet. Ziel der
Therapie ist insbesondere, die Patienten dazu zu bewegen, sich Alkoholismus als
Krankheit vorzustellen, die zwar nicht geheilt, aber aufgehalten werden kann,
sie von ihrer völligen Machtlosigkeit gegenüber Alkohol zu
überzeugen, in ihnen die typischen Charakterdefekte, die als "Teil
der Krankheit" betrachtet werden nachzuweisen, und natürlich, sie
dazu zu bewegen, sich in Alcoholics Anonymous zu engagieren. Einzelkomponenten
dieses Programms sind:
War ursprünglich noch das persönliche
"12-stepping", also das Weitertragen der Nachricht von
A.A. in persönlichem Kontakt durch
"ältere" A.A.-Mitglieder, Hauptquelle von neuen Mitgliedern in
Alcoholics Anonymous, so gewann das "professionelle 12-stepping"
durch Behandlungsprogramme wie das eben beschriebene während der letzten zwei
Jahrzehnte zunehmend an Bedeutung. Inzwischen schreiben 36 Prozent aller
A.A.-Mitglieder ihre Mitgliedschaft dem Einfluß professioneller
Alkoholismusbehandlung zu[ vgl. Bradley 1988, S 193]. Damit stellen
professionelle Therapieprogramme das wichtigste Instrument der
Mitgliederrekrutierung für Alcoholics Anonymous dar.
Der Einfluß, den Alcoholics Anonymous vor allem in den
U.S.A., aber auch in Kanada, auf alle Bereiche, die mit Alkohol bzw.
Alkoholismus zu tun haben gewonnen hat, läßt sich nur schwer genau
bestimmen. So kommt z.B. Barry Leach[1973, SS 256 f] zu dem Schluß:
Kein anderes System Alkoholikern zu helfen hat ein derartig
ausgebreitetes einheitliches Netzwerk und eine zentrale Informationssammlungs
und -verteilungseinrichtung wie AA. Es übt deshalb einen mächtigen
und allgegenwärtigen, wenn auch manchmal schattenhaften, Einfluß auf
Behandlung und Forschung des Alkoholismus aus, der weit über den
bekannten, engen Interessenbereich hinausgeht
Die Schattenhaftigkeit dieses Einflusses ist nicht zuletzt
durch die "12 Traditionen"[ für eine Zusammenstellung der 12
Traditionen siehe Anhang Fehler! Textmarke nicht definiert. auf Seite Fehler!
Textmarke nicht definiert.] von Alcoholics Anonymous bedingt. Diese scheinen
auf den ersten Blick einer solch massiven Einflußnahme im Wege zu stehen:
A.A. soll für immer nichtprofessionell bleiben, keine Meinung in Außenangelegenheiten
vertreteten, sich nicht mitirgendwelchen außenstehenden Institutionen
assoziieren, und die Öffentlichkeitsarbeit soll ausschließlich auf
Anziehung und nicht auf Werbung beruhen. Der Widerspruch ist jedoch nicht
unauflösbar.
Wie so oft ist hier auf das Kleingedruckte zu achten. So
heißt es beispielsweise in den Erläuterungen zur 8. Tradition
(Nichtprofessionalität):
Wir können A.A. nicht zu einer so geschlossenen
Gesellschaft erklären, daß wir unser Wissen und unsere Erfahrung
streng geheim halten. Wenn ein als Bürger handelndes A.A.-Mitglied ein
besserer Forscher, Erzieher, Personalchef werden kann, dann warum nicht? Jeder
gewinnt und wir haben nichts verloren.[ Alcoholics
Anonymous World Services Inc. 1953, S 171]
Mit anderen Worten, die in den Traditionen gemachten
Einschränkungen sind formaler Natur und betreffen nur Alcoholics Anonymous
als Organisation. Wenn sich A.A.-Mitglieder in außenstehenden
Institutionen engagieren und auf diese Art und Weise das Wissen und die
Erfahrung von Alcoholics Anonymous weitergeben, dann ist das durchaus
willkommen; nur gelten sie dabei als reine Privatpersonen.
So haben A.A.- Mitglieder oder A.A. Nahestehende
maßgeblich die amerikanische Gesetzgebung in Sachen Alkoholismus geformt[ vgl. Kurtz 1987, SS 172 f] und durch ihre Mitarbeit in
zahlreichen Gremien erheblichen Einfluß auf die Forschung sowie auf
öffentliche Aufklärungsprogramme über Alkohol ausgeübt.
Stellvertretend für diese Arbeitsteilung zwischen Alcoholics Anonymous und
öffentlichen Stellen sei hier nur ein Beispiel genannt: ... der National
Council on Alcoholism [bewies sich] als unschätzbare Hilfe. Der
Aufklärung im weitesten Sinne gewidmet konnte der
N.C.A. tun was A.A. nicht tun
konnte: Öffentlich die öffentliche Meinung und
Politik zu beeinflussen suchen. Daß
der N.C.A. unter Marty Mann eingebettet in und geführt
von der Alcoholics
Anonymous- Philosophie war, wurde von den meisten als
glücklicher Zufall
betrachtet.[ ib., S 174]
Darüber hinaus betreibt A.A. auch als Organisation
rege Öffentlichkeitsarbeit. Vertreter von A.A. ziehen aus und sprechen vor
Highschools, medizinischen Gesellschaften, Polizei und
Bewährungsabteilungen, Bürgergruppen etc[ vgl. Boscarino 1977, S
112]. Bei solchen "offiziellen" öffentlichen Auftritten von
A.A.- Mitgliedern ist lediglich darauf zu achten, daß deren
Anonymität gewahrt bleibt und insbesondere anwesende Pressevertreter von
der Veröffentlichung von Namen oder Bildern abgehalten werden[ vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1953, S
186].
Insgesamt war Alcoholics Anonymous mit dieser
breitgefächerten Öffentlichkeitsarbeit überaus erfolgreich. Es
ist A.A. weitgehend gelungen, die vorherrschende Definition sowohl von
akzeptablem Alkoholgebrauch als auch von Alkoholmißbrauch bzw. Alkoholismus
maßgeblich zu bestimmen[ vgl. Boscarino 1977, S 111] und gleichzeitig das
eigene Programm als dieLösung bekanntzumachen. In der allgemeinen
Öffentlichkeit ist AA die einzige klar wahrgenommene Hilfequelle für
Personen mit Alkoholproblemen[ vgl. McLatchie/Lomp 1988, S 310].
An sich ist das Verhältnis von Alcoholics Anonymous
zur professionellen "Behandlung" von Alkoholismus durchaus
zwiespältig. In gewissem Sinne war A.A. ja angetreten, um angesichts des
empfundenen Versagens der Profis einen neuen Weg zu gehen:
Von den besten
Professionellen, ob aus dem Bereich der Medizin oder der Religion,
wurde so gut wie nie jemals eine Genesung vom Alkoholismus
zuwege gebracht. Wir
lehnen Professionalismus in anderen Gebieten nicht ab, aber
wir akzeptieren die
nüchterne Tatsache, daß er für uns nicht
funktioniert[ vgl. Alcoholics Anonymous
World Services Inc. 1953, S 166]
Andererseits hat sich A.A. bewußt nicht als
Gegenbewegung zur professionellen Alkoholismusbehandlung präsentiert,
sondern immer beteuert, in Konkurrenz zu niemandem zu stehen[
vgl. Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1974, S 5], und
insbesondere alles vermieden, was religiösen oder medizinischen
Autoritäten mißfallen könnte. So hatte sich schon früh in
der Entwicklung von Alcoholics Anonymous eine enge Allianz zwischen A.A. und
der medizinischen Profession herausgebildet.
Diese Allianz ist durchaus zu beiderseitigem Nutzen.
Alcoholics Anonymous vertritt vehement ein Konzept von Alkoholismus als
"Krankheit". Natürlicherweise hat die medizinische Profession
ebenfalls erhebliche ökonomische und Statusinteressen daran,
Alkoholabhängigkeit als Krankheit in medizinischem Sinne zu definieren.
Wenn Alkoholismus eine "Krankheit" ist, dannist klar, daß
für die Erforschung und Behandlung dieser Krankheit die Ärzte
zuständig sind.[ vgl. Hurvitz 1974, S 126].
Der Glaube an das Krankheitskonzept hat eine lange
Geschichte, die in den medizinischen Gedanken des kolonialen Amerika verwurzelt
ist[ vgl. Fappiano 1983, SS 9 f]. Vorherrschend jedoch
war zumindest bis in die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts das
moralische Modell gewesen, das die Ursache für unmäßigen
Alkoholkonsum in Immoralität oder einem Mangel an Willensstärke sieht[ vgl. Shaffer/Stimmel 1983, p 92]. In den fünfziger
Jahren wurde Alkoholismus sowohl von der World Health Organization als auch von
der American Medical Association formal als Krankheit in medizinischem Sinne
anerkannt[ vgl. Office of Technology Asessment 1983, S 10]. Grundsäulen
dieses nach wie vor herrschenden Modells sind:
Daß dieses Konzept weitgehend mit dem
Alkoholismus-Modell von Alcoholics Anonymous identisch ist, ist
unübersehbar. In der Medizin war es hauptsächlich E. M. Jellinek, der
dem Krankheitsmodell zum Durchbruch verhalf und es weiter konkretisierte.
Hervorzuheben ist hier insbesondere die bekannte Phasenlehre des Alkoholismus.
Entstanden war die Arbeit auf Anregung von Alcoholics Anonymous und befragt
worden waren ausschließlich A.A.-Mitglieder[ vgl.
Boscarino 1977, SS 34 f]. Jellinek selbst wollte die Phasentheorie
ausdrücklich als Arbeitshypothese verstanden wissen[ vgl. Pattison/Sobell
1977, S 9]; nichtsdestotrotz wurde die Theorie insbesondere in medizinischen
Kreisen weithin akzeptiert[ vgl. Nace 1987, SS 9 ff].
Am stärksten ist der Einfluß von A.A. im Bereich
professioneller Alkoholismustherapie sichtbar. Schon 1966 basierte in 88% der
staatlichen Krankenhäuser in den U.S.A. die Alkoholismusbehandlung in
erster Linie auf dem Programm von Alcoholics Anonymous[ vgl. Tournier 1979, S
231]; inzwischen sind Behandlungsprogramme, in denen A.A. nicht formeller oder
informeller Teil der Behandlung ist, eine Seltenheit geworden[ vgl.
McLatchie/Lomp 1988, S 310].
Die von A.A. geprägte Form der Alkoholismustherapie
wurde hauptsächlich als "Minnesota-Modell" bekannt. Derartige
Programme werden von Medizinern geleitet und akzeptieren das Krankheitskonzept
des Alkoholismus, sind an den Prinzipien von Alcoholics Anonymous orientiert
und benutzen "genesende Alkoholiker" als Schlüsselmitglieder des
Behandlungsteams[ vgl. Hoffmann/Harrison/Belille 1983, S 313]. Unter
"Genesenden Alkoholikern" sind Mitglieder von Alcoholics Anonymous zu
verstehen, denn normalerweise werden ausschließlich diese eingestellt[
vgl. Boscarino 1977, S 181]. Inzwischen sind schon 60% aller professionell mit
der Therapie von Alkoholproblemen befaßten A.A.-Mitglieder[ Bradley 1988,
S 193].
