Diese
Rede hielt Lothar Schmidt beim öffentlichen Informations-Meeting zum
20jährigen Bestehen der AA-Gruppe Froschhausen am 04.10.1990
FAHRSCHULE
DES LEBENS
Ich heiße Lothar, bin
alkoholikerabhängig und habe dadurch Schwierigkeiten, mein Leben zu
meistern. Andererseits sagen viele, ich soll ruhig abhängig bleiben. Meine
lieben AA-Freunde, liebe AlAnons, liebe Alateens, die unter uns sind! Ich freue
mich, bei Eurem Geburtstag dabeisein zu können. Für mich ist das
etwas ganz Besonderes. Denn 20 Jahre AA -das ist doch eine Demonstration der
Hoffnung. Das zeigt doch ganz deutlich zum Anfassen: Da sind 20 Jahre Menschen
trocken, die einen Weg beschritten haben, der erfolgreich ist. Da braucht man
nicht theoretisch darüber zu sprechen, das sind Menschen. Darum: Jedem,
der hier in dieser Gegend das Problem hat, steht die Möglichkeit offen,
hier einen Weg zu finden! Hier sind die, die das beweisen. Theoretiker, die
sagen so vieles -hier ist die Praxis! Darum danke ich Euch, hier dabeisein zu
können. Denn AA hat für mich eine besondere Bedeutung. Es ist doch
klar: Jeder, der Alkoholiker behandelt (und da möchte ich besonders meine
Berufskollegen ansprechen), und bei der Behandlung bleibt, der muß sich
selbst eines Tages auch kritisch hinterfragen. Und der ändert auch sein
Leben. Mir ist das jedenfalls so ergangen. Und AA's waren meine Lehrer, um
etwas von Alkoholismus von verstehen. Einer sitzt mir hier gerade
gegenüber -der Berthold, ein Urberliner, der mir so einige Schritte zum
Gehen beigebracht hat. Und so habe ich immer wieder gelauscht, was die
Praktiker sagten. Und die sagten manches anders als die Wissenschaftler es
sagten. Nun bin ich in beiden Lagern zu