Geary S. Alford liefert in seinem Versuch, die
Effektivität von A.A. nachzuweisen, die Beschreibung eines solchen
Behandlungsprogramms, die meines Erachtens stellvertretend für die derzeit
in den U.S.A. am weitesten verbreitete Form der Alkoholismustherapie stehen
kann[ vgl. Alford 1980, SS 361 f]. Das gesamte
Programm ist an der Philosophie von Alcoholics Anonymous ausgerichtet. Ziel der
Therapie ist insbesondere, die Patienten dazu zu bewegen, sich Alkoholismus als
Krankheit vorzustellen, die zwar nicht geheilt, aber aufgehalten werden kann,
sie von ihrer völligen Machtlosigkeit gegenüber Alkohol zu
überzeugen, in ihnen die typischen Charakterdefekte, die als "Teil
der Krankheit" betrachtet werden nachzuweisen, und natürlich, sie
dazu zu bewegen, sich in Alcoholics Anonymous zu engagieren. Einzelkomponenten
dieses Programms sind:
War ursprünglich noch das persönliche
"12-stepping", also das Weitertragen der Nachricht von
A.A. in persönlichem Kontakt durch
"ältere" A.A.-Mitglieder, Hauptquelle von neuen Mitgliedern in
Alcoholics Anonymous, so gewann das "professionelle 12-stepping"
durch Behandlungsprogramme wie das eben beschriebene während der letzten
zwei Jahrzehnte zunehmend an Bedeutung. Inzwischen schreiben 36 Prozent aller
A.A.-Mitglieder ihre Mitgliedschaft dem Einfluß professioneller
Alkoholismusbehandlung zu[ vgl. Bradley 1988, S 193]. Damit stellen
professionelle Therapieprogramme das wichtigste Instrument der
Mitgliederrekrutierung für Alcoholics Anonymous dar.
Die Wurzeln von A.A. liegen, wie bereits eingehend
geschildert, in der Oxford-Gruppe, einer religiös-fundamentalistischen
Sekte. Auch nach der Trennung von der Oxford-Gruppe blieb der Einfluß
dieser Gruppe deutlich sichtbar. Die meisten Dogmen und Praktiken von
Alcoholics Anonymous wurden von der Oxford-Gruppe übernommen[ Für
eine ausführlichere Darstellung von diesbezüglichen Gemeinsamkeiten
und Unterschieden siehe Kurtz 1987, SS 48 ff] und insbesondere die 12 Schritte
von A.A. sind unverkennbar von den theologischen Lehren des Samuel M. Shoemaker,
der lange Zeit Leiter der amerikanischen Oxford-Bewegung war, bestimmt[ vgl.
Knippel 1987].
Angesichts der Ursprünge von A.A. in einer
religiösen Sekte und der unverkennbar religiösen Ausrichtung des
Programms könnte man Alcoholics Anonymous durchaus selbst als
religiöse Sekte einstufen. Im Rahmen dieser Arbeit scheint es jedoch
müßig, der Frage, ob A.A. eine Therapieform, "in
Wirklichkeit" eher eine Religion, oder etwas ganz anderes ist nachzugehen[
zu diesem Thema siehe z.B. Jones 1970, Whitley 1977, Greil 1983, Rudy 1988].
Zumindest von der Bedeutung und Funktion her, die A.A. für seine
Mitglieder hat und von der internen Dynamik her weist Alcoholics Anonymous
jedenfalls erhebliche Gemeinsamkeiten mit religiösen Sekten, aber auch mit
manchen radikalen politischen Gruppierungen, auf.
Der zentrale Aspekt in der Funktion von Alcoholics
Anonymous scheint die starke persönlicheVerpflichtung der Mitglieder
gegenüber der Gruppe und deren Ideologie zu sein. Ähnlich wie in
religiösen oder politischen Sekten ist die Einbindung total[ vgl. Jones
1970, S 190]. Da die Ideologie von Alcoholics Anonymous unter anderem
inkompatibel mit dem Genuß von Alkohol ist bedeutet eine starke
Verpflichtung gegenüber dieser Ideologie gleichzeitig eine starke Verpflichtung
zur Abstinenz.
Die Ideologie von Alcoholics Anonymous betrifft jedoch
nicht nur Alkohol; vielmehr nehmen die Mitglieder eine spezifische Weltsicht
an, die alle Lebensbereiche umfaßt. So stellte z.B. Chaiken nach
teilnehmender Beobachtung in verschiedenen A.A.-Gruppen fest:
Es scheint ein ziemlich stabiles Set von Assoziationen,
Haltungen, Glauben,
Kategorisierungen, Wertungen, Erwartungen, Erinnerungen,
Meinungen, Geboten,
Rollenwahrnehmungen, Stereotypen, und Werten zu geben, das
bei weitem
ausgedehnter und komplexer als die niedergeschriebene
Ideologie ist und von
Mitgliedern in allen der besuchten Gruppen ausgedrückt
wurde.[ Chaiken 1979, S 14]
Um eine solche Konformität unter den Mitgliedern zu
erzeugen müssen effektive Mechanismen vorhanden sein, die dazu
führen, daß Novizen die in Alcoholics Anonymous vorherrschende
Weltsicht absorbieren und als die ihre verinnerlichen. Da es unwahrscheinlich
ist, daß jedem Individuum, das Kontakt mit A.A. aufnimmt die
Identifikation mit Alcoholics Anonymous gelingt, müssen andererseits
Selektionsmechanismen dafür sorgen, daß diejenigen, bei denen dieser
Identifikationsprozeß fehlschlägt, die Gruppe wieder verlassen.
Die meisten Mitglieder von Alcoholics Anonymous beschreiben
ihren Anfangskontakt mit der Gruppe als Resultat des "hitting
bottom". Die Erkenntnis, am Ende zu sein, wird allerdings in derRegel von
außen durch Arbeitgeber, Ärzte oder Bezugspersonen vermittelt; diese
spielen auch eine wichtige Rolle dabei, die Betreffenden dazu zu
überreden, bei A.A. Hilfe zu suchen[ vgl. Greil
1983, S 10 f]. Auch definieren sich die meisten zum Zeitpunkt des
Anfangskontakts noch nicht selbst als "Alkoholiker"[ vgl. Boscarino
1977, S 160].
Erste Voraussetzung für eine Angliederung an A.A. ist,
daß der Novize dazu kommen muß, seine neue Identität als
Alkoholiker zu akzeptieren. Dazu wird erheblicher Druck ausgeübt und auf
Abstreiten des Alkoholismus mit Zurückweisung reagiert. Laut A.A.'s
Definition ist ja gerade Leugnen eines der wichtigsten Symptome des
Alkoholismus. Auch einige Wissenschaftler, die als teilnehmende Beobachter
A.A.-Meetings besuchten berichten übereinstimmend, daß ihre
Erklärung, A.A. lediglich studieren zu wollen als Schutzbehauptung
eingestuft wurde, die mit verstärktem Drängen, "es doch endlich
zuzugeben" beantwortet wurde[ vgl. z.B. Chaiken 1979, S 32]. Abgesehen von
dem Druck, sich als Alkoholiker zu identifizieren wird Novizen überaus
herzlich begegnet und versucht, ihnen das Gefühl zu vermitteln unter
Freunden zu sein, die alles für sie tun würden[ vgl. Greil 1983, S
15].
Besonders während der Anfangszeit wird von Neulingen
erwartet, möglichst viel Zeit in A.A. zu verbringen und möglichst
wenig andere Kontakte, insbesondere zu noch trinkenden Freunden, zu
unterhalten. Als Richtschnur gilt, "90 Meetings in 90 Tagen" zu
besuchen. Dies dient zum einen dazu, die Ernsthaftigkeit des Neulings zu
testen, zum anderen zur Abschirmung von konkurrierenden Einflüssen[ ib., S 17].
In vielen A.A.-Gruppen ist es Brauch, Neulingen einen
Sponsor zur Seite zu stellen. Hierunter wird ein erfahrenes Gruppenmitglied
verstanden, das dem Novizen das Programm von Alcoholics Anonymous erklärt,
Unklarheiten beseitigt, Ratschläge über empfehlenswerte Strategien
zur Aufrechterhaltung der Nüchternheit gibt und auch als Ansprechpartner
dient, wenn ein Rückfall droht.[ vgl. Alcoholics Anonymous World Services
Inc. 1975, SS 26 ff]
Ferner wird zunehmender Druck ausgeübt, eine
Verpflichtung einzugehen. Hierzu gehört dieÜbernahme kleiner, aber
regelmäßiger Aufgaben, wie z.B. Getränke zu servieren oder nach
den Meetings aufzuräumen[ ib., SS 14 f]. Dies
erweckt im Neuling einerseits das Gefühl, gebraucht zu werden,
verantwortlich zu sein und einen Beitrag zu leisten; andererseits
verstärkt es auch die innere Verpflichtung: jemand, der Zeit und Energie
in den täglichen Betrieb der Organisation investiert hat, hat subjektiv
eher etwas zu verlieren, wenn er doch aussteigt.[ vgl. Greil 1983, S 16]
Die verhaltensmäßige Verpflichtung wird
ergänzt durch ideologische Verpflichtung. Novizen sind gehalten, das
Programm von Alcoholics Anonymous zu lernen. Gelegentlich werden ihre
Kenntnisse überprüft. Versagen zieht Forderungen "ernst zu
werden", "mit sich selber ehrlich zu werden", "zu lernen,
das Programm zu durcharbeiten" etc, nach sich.[
ib., S 17]
Das "pigeon-stadium"[ pigeon=
Taube; Bezeichnung für Neulinge in Alcoholics Anonymous] dauert in der
Regel 90 Tage. Wer diese 90 Tage abstinent geblieben ist und
regelmäßig Treffen besucht hat qualifiziert sich als "richtiges"
Mitglied. Dieser Statusübergang zur Vollmitgliedschaft wird meist mit
einer Feier begangen[ vgl. Boscarino 1977, S 170]. In vielen Gruppen darf
einMitglied nach den ersten 90 Tagen Abstinenz auch Ämter in der Gruppe
übernehmen und vor den Meetings sprechen[ vg. Alcoholics Anonymous World
Services Inc. 1975, S 15].
Die meisten Meetings von Alcoholics Anonymous sind ziemlich
ähnlich. Eigentlich gibt es hierfür zwar keine verpflichtenden
Regeln, doch folgt der Ablauf in weiten Teilen dem gleichen Schema, ein
Umstand, der wohl hauptsächlich auf die zahlreichen "How
to..."-Bücher des General Services Office zurückzuführen
sein dürfte[ vgl. Boscarino 1977, S 43]. Zur Verdeutlichung der
Ritualhaftigkeit möchte ich den typischen Ablauf eines solchen (offenen)
Treffens kurz schildern[wie stark diese Treffen standardisiert sind zeigt sich
auch in dem hohenMaß an Übereinstimmung zwischen meinen eigenen
Erfahrungen und den zu verschiedener Zeit an verschiedenem Ort gemachten
Beobachtungen anderer Autoren; vgl. z.B. Chaiken 1979, SS 1 ff,
Alexander/Rollins 1984, SS 39 f sowie McCrady/Irvine 1989, SS 156 f].
6.1.1 Die Meetings
Die Meetings finden typischerweise in von Kirchen oder
kirchlichen Einrichtungen zur Verfügung gestellten Räumen statt. Zeit
und Ort der Treffen sind in Zeitungen veröffentlicht. Der eigentlichen
Veranstaltung voraus geht eine Zeit, in der die Besucher Gelegenheit haben,
sich auf informeller Ebene miteinander zu unterhalten. Die meisten kennen sich
untereinander und begrüßen sich. Fremde fallen dabei natürlich
auf und werden von den Stammitgliedern angesprochen, mit Kaffee versorgt und
anderen vorgestellt.
Wenn der Vorsitzende ans Rednerpult kommt, tritt Stille
ein. Er (seltener Sie) stellt sich vor: "Hi, ich bin (Vorname), und ich
bin ein Alkoholiker". Vielstimmig schallt ihm entgegen "Hi,
(Vorname)". Anschließend wird die
Präabmel von Alcoholics Anonymous[ siehe Anhang 0 auf Seite 36], oft
zusätzlich auch die 12 Schritte und/oder die 12 Traditionen, verlesen. Der
Vorsitzende fragt "Gibt es noch irgendwelche anderen Alkoholiker im
Saal?". Fast alle der Anwesenden heben die Hand.
Diejenigen, die zum ersten Mal ein Treffen besuchen, werden
gebeten, sich (natürlich nur mit Vornamen) vorzustellen und werden mit
Beifall begrüßt. Anschließend die Frage, wer mehr als 30 Tage
Nüchternheit aufzuweisen hat- Wiederum Beifall. Dies wiederholt sich
einige Male für verschiedene Längen der Abstinenz. An diejenigen, die
dabei eine neue Kategorie erreicht haben, werden bunte Medaillons vergeben,
deren Farbe die Dauer der Nüchternheit anzeigt. Besonders feierlich werden
dabei "Geburtstage", also Tage, an denen sich die Abstinenz eines
Mitgliedes jährt, begangen.
Nun erzählen vorher festgelegte Sprecher "ihre
Geschichte". Die Anzahl der Sprecher ist dabei bei verschiedenen Gruppen
unterschiedlich. Kernelemente der Geschichten sind:
Gegen Ende der Sitzung geben die Funktionäre der
Gruppe die nächsten Treffen und andere regionale Aktivitäten von
Alcoholics Anonymous bekannt; gleichzeitig werden Körbe herumgereicht um
Spenden der Teilnehmer einzusammeln. Beiträge von Besuchern werden dabei
in der Regel abgelehnt. Zum Abschluß der Treffen bilden alle Teilnehmer
einen Kreis, nehmen sich bei den Händen und beten gemeinsam ein
"Vater Unser". Nach Beendigung bleiben üblicherweise noch einige
zu einem informellen Zusammensein.
Für außenstehende Beobachter bieten die Meetings
hauptsächlich den Eindruck eines starren Rituals. Es findet kaum direkte
Interaktion, geschweige denn Diskussion, statt. Die Beiträge dienen in
erster Linie als Anlaß zur Bekräftigung der Prinzipien von
Alcoholics Anonymous; diese Prinzipien und Slogans werden in geradezu
hypnotischer Weise immer wieder wiederholt[ vgl.
McGowan 1964, SS 109 ff].
Das Erzählen seiner Geschichte hat einen besonderen
Stellenwert in Alcoholics Anonymous. Vor den Meetings zu sprechen wird von den
Mitgliedern erwartet und nur selten kann jemand zum Stammitglied werden, der
nicht eine gute Geschichte entwickelt hat[ vgl. Boscarino 1977, S 176]. Die
Geschichten stellen dabei in der Regel reine Illustrationen der
Gruppenideologie dar. Paradoxerweise hat diese Indoktrination den
größten Effekt auf denjenigen, der die Geschichte erzählt.
Indem er sein eigenes Leben im Sinne der Ideologie von A.A. interpretiert,
indoktriniert er in erster Linie sich selbst.[ vgl.
Antze 1976].
Auch die öffentliche Verleihung unscheinbarer
Plastikchips ist bedeutsamer als es scheint. Oberflächlich betrachtet
stellen sie einfach eine positive Verstärkung dar[ vgl. Bassin 1975].
Darüber hinaus jedoch tragen sie entscheidend zur Stärkung der
Selbstverpflichtung des Individuums bei: Jemand, dessen Nüchternheit
öffentlich anerkannt und beklatscht wurde wird kaum die Demütigung,
die ein "Ausrutscher" nach sich ziehen würde, riskieren wollen[
vgl. Greil 1983, S 18].
Wie die meisten Sekten und Kulte, seien sie politisch oder
religiös motiviert, wendet auch Alcoholics Anonymous unter anderem
Methoden der "Gedankenreform" oder "Gehirnwäsche" an.
In einer Arbeit über die "Umerziehung" von Intellektuellen in
China identifizierte Lifton acht Kernelemente dieser Technik. Diese sind im einzelnen:
"Millieukontrolle": Kontrolle der Umgebung und
der Außenkontakte des Umzuerziehenden, um ihn von konkurrierenden
Ideologien fernzuhalten[ vgl. Lifton 1961, S 420 f].
"Mystische Manipulation": Die Ideologie der
Gruppe wird als einem "Höheren Zweck" dienend hingestellt.
Dieserhöhere Zweck hat Vorrang vor allen anderen Überlegungen; den
höheren Zweck gefährdende Gedanken oder Handlungen werden niedrigeren
Motiven zugeschrieben. Von dem zu bekehrenden wird blindes Vertrauen verlangt[ ib., S 422 f].
"Forderung nach Reinheit": Die Welt wird
aufgespalten in Reines und Unreines, in absolut Gutes und absolut Böses,
wobei die eigene Ideologie natürlich das Gute vertritt. Da kein Mensch so
hundertprozentig "rein" sein kann werden so Schuldgefühle
erzeugt[ ib., S 423 ff].
"Kult der Konfession": Aus dem öffentlichen
Bekennen von Sünden, also Verstößen gegen die reine Lehre, wird
ein Kult gemacht. Dies dient 3 Zwecken: als symbolischer Akt der Unterwerfung;
dazu, die Aufmerksamkeit des Individuums auf seine Fehler zu lenken und so
Schuldgefühle zu erzeugen; dazu, einen Ethos der völligen Transparenz
des Individuums aufrechtzuerhalten[ ib., S 425 ff]
"Heilige Wissenschaft": Die Ideologie wird mit
einer Aura der Heiligkeit umgeben und als äußerste moralische Vision
zur Ordnung der menschlichen Existenz gedeutet.[ ib.,
S 427 ff]
"Aufladen der Sprache": Die Komplexheit der
Realität wird auf prägnante, leicht zu merkende und keinen
Widerspruch zulassende Slogans und Klischees reduziert und so eine eigene
Sprache (und dadurch in gewissem Sinne auch eine eigene Realität)
erschaffen[ ib., S 429 f].
"Doktrin über Person": Die Dogmen der Gruppe
werden als gültiger als die persönlichen Erfahrungen betrachtet.
Deshalb wird die Vergangenheit des Individuums im Sinne der Gruppenideologie
neu interpretiert.[ ib., S 430 ff]
"Verteilung der Existenz": Es wird eine scharfe
Linie gezogen zwischen der "In-Group" und den anderen[ ib., S 433 ff].
F. Alexander und M. Rollins verbrachten mehrere Monate als
teilnehmende Beobachterinnen in A.A.-Meetings. Auf Notizen der beobachteten
Interaktionen gestützt fertigten sie unmittelbar nach den Sitzungen
Protokolle an. Anschließend wurden die aufgezeichneten Einzelaussagen
anhand von Liftons Kategorien ausgewertet. Die Auswertung ergab, daß alle
von Lifton definierten Elemente der "Gedankenreform" vertreten waren.
Besonders häufig waren "Mystische Manipulation" (21% aller Statements)
und "Millieukontrolle" (20%) zu beobachten. Am seltensten war die
"Forderung nach Reinheit" (3%). Alle anderen Kategorien lagen
zwischen 7 und 10%.[ vgl. Alexander/Rollins 1984]
In soziologischem Sinne stellt problematischer
Alkoholkonsum bzw. Alkoholismus ein Abweichen von gesellschaftlich anerkannten
Normen, also "deviantes Verhalten" dar. Wer von den dafür
vorgesehenen Instanzen wie Medizinern oder Gerichten in die Kategorie
"Alkoholiker" eingeordnet wurde, hat mit gesellschaftlichen Sanktionen
zu rechnen und wird auch nachÄnderung des Trinkverhaltens eine gewisse
gesellschaftliche "Anrüchigkeit" behalten.
Zur Rehabilitation eines als "Alkoholiker"
etikettierten Menschen reicht es also nicht aus, alleinedas individuelle
Verhalten zu verändern. Deshalb einige Überlegungen dazu, wie
Alcoholics Anonymous eine gesellschaftliche Rehabilitierung ermöglicht.
Auf der sozialen Ebene bietet Alcoholics Anonymous seinen
Mitgliedern eine Revision des Etikettes "Alkoholiker" und damit eine
Rückkehr in den Kreis der anerkannten Gesellschaft. Hierzu bietet die
amerikanische Kultur die Rolle des "reumütigen Sünders";
viele der in den
U.S.A. weitverbreiteten Erlösungsreligionen betonen,
daß man einen moralischen Makel, selbst einen von langer Dauer, durch das
öffentliche Bekennen von Schuld und Reue wiedergutmachen kann[ vgl. Trice
1970, S 542]. A.A. verkörpert in hohem Maße Normen und Werte der
Mittelklasse und amerikanische Ideale:
A.A. repräsentiert Amerikas "traditionelle
Werte" - das Gute, das Wahre und das Schöne. Was könnte
öffentlichkeitswirksamer sein als eine Gesellschaft von Altruisten die
selbst durch Vertrauen auf Gott von der Schlechtigkeit erlöst wurden?[ Trimpey 1989, S 99]
Durch die Mitgliedschaft in Alcoholics Anonymous kann der
Alkoholiker demonstrieren, daß er sich von seinem früheren
Hedonismus distanziert hat und sich wieder eindeutig den Normen und Werten der
herrschenden Gesellschaft unterwirft[ vgl. Trice 1970, S 542]. So kann der
einst als "Alkoholiker" geächtete einen neuen gesellschaftlichen
Status als "genesender Alkoholiker" gewinnen. In den U.S.A. ist
dieser Status inzwischen durchaus gesellschaftlich anerkannt; insbesondere
unter Prominenten gilt es schon geradezu als "schick", sich
öffentlich als genesender Alkoholiker und Mitglied von Alcoholics
Anonymous zu präsentieren[ vgl. Zocker 1989, S 128 f].
Das ursprünglich[ zumindest auf die Entwicklung in
diesem Jahrhundert bezogen] hauptsächlich von Alcoholics Anonymous
vertretene Konzept von Alkoholismus als einheitlicher, physiologisch bedingter,
unheilbarer und progressiver Krankheit hat sich weitestgehend durchgesetzt.
Historisch betrachtet brachte die Durchsetzung des Krankheitsmodelles durchaus
positive Impulse. Die Betroffenen werden nicht mehr einfach als willensschwach
und moralisch verkommen betrachtet, sondern als krank, was das damit verbundene
soziale Stigma erheblich mildert. Ferner haben "Alkoholiker" dadurch
Anspruch auf gesellschaftliche Unterstützung. Auch hat das
Krankheitsmodell wohl überhaupt erst den Anstoß gegeben, sich mit
dem Phänomen wissenschaftlich auseinanderzusetzen[ vgl. Nace 1987, S 62].
Doch wird dieses Modell, das sicherlich sozialpolitischen Bedürfnissen gerecht
wird, auch wissenschaftlichen Anforderungen gerecht?
Die Häufigkeit von Alkoholproblemen und
diagnostiziertem Alkoholismus unter verschiedenen sozialen Gruppen ist
bemerkenswert unterschiedlich. Dabei scheint diese Verteilung stärker mit
einigen demographischen Variablen zusammenzuhängen als mit physiologischen
oder psychologischen Unterschieden. Aufschluß über Häufigkeit
und Verteilung von Alkoholkonsum und alkoholbezogenen Problemen erbrachten
hauptsächlich die Umfragen über das Trinkverhalten der Amerikaner von
Cahalan et al. Folgende Faktoren erwiesen sich darin hauptsächlich als mit
schwerem Trinken und alkoholbezogenen Problemen korreliert:
Geschlecht:
Rate der Problemtrinker 15% bei Männern, 4 % bei
Frauen[ vgl. Cahalan 1970, S 137] Alter:
Konzentration alkoholbezogener Probleme bei Männern
von 20-30, bei Frauen von 30-50[
vgl. ib.]; mit steigendem Alter Rückgang von
Alkoholkonsum und Trinkproblemen[ vgl.
Cahalan/Cisin/Crossley 1969, S 204]
Ethnizität:
Unter Italienern am meisten schwere Trinker, unter Iren am
meisten Alkoholprobleme[ vgl.
ib., S 188] Status:
Anteil der Trinker niedriger bei nierigeren sozialen
Schichten, am höchsten bei jungen
Männern mit hohem Status; unter den Trinkern jedoch
mehr schwere Trinker und mehr
trinkbezogene Probleme in der Unterschicht[ vgl. ib., S
186] Bildung:
am meisten schwere Trinker bei relativ hohem Bildungsniveau
(Highschool-Abschluß oder
abgebrochenes Studium)[ vgl. ib., S 186] Urbanisierung:
am meisten Abstinente in ländlichen Regionen, am
meisten schwere Trinker in
urbanisierten Gebieten[ vgl. ib.,
S 187]; unter den Trinkern jedoch mehr alkoholbezogene
Probleme in vorwiegend abstinenten Regionen[ vgl.
Cahalan/Room 1974, S 225] Religion:
Unter Katholiken am meisten schwere Trinker;
Unabhängig von Religion unter denen, die
nie zur Kirche gehen, doppelt soviele schwere Trinker wie
unter regelmäßigen
Kirchgängern[ vgl. Cahalan/Cisin/Crossley 1969,
S 188]
Es zeigt sich, daß die Frage, wer als
"Alkoholiker" betrachtet wird, und damit, wer sich selbst als
Alkoholiker betrachtet, erheblich von sozialen Einflüssen abhängig
ist. So findet sich die größte Häufung von schwerem
Alkoholkonsum und Alkoholproblemen bei jungen Männern, während in
Behandlungsprogrammen ältere dominieren. Offensichtlich wird das
Problemtrinken jüngerer Männer eher nachsichtig als
"Jugendsünde" abgetan. Die Beobachtung, daß Trinker in
Gebieten mit einem hohen Anteil von Abstinenten mehr alkoholbezogene Probleme
haben, deutet in die gleiche Richtung: dort wird schweres Trinken
offensichtlich eher sanktioniert als in diesbezüglich liberaleren
Gegenden.
Es zeigt sich ebenfalls, daß viele der Beobachtungen
in klarem Widerspruch zum Krankheitskonzept stehen. Zwar wird in den
Cahalan-Studien das Trinkverhalten einer "normalen", also nicht
institutionalisierten, Population analysiert und auch nicht explizit die
Kategorie Alkoholismus, sondern der Alkoholverbrauch und die Häufigkeit
alkoholbezogener Probleme als Maßstab benutzt[ vgl. Cahalan 1970, S 135],
doch sind in diesen Kategorien auch die meisten "Alkoholiker"
erfaßt. In der Praxis gibt es ohnehin kaum eine Möglichkeit,
zwischen "echten Alkoholikern" und "Problemtrinkern", also
schweren Trinkern, die alkoholbezogene Probleme haben, zu unterscheiden[ vgl.
Fappiano 1983, S 2].
Insbesondere die Entdeckung, daß mit steigendem Alter
Alkoholkonsum und Auftreten von Alkoholproblemen zurückgehen steht in
klarem Widerspruch zum Alkoholismusmodell von A.A. Zwar wurde, da die
Cahalan-Studien nur Momentaufnahmen zu verschiedenen Zeitpunkten darstellen,
spekuliert, ob diese Beobachtung vielleicht das Resultat von
Generationsunterschieden und nicht das individueller Entwicklung sein
könnte, doch wurde der grundsätzliche Trend in mehreren anderen
Erhebungen bestätigt[ vgl. U.S. Department of Health, Education and Welfare
1974, sowie U.S. Department of Health and Human Services 1987 und 1990].
Auch zahlreiche Studien an Populationen von klinischen
Alkoholikern erbrachten Ergebnisse, die sich mit dem Krankheitsmodell des
Alkoholismus kaum vereinbaren lassen. Insbesondere ist Alkoholismus
offensichtlich bei weitem kein so stabiler Zustand wie gemeinhin angenommen.
So waren z.B. 18 Monate nach der Behandlung in
(abstinenzorientierten) Therapieprogrammen des NIAAA[ National Institute on
Alcohol Abuse and Alcoholism] etwa gleiche Teile der Patienten abstinent,
periodisch trinkend und normal trinkend, wobei jedoch eine erhebliche
Fluktuation zwischen den Kategorien festzustellen war. 70% der Patienten
zeigten eine substantielle Verbesserung, jedoch war nur eine Minderheit von 25%
langzeitabstinent. Die Rückfallquote für diejenigen, die zu
"normalem" Trinken zurückgekehrt waren lag nicht höher als
die der Abstinenten. Außerdem wurde eine unerwartet hohe Rate von
Spontanremissionen festgestellt: 50% der unbehandelten Alkoholiker zeigten
ebenfalls bedeutende Verbesserung.[ vgl.
Armor/Polich/Stambul 1976]
Zwar lag die Rate der Verbesserten bei der Nachuntersuchung
4 Jahre nach Behandlung geringer, doch die grundsätzlichen Trends wie die
hohe Rate von Fluktuation und Spontanremissionen sowie die Beobachtung,
daß ein beträchtlicher Anteil von Alkoholikern zu kontrolliertem
Trinken zurückkehrte, wurden bestätigt.[ vgl. Polich/Armor/Braiker
1980]
Inzwischen wurde in einer Vielzahl von Studien gezeigt,
daß Rückkehr zu gemäßigtem Trinken möglich ist.
Ferner erwies sich kontrolliertes Trinken insbesondere für sozial stabile
Alkoholiker auch als Behandlungsziel als der Abstinenz mindestens
ebenbürtig, wenn nicht überlegen.[ vgl.
z.B. Sobell/Sobell 1973 und 1976 sowie Sanchez-Craig 1980]
Der Unterschied zwischen Problemtrinkern, die nach Behandlung abstinent bleiben
und denjenigen, die beginnen, wiederkontrolliert zu trinken scheint nicht
zuletzt in deren persönlichen Überzeugungen begründet zu sein:
Sowohl Abstinente als auch Rückfällige hängen traditionellen
Vorstellungen von Alkoholismus als Krankheit an, während kontrollierte
Trinker diese zurückweisen.[ vgl. Polich/Armor/Braiker 1980, S 177;
nebenbei bedeutet das auch, daß die häufig als Merkmal von
Alkoholikern beschworene Verleugnung in der Praxis kaum eine Rolle spielt: Die
überwiegende Mehrheit der rückfälligen Problemtrinker berachtet
sich selbst als Alkoholiker.]
Auch ein anderes zentrales Konstrukt des Krankheitsmodells,
die These, Alkoholaufnahme löse in Alkoholikern ein physiologisch
bedingtes, unstillbares Verlangen aus, weiterzutrinken, steht in Widerspruch
zur empirischen Forschung. Bereits mehrmals wurde gezeigt, daß zumindest
in experimenteller Umgebung kein derartiger Kontrollverlust feststellbar ist[
vgl. Boscarino 1977, S 143].
Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß
A.A.'s Konzept von Alkoholismus als einheitlicher, biologisch bedingter,
unheilbarer und progressiver Krankheit, das nach wie vor auch in der Medizin
dominiert, mit empirischen Erkenntnissen in erheblichem Konflikt steht.
Angesichts der eindrucksvollen Mitgliederzahlen, der weiten
Verbreitung und des gewaltigen Einflusses ist Alcoholics Anonymous als
Organisation ganz sicher als äußerst erfolgreich zu bewerten. Jedoch
ist bei jeder Auswertung eines Therapieprogrammes zur Lösung oder Linderung
irgendeines Problems natürlich von besonderem Interesse, inwieweit die
Therapie tatsächlich funktioniert, also das betreffende Problem
tatsächlich löst. In Bezug auf Alcoholics Anonymous stellt sich
deshalb die Frage, ob deren "einfaches spirituelles Programm der Genesung
vom Alkoholismus" Menschen mit Alkoholproblemen tatsächlich hilft,
diese Alkoholprobleme zu überwinden und ihr Leben besser zu meistern.
Alcoholics Anonymous selbst behauptet eine Erfolgsquote von
75 Prozent. Während des ersten Vierteljahrhunderts seines Bestehens war
A.A. fast alleine darin, Auswertungen seiner Effizienz zur Schau zu stellen,
die jedoch von Medizinern weitgehend unhinterfragt akzeptiert wurden[ vgl.
Leach 1973, S 247]. Zumindest ab den sechziger Jahren, als erstmals
öffentliche Kritik an Alcoholics Anonymous laut wurde, mehrten sich
Stimmen, die forderten, die Effektivität von A.A. wissenschaftlich zu
dokumentieren und die zum Teil Alcoholics Anonymous verdächtigten, eine
empirische Nachprüfung aktiv zu behindern.[ vgl.
Alford 1980, S 359]
A.A.
Der Versuch, die Effizienz von Alcoholics Anonymous mit den
Mitteln der Empirie zu messen ist mit einer Vielzahl von Problemen belastet.
Zum Teil sind dies Probleme, durch die jede Forschung über Alkoholismus
und besonders jede Auswertung von Alkoholismusprogrammen erschwert wird. Eines
der fundamentalsten dieser Probleme ist das Fehlen gemeinsamer Definitionen
auch nur der grundlegendsten Begriffe.
So herrscht weithin Uneinigkeit darüber, wieviel
Alkohol eine Person trinken muß, welche alkoholbezogenen Probleme sie
erfahren haben muß (oder was auch immer sonst als Kriterium herangezogen
wird) um als "Alkoholiker" zu gelten. Insbesondere im Zusammenhang
mit der Auswertung von Behandlungsprogrammen stellt sich die Frage, anhand
welcher Kriterien überhaupt zu messen ist, ob die Behandlung erfolgreich
war oder nicht. Auch hier tut sich eine enorme Spannweite auf. Zum Teil wird
die Auswertung rein auf die durchschnittliche Menge des Alkoholkonsum pro Tag,
Monat, oder während des Nachfolgezeitraums bezogen, manchmal auch nur
völlige Abstinenz als Erfolg betrachtet; andere Studien beziehen sich auf
den längsten Zeitraum der Abstinenz, wieder andere stützen sich auf
das allgemeine soziale Funktionieren und die Abwesenheit alkoholbezogener
Probleme.
Diese Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen.
Zusammengenommen heißt das, daß die Ergebnisse verschiedener
Studien über A.A., oder Alkoholismustherapie im
allgemeinen, nursehr schwer miteinander vergleichbar sind. Über diese
allgemeinen Probleme hinaus stellen sich bei der Erforschung von Alcoholics
Anonymous noch einige spezifische Probleme, die in der Struktur dieser
Organisation begründet sind.
Da es keine formale Regelung der Mitgliedschaft in
Alcoholics Anonymous, z.B. durch Mitgliederlisten, gibt, besteht schon in der
grundlegenden Frage, wer überhaupt als Mitglied der Organisation zu
betrachten ist, weitgehend Uneinigkeit. Die Angliederung an A.A. kann definiert
werden als Besuch einer bestimmten Anzahl von Meetings, als Aufrechterhaltung
des Engagements in der Organisation über eine bestimmten Zeitraum hinweg
oder einfach als persönliche Identifikation mit A.A.[ vgl. McCrady/Irvine
1989, S 154] Darüber hinaus erlaubt die Anonymität der
A.A.-Mitglieder natürlich auch nicht die Anwendung zeitgemäßer
Sampling-Techniken (Zufallszuweisung zu verschiedenen Gruppen, Vortest zum
Feststellen der Basislinie etc.)[ ib., S 155].
Deshalb ist die Zusammensetzung jedes Samples von
A.A.-Mitgliedern in erster Linie durch die Selbstselektionsmechanismen
innerhalb der Organisation bestimmt. So werden z.B. die starkenSanktionen
gegenüber fortgesetztem Trinken unweigerlich zu einer
Überrepräsentierung derer führen, die sich an das Abstinenzgebot
halten[ vgl. Bebbington 1976, S 574]. Ein anderes, vor allem bei eher
qualitativ orientierten Forschungsmethoden auftretendes Problem ist, daß
bedingt durch eine ausgeprägte Tendenz der Mitglieder, ihre Vergangenheit
retrospektiv im Sinne des Weltbildes von A.A. zu reinterpretieren, jegliche
Angaben über die persönliche Biographie notorisch unzuverlässig
sind[ vgl. Boscarino 1977, S 154].
Aus all diesen methodischen Problemen nun zu
schließen, eine wissenschaftliche Erforschung von A.A. sei schlichtweg
unmöglich und deshalb Zeitverschwendung, wie dies z.B. Bebbington tut[
vgl. Bebbington 1976, S 572], heißt meines Erachtens, das Kind mit dem
Bade auszuschütten, da die von ihm stattdessen beschworene "klinische
Erfahrung" erst recht mit beträchtlichen Verzerrungen belastet ist[
vgl. Armor/Polich/Stambul 1976, S 127] und deshalbkeine Alternative darstellt.
Aus diesem Grunde werde ich im folgenden einen
Überblick über die empirische Forschung bezüglich der Effizienz
von Alcoholics Anonymous geben, auch wenn diese problembehaftet ist und zum
Teil zu widersprüchlichen Ergebnissen kommt.
Edwards et al. unternahmen 1967 eine Fragebogenaktion, in
der 40 der damals 45 A.A.Gruppen in London erfaßt
wurden[ vgl. Edwards/Hensman/Hawker/Williamson 1967]. Unter den Mitgliedern
betrug die mittlere Dauer der Abstinenz 28.8 Monate, allerdings mit einer
großen Minderheit von 42%, die weniger als sechs Monate abstinent gewesen
waren. Sie kamen zu dem Schluß, Alcoholics Anonymous stelle bis zu einem
gewissen Grade eine autonome Behandlungsmöglichkeit dar, welche
langfristige Abstinenz bewirken kann und verdiene insbesondere Beachtung wegen
der Unterstützung, die sie dem rückfälligen Alkoholiker geben
könne, kritisierten jedoch gleichzeitig die starken Selektionsmechanismen,
die viele Alkoholiker aus A.A. herausdrängten.
Die sogenannten "Rand-Reports"[
Armor/Polich/Stambul 1976 sowie Polich/Armor/Braiker 1980] waren
hauptsächlich darauf angelegt gewesen, in mehreren Nachuntersuchungen die
langfristigen Behandlungsergebnisse von 45 Behandlungszentren des National
Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism auszuwerten (NIAAA). Dabei wurde
jedoch eine Vielzahl von demographischen, sozialen und psychologischen
Variablen erhoben und auch die Entwicklung von Personen weiterverfolgt, die
lediglich einmaligen Kontakt mit der Behandlungseinrichtung hatten, so
daß auch aufschlußreiche Ergebnisse über weitergehende
Fragestellungen gewonnen wurden.
Unter anderem zeigte sich, daß bei der
Nachuntersuchung diejenigen, die (abgesehen von einem einmaligen Kontakt) nicht
behandelt worden waren aber regelmäßig A.A. besucht hatten, fast so
gut abschnitten wie die, die in Behandlung gewesen waren.[ vgl.
Armor/Polich/Stambul 1976, S 134] Dieses Ergebnis hatte auch in der vier Jahre
später stattfindenden zweiten Nachuntersuchung Bestand[ vgl.
Polich/Armor/Braiker 1980, S 179]. Allerdings zeigten ebenfalls in beiden
Untersuchungen unregelmäßige A.A.-Besucher die höchste Rate von
alkoholbezogenen Problemen[ vgl. Armor/Polich/Stambul
1976, S 131 und Polich/Armor/Braiker 1980, S 179]
Andererseits jedoch zeigte eine von Ogborne/Bornet
durchgeführte Neuanalyse der den "Rand-Reports"
zugrundeliegenden Daten auch, daß feste A.A.-Mitglieder die nicht
abstinent blieben unter schwereren körperlichen und anderen Konsequenzen
leiden als die, die A.A. weniger häufig besuchen[ vgl. Ogborne/Bornet
1982]
Eine der wenigen Studien, die versucht hat, die
Behandlungsergebnisse verschiedener Typen von Psychotherapie mit
Alkoholabhängigen in einem experimentellen Forschungsdesign festzustellen
stammt von Brandsma et al.[ Brandsma/Maultsby/Welsh
1980]. Dabei wurden die Subjekte zufällig vier verschiedenen
Therapiegruppen (darunter Alcoholics Anonymous) bzw. einer unbehandelten
Kontrollgruppe zugewiesen. Alle Therapiegruppen schnitten besser ab als die
Kontrollgruppe und unterschieden sich untereinander kaum im
Behandlungsergebnis. Alcoholics Anonymous hatte allerdings die höchste
drop-out-Rate. Von Verfechtern von A.A. wird kritisiert, daß die Ergebnisse
der A.A.-Gruppe deshalb nicht besser waren, weil es sich um unfreiwillige
Subjekte handelte und A.A. als Selbsthilfegruppe mit Freiwilligen besser
abschneide[ vgl. McCrady/Irvine 1989, S 166].
Linda Farris-Kurtz untersuchte 158 der 274 Personen, die
während der 5 Jahre davor in einerprogrammatisch an Alcoholics Anonymous
orientierten Übergangseinrichtung betreut worden waren. Dabei fand sie
eine signifikante Beziehung zwischen der Dauer des Aufenthaltes und dem
Engagement in A.A. einerseits und Abstinenz von psychoaktiven Substanzen
andererseits[ vgl. Farris-Kurtz 1981]. Anzumerken ist allerdings, daß
insbesondere das verwendete Erfolgskriterium (selbstberichtete Abstinenz egal
welcher Dauer zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung) ziemlich wenig aussagekräftig
scheint .
900 Patienten von verschiedenen an Alcoholics Anonymous
orientierten Alkoholismus-Behandlungsprogrammen wurden von Hoffman et al. einer
Nachuntersuchung unterzogen[ vgl. Hoffman/Harrison/Belille 1983]. Dabei zeigte
sich eine hohe Korrelation zwischen der Häufigkeit des Besuchs von
A.A.-Meetings und der längsten Zeit der Nüchternheit. Allerdings ist
zum einen angesichts der Ergebnisse der "Rand-Reports"[
Armor/Polich/Stambul 1976 sowie Polich/Armor/Braiker 1980] zu bezweifeln, ob
die Follow-up-Periode von 6 Monaten lang genug ist und zum anderen zumindest
unklar, welche Aussagekraft das gewählte Erfolgskriterium der
längsten Zeit der Abstinenz hat.
Williams et al. baten 36 wegen Alkoholproblemen in einem
staatlichen Behandlungsprogramm aufgenommene Personen, die sowohl A.A. als auch
die ambulante Nachsorge besucht hatten zu bewerten, wie hilfreich A.A. bzw.
ambulante Beratung für die Aufrechterhaltung der Nüchternheit waren.
Diejenigen mit einer überdurchschnittlich hohen Zahl von Abstinenztagen
bewerteten A.A. höher[ Williams/Stout/Erickson 1986]. Angesichts der sehr
geringen Sample-Größe und der ziemlich vagen Fragestellung
läßt dieses Ergebnis jedoch keinerlei Schlußfolgerungen zu.
In einer Studie von Mary Sheeren wurden 59 A.A.- Mitglieder
gebeten, einen Fragebogen auszufüllen um das Auftreten von
Rückfällen und seine Beziehung zum Maß des Engagements im
A.A.-Programm einzuschätzen. Die Rückfälligen bewerteten sich
niedriger in jeder aufgeführten Kategorie von Engagement.[
vgl. Sheeren 1988] Ob dieses Ergebnis tatsächlich darauf hindeutet,
daß weniger engagierte A.A.-Mitglieder häufiger Rückfälle
haben muß jedoch erheblich bezweifelt werden. Einer der
Glaubenssätze von A.A. ist, daß nachlassendes Engagement
unweigerlich zu Rückfällen führt. Wenn A.A.-Mitglieder, die
kürzlich einen Rückfall hatten, dies nachträglich dem mangelnden
Engagement zuschreiben so deutet dies wahrscheinlicher gerade darauf hin,
daß sie die Ideologie von Alcoholics Anonymous verinnerlicht haben.
Seixas et al. prüften in einem Gefängnis bei 102
Insassen den Zusammenhang zwischen A.A.Besuch und Nachfolgestatus nach einem
Jahr[ Seixas/Washburn/Eisen 1988]. Die schwersten Alkoholiker erwiesen sich als
die besten A.A.-Besucher. Die Hypothese, der A.A.-Besuch beeinflusse den Status
bei der Nachuntersuchung konnte nicht bestätigt werden.
In einer verhaltensorientierten
Alkoholismus-Therapieeinrichtung untersuchten McLatchie/ Lomp 173
aufeinanderfolgend aufgenommene Klienten bezüglich A.A.-Besuch vor oder
nach der Behandlung, demographischen und psychometrischen Merkmalen und dem
Behandlungserfolg[ McLatchie/Lomp 1988]. Diejenigen, die schon vor der Aufnahme
Kontakt zu
A.A. gehabt hatten, zeigten tendenziell schwerere
Trinkprobleme. Im Behandlungserfolg waren grundsätzlich keine Unterschiede
bezüglich A.A.-Besuchern und Nicht-Besuchern festzustellen. Jedoch zeigte
sich, daß unregelmäßige Besucher von A.A. eine bedeutend
schlechtere Prognose haben als regelmäßige Besucher oder Nicht-Besucher.
Insgesamt läßt sich feststellen, daß
angesichts der enormen Verbreitung, die Alcoholics Anonymous als
Behandlungsmodalität gefunden hat, nach wie vor nur verblüffend
selten versucht wurde, die Wirksamkeit von A.A. einer wissenschaftlichen
Untersuchung zu unterziehen. Darüber hinaus weisen viele dieser Studien
methodische Mängel auf, so daß die Gültigkeit der Ergebnisse zu
bezweifeln ist.
Auch kommen die Studien zu widersprüchlichen
Ergebnissen: einige Untersuchungen stellen eine Korrelation zwischen
A.A.-Besuch und Abstinenz fest, andere nicht. Im Vergleich zu anderen Formen
von Alkoholismustherapie erwies sich A.A. zumindest nicht als überlegen,
manchmal als unterlegen. Ein Phänomen, das in allen Untersuchungen in
denen dies überprüft wurde auftrat ist, daß
unregelmäßige Besucher von Alcoholics Anonymous schlechtere
Ergebnisse zeigen als regelmäßige Besucher oder Personen, die A.A.
überhaupt nicht besuchen. Alles in allem muß festgestellt werden,
daß der derzeitige Stand der Forschung eine wissenschaftlich abgesicherte
Antwort auf die Frage, ob und in welchem Maße A.A.
"funktioniert" leider nicht erlaubt.
Die Widersprüchlichkeit der Forschungsergebnisse
könnte neben methodischen Gründen wie der mangelnden Vergleichbarkeit
verschiedener Untersuchungen auch noch andere Gründe haben. So vermuten
z.B. Ogborne/Glaser, Alcoholics Anonymous sei möglicherweise nur für
eine Minderheit von Problemtrinkern geeignet[ vgl. Ogborne/Glaser 1981, S 662].
Wenn dies der Fall wäre, dann könnten positive Auswirkungen auf eine
Minderheit durch keine oder gar negative Auswirkungen auf andere kaschiert
sein.
Diese Hypothese wird auch durch die Beobachtung
gestützt, daß diejenigen Problemtrinker, die unregelmäßig
A.A.-Meetings besuchen, die schlechtesten Ergebnisse zeigen. Die Vermutung
liegt nahe, daß es sich hierbei um Menschen handelt, die zwar unter
Alkoholproblemen leiden und deshalb Hilfe suchen, denen es aber andererseits,
aus welchen Gründen auch immer, nicht vollständig gelingt, sich mit
A.A. und deren Ideologie zu identifizieren und eine stabile Angliederung an
diese Organisation aufzubauen[ vgl. McLatchie/Lomp 1988, S 323].
Wie schon besprochen ist A.A. in den U.S.A. im
Bewußtsein der Öffentlichkeit die einzige klar wahrgenommene
Hilfequelle bei Alkoholproblemen und auch Grundlage der Mehrzahl aller
professionellen Therapieprogramme. Für Menschen, die wegen
Alkoholproblemen Hilfe suchen führt deshalb kaum ein Weg an A.A. vorbei.
Dabei scheint es, daß bei weitem die Mehrheit all
derer, die Kontakt zu Alcoholics Anonymous aufnehmen die Organisation schon
recht bald wieder verlassen. Brandsma et al. stellten
fest, daß A.A. die höchste drop-out-Rate aller untersuchten
Therapierichtungen hat[ vgl. Brandsma/Maultsby/Welsh 1980]. Selbst
A.A.-Befürworter schätzen, daß höchstens 30% derer, die
zum ersten Mal ein Treffen von Alcoholics Anonymous besuchen auch dabeibleiben[
vgl. Tournier 1979, S 745]. Diese Schätzung dürfte noch ziemlich hoch
gegriffen sein. So stellten
z.B. Ludwig et. al in der Auswertung eines Behandlungsprogrammes
fest, daß während der ersten drei Monate nach der Behandlung
ungefähr die Hälfte des Samples A.A.-Treffen besuchte, eine Rate, die
während der folgenden 9 Monate beständig sank. Dabei waren zu jedem
Zeitpunkt nur 20-30% regelmäßige Besucher[ zit. n.
Brandsma/Maultsby/Welsh 1980, S 12].
Die Ideologie von Alcoholics Anonymous enthält in der
Tat einige Elemente, die dazu führen könnten, daß
Problemtrinker, denen die Angliederung an A.A. nicht gelingt schlechtere
Aussichten haben als die, die überhaupt keinen Kontakt zu Alcoholics
Anonymous hatten. So ist beispielsweise im "Big Book" von Alcoholics
Anonymous zu lesen:
Selten haben wir eine
Person versagen gesehen, die gewissenhaft unserem Weg
folgte. Die, die nicht
genesen sind Menschen, die sich diesem einfachen Programm
nicht vollständig anvertrauen können oder wollen,
üblicherweise Männer und Frauen,
die von ihrer Veranlagung her unfähig sind, mit sich
selber vollkommen ehrlich zu
sein. Es gibt solche Unglückliche. Es ist nicht deren
Fehler; sie scheinen so zur Welt
gekommen zu sein.[ Alcoholics Anonymous
World Services Inc. 1953, S 58]
In der Ideologie von Alcoholics Anonymous ist Alkoholismus
eine unheilbare Krankheit; das einzige, das die Krankheit zum Stillstand
bringen kann ist das "einfache spirituelle Programm der Genesung" von
A.A.. Wenn dieses Programm nicht zum Erfolg
führt, dann entweder aus Willensschwäche, oder gar aus
unabänderlichen biologischen Gründen. Dies kann bei Problemtrinkern,
denen es nicht gelingt, sich dauerhaft A.A. anzuschließen durchaus zu
derÜberzeugung führen, einfach ein "hoffnungsloser Fall" zu
sein.
Die Entdeckung, daß A.A.-Mitglieder die
rückfällig werden offensichtlich schwerere Rückfälle haben
als Nicht-Mitglieder[ vgl. Ogborne/Bornet 1982] deutet auf einen weiteren
Bereich hin, in dem die Ideologie von Alcoholics Anonymous zumindest auf die,
bei denen sie nicht zur Nüchternheit führt negative Auswirkungen
haben kann. Alkoholismus wird als Krankheit beschrieben, die menschlichem
Einfluß weitgehend entzogen ist. Insbesondere ist der Alkoholiker im
Rahmen dieses Modells nach Aufnahme auch nur der geringsten Alkoholmenge
völlig machtlos gegenüber weiterem Trinken. Es ist leicht denkbar,
daß dies als sich selbst erfüllende Prophezeiung wirken könnte.
Dies umso mehr, als der Status innerhalb von A.A. in erster
Linie von der Dauer der "Nüchternheit" abhängt. Wer nach 10
Jahren A.A.-Mitgliedschaft und Abstinenz auch nur ein Bier trinkt, findet sich
auf der gleichen Stufe wie ein Neuling wieder (vorausgesetzt es wird bekannt);
eine anschließende Trinkepisode von 3 Wochen ändert an diesem
sozialen Abstieg nichts mehr.
Rückfälle lassen sich wahrscheinlich nicht ganz
ausschließen. Deshalb deutet vieles daraufhin, daß für die
längerfristige Aufrechterhaltung der Abstinenz die Frage, wie mit
Rückfällen umgegangen wird wichtiger sein könnte als die
bloße Vermeidung von Rückfällen[ vgl. z.B. Marlatt 1978 sowie
Marlatt/Gordon 1980]. Wenn sich ein Individuum zu einer ausgedehnten oder
unbegrenzten Periode der Abstinenz von einem bestimmten Verhalten verpflichtet
hat und dieses Verhalten dennoch auftritt kommt es zum
"Abstinenzverletzungs-Effekt", einem Zustand kognitiver Dissonanz,
geprägt von Schuldgefühlen darüber, der Versuchung erlegen zu
sein: Wenn der Rückfall als persönliches Versagen (...) betrachtet
wird, wird sich die Erwartung von fortgesetztem Versagen als Resultat
vergrößern. Die Erwartung von Versagen wird wahrscheinlich die
tatsächliche Leistung vermindern. Wenn sich jemand willensschwach und machtlos
fühlt, weil er sich dem ersten Drink ergeben hat, ist die Erwartung, dem
zweiten oder dritten Drink zu widerstehen entsprechend geringer: "Einmal
ein Säufer, immer ein Säufer". Aus dieser Perspektive ist
Kontrollverlust großteils durch die Wahrnehmung des Alkoholikers
bestimmt, die "Kontrolle verloren" zu haben als der Rückfall
begann.[ Marlatt 1978, S 299]
Die Intensität dieses Abstinenzverletzungseffekts ist
abhängig von der Länge der Abstinenz und dem Stellenwert für das
Individuum[ ib., S 297]. Angesichts der Betonung
totaler Abstinenz in Alcoholics Anonymous und dem zentralen Rang, den die
Nüchternheit in der Selbstdefinition des Mitgliedes einnimmt ist zu
vermuten, daß der Abstinenzverletzungseffekt bei rückfälligen
A.A.-Mitgliedern besonders ausgeprägt sein dürfte; angesichts des
subjektiv erlebten Kontrollverlustes ist die Wahrscheinlichkeit dann hoch,
daß jeder "Ausrutscher" sich zu einem ausgewachsenen
Rückfall entwickelt.
Rückfälle sind in gewissem Sinne funktionaler
Bestandteil der Dynamik von Alcoholics Anonymous. A.A.-Mitglieder erwähnen
häufig Umstände und Verhaltensweisen, die, um Rückfälle zu
vermeiden, vermieden werden müssen. Dazu gehören Depression,
Eifersucht, Erschöpfung, Liebesaffären, Streit mit Freunden,
mangelnde Aufmerksamkeit bei AA-Treffen, das AA-Programm nicht befolgen, das
Programm kritisieren, unehrlich sein, zu besorgt über finanzielle oder
andere Probleme sein, zu glücklich oder übermütig sein,
schlechte Noten oder Versagen wenn gute Noten oder Erfolg erwartet werden, sich
an alte Trinkerlebnisse erinnern, Versagen, fragwürdige Personen,
Plätze oder Leute zu vermeiden, und nicht genug AA-Treffen zu besuchen.[
vgl. Rudy 1980, S 729]
Insgesamt wird so eine normative Struktur geschaffen, zu
der sich völlig konform zu verhalten fast unmöglich ist[ vgl. ib., D 730]. Tritt ein Rückfall auf, so
verstärkt diese Devianz die Gruppengrenzen, indem sie den Gegensatz
zwischen "richtigem" und abweichendem Verhalten betont und die Norm
der Nüchternheit sowie die Normen, die vor dem Rückfall verletzt wurden
bekräftigt.[ vgl. ib., S 728]
Wenn Alcoholics Anonymous offensichtlich nicht für
jeden gleichermaßen hilfreich ist und möglicherweise manchen schadet
ergibt sich die Frage, welche Problemtrinker von Alcoholics Anonymous
profitieren können. Da es keine projektiven Studien gibt, die sich mit
dieser Fragestellung befassen läßt sich diese Frage nicht direkt
beantworten. Es existiert jedoch eine Vielzahl von Hinweisen darauf, daß
A.A.-Mitglieder sich in verschiedenen sozialen und psychologischen Variablen
von anderen Alkoholikern unterscheiden.
Fontana et al. untersuchten Unterschiede in der
Wahrnehmungsorganisation von Alkoholikern, die sich mehr durch Alcoholics
Anonymous angesprochen fühlen und solchen, die traditioneller,
einsichtsorientierter Gruppentherapie den Vorzug geben[ vgl.
Fontana/Dowds/Bethel 1976]. Sie kamen zu dem Schluß, daß Menschen,
deren Denken eher "formistisch" ausgerichtet ist, das heißt,
die in Bezug auf das Verstehen der interpersonellen Welt in bestimmten
Kategorien und typologischen Etiketten orientiert sind, von Alcoholics
Anonymous eher profitieren.
Aufbauend auf der Theorie der konzeptuellen Systeme und der
Persönlichkeitsorganisation von Harvey et al. fand Brook, daß
erfolgreiche Mitglieder von Alcoholics Anonymous besonders häufig System I
(Kennzeichen: Bedürfnis nach Struktur und Ordnung) sowie System II
(Bedürfnis nach Einverleibung) zuzurechnen sind[ vgl. Brook 1962].
Goldenthal fand, daß A.A.-Mitglieder mehr durch ihre
Impulse kontrolliert sind, die Kontrolle über ihr Leben eher
äußeren Einflüssen zuschreiben und allgemein religiöser
sind als andere Alkoholiker oder Nichtalkoholiker[ vgl. Goldenthal 1981].
Keine Unterschiede in den MMPI[ Minnesota Multiphasic
Personality Inventory ]-Profilen von A.A.-Mitgliedern
und anderen Alkoholikern konnten Thurstin et al. feststellen[ vgl.
Thurstin/Alfano/Sherer 1986].
Ogborne und Glaser haben die vorhandene Literatur
ausgewertet und zu einem Profil des typischen Mitgliedes von Alcoholics
Anonymous zusammengefaßt. Charakteristiken die eine erfolgreiche
Angliederung an A.A. wahrscheinlicher machen sind danach:[ vgl. Ogborne/Glaser
1980]
Diese Ergebnisse sind sicher nicht als empirisch
abgesichert zu betrachten; einige neuere Untersuchungen kommen zum Teil zu
anderen Ergebnissen[ vgl. Bradley 1988, S 196] und weitere Forschung ist ganz
sicher nötig um zu einem zuverlässigeren Bild zu kommen.
Nichtsdestotrotz können die vorgenannten Arbeiten zumindest
vorläufige Anhaltspunkte geben, für welche Menschen mit
Alkoholproblemen Alcoholics Anonymous hilfreich sein könnte.
Ein beträchtlicher Teil dieser
Persönlichkeitsmerkmale reflektiert auch was angesichts der Struktur von
A.A. zu erwarten ist. So werden beispielsweise Menschen, die zwar Probleme mit
Alkohol haben, deren Trinkverhalten, oder zumindest deren subjektives Erleben
dieses Trinkverhaltens aber sehr weit von dem Alkoholismus-Modell von
Alcoholics Anonymous entfernt ist, sich wahrscheinlich weniger leicht mit der
Ideologie von A.A. identifizieren.
Trotz der Beteuerung von A.A., ein
"spirituelles" und nicht ein religiöses Programm zu sein
dürfte angesichts der offensichtlichen religiösen Prägung des
Programms von A.A. einem Atheisten oder Agnostiker die Angliederung an
Alcoholics Anonymous schwerfallen. Eher intellektuell orientierte Personen
werden sich vermutlich durch die ausgeprägt antiintellektuelle Haltung
("Utilize, Don't Analyze") und die Forderung nach Demut und
bedingungslosem Vertrauen in das Programm von Alcoholics Anonymous
abgestoßen fühlen.
Außerdem werden es Menschen, die von ihrem Status und
anderen sozialen Charakteristiken her zu stark von den anderen
Gruppenmitgliedern abweichen schwerer haben. Traditionell dominiert in
Alcoholics Anonymous der weiße Mittelstand, und auch wenn sich hier
möglicherweise eine Trendwende abzeichnet[ vgl.
ib., S 197], bislang sind Schwarze, Arme, Frauen und andere Minderheiten in
A.A. nach wie vor unterrepräsentiert[ vgl. Zocker 1989, S 142].
9. Für wen "funktioniert" Alcoholics
Anonymous?
Wenn Alcoholics Anonymous offensichtlich nicht für
jeden gleichermaßen hilfreich ist und möglicherweise manchen schadet
ergibt sich die Frage, welche Problemtrinker von Alcoholics Anonymous
profitieren können. Da es keine projektiven Studien gibt, die sich mit
dieser Fragestellung befassen läßt sich diese Frage nicht direkt
beantworten. Es existiert jedoch eine Vielzahl von Hinweisen darauf, daß
A.A.-Mitglieder sich in verschiedenen sozialen und psychologischen Variablen
von anderen Alkoholikern unterscheiden.
Fontana et al. untersuchten Unterschiede in der
Wahrnehmungsorganisation von Alkoholikern, die sich mehr durch Alcoholics
Anonymous angesprochen fühlen und solchen, die traditioneller,
einsichtsorientierter Gruppentherapie den Vorzug geben[ vgl.
Fontana/Dowds/Bethel 1976]. Sie kamen zu dem Schluß, daß Menschen,
deren Denken eher "formistisch" ausgerichtet ist, das heißt,
die in Bezug auf das Verstehen der interpersonellen Welt in bestimmten
Kategorien und typologischen Etiketten orientiert sind, von Alcoholics
Anonymous eher profitieren.
Aufbauend auf der Theorie der konzeptuellen Systeme und der
Persönlichkeitsorganisation von Harvey et al. fand Brook, daß
erfolgreiche Mitglieder von Alcoholics Anonymous besonders häufig System I
(Kennzeichen: Bedürfnis nach Struktur und Ordnung) sowie System II
(Bedürfnis nach Einverleibung) zuzurechnen sind[ vgl. Brook 1962].
Goldenthal fand, daß A.A.-Mitglieder mehr durch ihre
Impulse kontrolliert sind, die Kontrolle über ihr Leben eher
äußeren Einflüssen zuschreiben und allgemein religiöser
sind als andere Alkoholiker oder Nichtalkoholiker[ vgl. Goldenthal 1981].
Keine Unterschiede in den MMPI[ Minnesota Multiphasic
Personality Inventory ]-Profilen von A.A.-Mitgliedern
und anderen Alkoholikern konnten Thurstin et al. feststellen[ vgl.
Thurstin/Alfano/Sherer 1986].
Ogborne und Glaser haben die vorhandene Literatur ausgewertet
und zu einem Profil des typischen Mitgliedes von Alcoholics Anonymous
zusammengefaßt. Charakteristiken die eine erfolgreiche Angliederung an
A.A. wahrscheinlicher machen sind danach:[ vgl. Ogborne/Glaser 1980]
Diese Ergebnisse sind sicher nicht als empirisch
abgesichert zu betrachten; einige neuere Untersuchungen kommen zum Teil zu
anderen Ergebnissen[ vgl. Bradley 1988, S 196] und weitere Forschung ist ganz
sicher nötig um zu einem zuverlässigeren Bild zu kommen.
Nichtsdestotrotz können die vorgenannten Arbeiten zumindest
vorläufige Anhaltspunkte geben, für welche Menschen mit
Alkoholproblemen Alcoholics Anonymous hilfreich sein könnte.
Ein beträchtlicher Teil dieser
Persönlichkeitsmerkmale reflektiert auch was angesichts der Struktur von
A.A. zu erwarten ist. So werden beispielsweise Menschen, die zwar Probleme mit
Alkohol haben, deren Trinkverhalten, oder zumindest deren subjektives Erleben
dieses Trinkverhaltens aber sehr weit von dem Alkoholismus-Modell von
Alcoholics Anonymous entfernt ist, sich wahrscheinlich weniger leicht mit der
Ideologie von A.A. identifizieren.
Trotz der Beteuerung von A.A., ein
"spirituelles" und nicht ein religiöses Programm zu sein
dürfte angesichts der offensichtlichen religiösen Prägung des
Programms von A.A. einem Atheisten oder Agnostiker die Angliederung an
Alcoholics Anonymous schwerfallen. Eher intellektuell orientierte Personen
werden sich vermutlich durch die ausgeprägt antiintellektuelle Haltung
("Utilize, Don't Analyze") und die Forderung nach Demut und
bedingungslosem Vertrauen in das Programm von Alcoholics Anonymous
abgestoßen fühlen.
Außerdem werden es Menschen, die von ihrem Status und
anderen sozialen Charakteristiken her zu stark von den anderen
Gruppenmitgliedern abweichen schwerer haben. Traditionell dominiert in
Alcoholics Anonymous der weiße Mittelstand, und auch wenn sich hier
möglicherweise eine Trendwende abzeichnet[ vgl.
ib., S 197], bislang sind Schwarze, Arme, Frauen und andere Minderheiten in
A.A. nach wie vor unterrepräsentiert[ vgl. Zocker 1989, S 142].
Alcoholics Anonymous ist während der dreißiger
Jahre aus der Oxford-Bewegung[ die übrigens,
inzwischen unter dem Namen "Moral Rearmament" (Moralische
Wiederbewaffnung), nach wie vor weltweit aktiv ist], einer religiös
fundamentalistischen Sekte, hervorgegangen und hat auch nach der Abspaltung
viel von deren Prinzipien und Praktiken beibehalten. Die Mitgliederzahlen
blieben anfänglich gering, begannen jedoch nach dem 2. Weltkrieg,
ausgelöst durch eine Welle von Presseveröffentlichungen und
zunehmende Unterstützung von Medizinern, sprunghaft anzusteigen, ein Trend
der sich bis heute fortsetzte.
A.A. betrachtet Alkoholismus als unheilbare, progressive
und tödliche Krankheit, die sich körperlich, geistig und spirituell
manifestiert. Die Krankheit kann jedoch durch völlige Abstinenz von allen
bewußtseinsverändernden Substanzen zum Stillstand gebracht werden.
Dem Alkoholiker wird ein spezifisches Set von Persönlichkeitsmerkmalen,
das auch vor dem offenen Ausbruch der Krankheit vorhanden ist zugeschrieben.
Angesichts der Merkmale der Krankheit vertritt A.A. die
Ansicht, daß Alkoholismus weitgehend menschlichen Einflüssen
entzogen ist und nur eine "Höhere Macht" Hilfe bringen kann.
Deshalb wird ein Programm vorgeschlagen, das in 12 Schritten, die zunehmende
moralische Vervollkommnung, Demut und Gottesvertrauen zum Inhalt haben, ein
spirituelles Erwachen bewirken soll. Solange diese besondere spirituelle
Verfassung anhält kann der Alkoholiker mit Gottes Hilfe nüchtern
bleiben.
Im Laufe der Zeit hat Alcoholics Anonymous zunehmend
Einfluß auf die den Alkoholismus betreffende Gesetzgebung, Forschung,
Medizin und Behandlung gewonnen. Das Alkoholismusbild von A.A. hat sich
weitgehend durchgesetzt. Inzwischen bauen in den U.S.A. fast alle
Behandlungsprogramme auf der Philosophie von A.A. auf und beschäftigen
mehrheitlich A.A.-Mitglieder als Therapeuten.
Alcoholics Anonymous hat vieles mit religiösen oder
politischen Sekten gemein. Durch verschiedene Mechanismen, unter anderem auch
die der "Gehirnwäsche", entwickeln die Mitglieder eine starke
persönliche Verpflichtung gegenüber A.A. und dessen Weltbild. Da
dieses Weltbild Regeln für alle Lebensbereiche enthält bietet es die
Sicherheit einer wohlstrukturierten Welt. Die starke Verpflichtung
gegenüber einer Organisation und einer Ideologie, die jedoch mit
fortgesetztem Alkoholgenuß inkompatibel sind, dürfte das
Schlüsselelement für die Abstinenz von A.A.-Mitgliedern sein.
Darüber hinaus bietet Alcoholics Anonymous seinen Mitgliedern auf sozialer
Ebene eine Revision des Labels "Alkoholiker".
Das Modell von Alkoholismus als Krankheit hatte
sozialpolitisch positive Impulse gegeben. Als wissenschaftliches Paradigma ist
seine Brauchbarkeit jedoch fragwürdig, da es sich in erheblichem
Widerspruch zu empirischen Erkenntnissen befindet.
Die wissenschaftliche Auswertung von Alkoholismus-Behandlungsprogrammen
ist grundsätzlich mit erheblichen Schwierigkeiten belastet. Im Falle von
Alcoholics Anonymous kommen noch einige besondere Schwierigkeiten dazu, die in
der Struktur der Organisation begründet sind.
Es liegen relativ wenige empirische Arbeiten über die
Effizienz von A.A. vor. Diese sind wegen ihrer unterschiedlichen
Herangehensweise untereinander wenig vergleichbar und kommen zu
widersprüchlichen Ergebnissen. Es scheint jedoch, daß A.A. zwar
nicht weniger erfolgreich ist als andere Therapieformen, jedoch am wenigsten
Akzeptanz bei den Betroffenen findet, so daß viele aus der Gruppe bald
wieder herausfallen.
Unregelmäßige A.A.-Besucher haben weniger Erfolg
als Problemtrinker, die A.A. überhaupt nicht besuchen. Offensichtlich werden
die Alkoholprobleme einiger Menschen durch A.A. nicht gebessert oder gar
verschärft. Die Ideologie von Alcoholics Anonymous enthält einige
Elemente, die für Menschen, die nicht durch eine stabile Mitgliedschaft in
A.A. abstinent werden, die Wahrscheinlichkeit und Schwere von
Rückfällen erhöhen könnte.
Auch wenn dies nicht völlig abgesichert ist deutet
einiges darauf hin, daß ältere männliche
Mittelschichtsangehörige, deren Trinkerfahrungen dem Alkoholismus-Modell
von A.A. ähnlich sind und deren Grundhaltung von Konservatismus und
Religiosität geprägt ist am wahrscheinlichsten von A.A. profitieren.
Zu der Zeit, als Alcoholics Anonymous die Bühne betrat
wußten die professionellen Helfer mit Menschen mit Alkoholproblemen
nichts rechtes anzufangen. Viele dieser Menschen haben in
A.A. einen neuen Lebensweg ohne Alkohol gefunden.
Insbesondere in der Medizin wurden die Erfolge von A.A. jedoch offensichtlich
kurzerhand als Zeichen aufgefaßt, daß auch das dahinterstehende
Modell ein korrektes Abbild der Realität darstellt. Bereitwillig wurde das
Krankheitsmodell des Alkoholismus als medizinisches Modell übernommen und
weiter ausgebaut.
Dieses Modell gewann jedoch zusehends die Qualität
eines Dogmas, das von der Lobby aus Alcoholics Anonymous und Medizin erbittert
gegen alle Anfechtungen verteidigt wurde. Weil nicht sein kann was nicht sein
darf sahen sich Wissenschaftler, die zu Ergebnissen kamen, die das
Krankheitsmodell in Frage stellten erheblichen Anfeindungen ausgesetzt. Im
Hinblick auf Studien, die nachwiesen, daß viele Alkoholiker wieder zu
kontrolliertem Trinken zurückkehren, erklärte z.B. Marty Mann, solche
Forschung könne Alkoholiker in Wahnsinn und Tod treiben[ zit.
n. Sobell/Sobell 1976, S 211].
Von Verfechtern des Krankheitsmodells werden Widersprüche
kurzerhand wegrationalisiert; so ist beispielsweise zu hören, Trinker, die
zu kontrolliertem Trinken zurückgekehrt sind seien eben keine Alkoholiker[
vgl. Zocker 1989, S 60]. Dies entbehrt durchaus nicht einer gewissen Logik.
Letztendlich ist das Krankheitskonzept eine Tautologie, zu dem kein Gegenbeweis
möglich ist. Alkoholismus ist per Definition unheilbar und progressiv;
dies kann jedoch erst im nachhinein festgestellt
werden, so daß die Alkoholiker, deren Alkoholprobleme eine andere
Entwicklung nahmen aus der Definition herausfallen.
Daß die Ideologie einer Organisation weitgehend den
Status eines wissenschaftlichen Dogmas erlangt hat ist bedauerlich. Hier
zeichnet sich möglicherweise auch eine Wende ab; in der neuesten Ausgabe
des DSM3R (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) wurde
"Alkoholismus" als medizinische Diagnose gestrichen und durch die
Begriffe "Alkoholabhängigkeit" und
"Alkoholmißbrauch" ersetzt[ vgl. Trimpey 1990, S 11]. Hier könnte
sich eine Abkehr vom Konzept von Alkoholismus als monolithischer Krankheit mit
einheitlichen Ursachen und einheitlichem Verlauf abzeichnen.
Keine Trendwende ist in Bezug auf die Therapie von
Problemtrinkern abzusehen. Wie eingehend geschildert wurde hat Alcoholics
Anonymous hier faktisch eine Monopolstellung errungen. Menschen mit
Alkoholproblemen werden unterschiedslos an Behandlungsprogramme
überwiesen, die ihre Hauptaufgabe darin sehen, ihre Patienten davon zu
überzeugen, daß sie dem Alkohol gegenüber machtlos sind und nur
A.A. sie retten kann. Es gibt jedoch eine Vielzahl von Hinweisen, die darauf
hindeuten, daß Alcoholics Anonymous zumindest nicht für alle
Problemtrinker hilfreich und für mache völlig ungeeignet ist. Die
Bedürfnisse der vielen Menschen, die sich nicht mit A.A. identifizieren
können werden so in unverantwortlicher Weise mißachtet. Deshalb ist
es unabdingbar, Alternativen zu Alcoholics Anonymous zu schaffen.
Hier stellt sich ein grundsätzliches Dilemma. Nicht
nur die Effizienz von Alcoholics Anonymous ist bislang nicht wissenschaftlich
belegt, auch die anderer Therapierichtungen ist fraglich. Nach wie vor zeigen
viele Auswertungen von Behandlungsprogrammen keine oder nur unwesentlich
bessere Ergebnisse als gar keine Behandlung[ vgl. Greven 1985, S 1] und bislang
konnte keine Therapierichtung belegen, besser als eine andere zu sein[ vgl. Office of Technology Asessment 1983, p 53]. Daraus
den Schluß zu ziehen, Therapie wäre völlig nutzlos ginge sicher
zu weit. Möglicherweise kommen auch hier die schlechten Ergebnisse dadurch
zustande, daß Alkoholprobleme individuell unterschiedliche Ursachen haben
können und das deshalb nicht jeder für jedes Therapieprogramm
gleichermaßen geeignet ist. Um dies zu klären ist sicher noch
weitere Forschung nötig.
Die schwachen Ergebnisse verschiedener Therapierichtungen
legen nahe, daß die Alternativezu A.A. nicht unbedingt professionelle
Therapie sein muß. Zur Überwindung von Alkoholproblemen ist
wahrscheinlich soziale Unterstützung durch Gleichgesinnte hilfreich.
Grundsätzlich hat sich das Konzept von Selbsthilfegruppen durchaus
bewährt[ vgl. Brandsma 1980, S 115], nur brauchen diese nicht
notwendigerweise auf den spirituellen Prinzipien von Alcoholics Anonymous
beruhen. Die Anregung anderer Selbsthilfegruppen für die Problemtrinker, die
sich mit A.A. nicht identifizieren können könnte eine Aufgabe der
Sozialarbeit sein.
[ Alcoholics Anonymous World Services Inc.
1984, S 2]
ALCOHOLICS ANONYMOUS ist eine Gemeinschaft von Männern
und Frauen die ihre Erfahrung, Stärke und Hoffnung miteinander teilen um
ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zu helfen, vom Alkoholismus
zu genesen.
[ Alcoholics Anonymous World Services Inc.
1989, SS 59 f]
1. Wir gaben zu daß wir machtlos
gegenüber Alkohol sind- daß unser Leben unbeherrschbar geworden war
2. kamen zu dem Glauben, daß eine
Macht größer als wir selbst unsere Vernunft wiederherstellen
könnte
3. entschieden uns, unseren Willen und
unser Leben der Fürsorge Gottes wie wir Ihn verstanden anzuvertrauen
4. machten ein suchendes und
furchtloses moralisches Inventar von uns selbst
5. Gaben gegenüber Gott, uns
selbst und einer anderen Person die exakte Natur unserer Fehler zu
6. wurden völlig bereit, Gott all
diese Charakterdefekte beseitigen zu lassen
7. baten Ihn demütig, unsere
Schwächen von uns zu nehmen
8. machten eine Liste aller Personen,
die wir verletzt hatten und wurden willens, ihnen allen gegenüber Wiedergutmachung
zu leisten
9. leisteten solchen Leuten
gegenüber wo immer möglich direkte Wiedergutmachung,, außer
wenn diese oder andere dadurch verletzt worden wären 10.setzten das
persönliche Inventar fort, und wenn wir im Unrecht waren gaben wir dies
sofort zu
11.versuchten durch Gebet und
Meditation unsere bewußte Verbindung zu Gott wie wir Ihn verstanden zu
verbessern und beteten nur dafür, Seinen Willen für uns zu erkennen
und für die Kraft, diesen auszuführen.
12.Nachdem wir als Resultat dieser
Schritte ein spirituelles Erwachen erfahren hatten versuchten wir, diese
Botschaft an andere Alkoholiker weiterzureichen und uns in allen
Angelegenheiten von diesen Prinzipien leiten zu lassen.
[vgl.
Alcoholics Anonymous World Services Inc. 1953, SS 129 ff]
1. Unser Gemeinsames Wohl sollte
Vorrang haben; die persönliche Genesung hängt von der Einheit von
A.A. ab.
2. Für unser Gruppenziel gibt es
nur eine höchste Autorität- einen liebenden Gott, wie Er Sich in
unserem Gruppenbewußtsein ausdrückt. Unsere Führer sind nur
vertrauenswürdige Diener; sie herrschen nicht.
3. Die einzige Voraussetzung für
die Mitgliedschaft in A.A. ist der aufrichtige Wunsch, mit dem Trinken
aufzuhören.
4. Jede Gruppe sollte autonom sein,
soweit es sich nicht um Angelegenheiten handelt, die andere Gruppen oder A.A.
als Ganzes beeinflussen.
5. Jede Gruppe hat nur einen
primären Zweck- die Nachricht an andere Alkoholiker, die immer noch leiden
weiterzutragen.
6. Eine A.A.-Gruppe sollte niemals
irgendeine verwandten Einrichtung oder irgendeine außenstehenden
Unternehmung gutheißen, finanzieren oder ihr den Namen von A.A. leihen,
damit nicht Probleme mit Geld, Besitz und Prestige uns von unserem vorrangigen
Ziel entfernen.
7. Jede A.A.- Gruppe sollte sich
völlig selbst tragen und jede Spende von Außenstehenden ablehnen.
8. Alcoholics Anonymous sollte für
immer nichtprofessionell bleiben, aber unsere Dienststellen können spezielle Arbeiter
beschäftigen.
9. A.A. als solche sollte niemals
organisiert werden, aber wir können Ausschüsse und Komitees schaffen,
die denen gegenüber, denen sie dienen sollen direkt verantwortlich sind.
10.Alcoholics Anonymous hat keine
Meinung bezüglich Außenangelegenheiten; deshalb sollte der Name von
A.A. niemals in öffentliche Kontroversen gezogen werden.
11.Unsere
Öffentlichkeitsarbeit basiert auf Anziehung, und nicht auf Werbung; auf
der Ebene von Presse, Radio und Film müssen wir immer die Anonymität
der Person bewahren.
12.Anonymität ist die
spirituelle Grundlage all unserer Traditionen, die uns für immer daran
erinnert, Prinzipien vor Personen zu stellen.
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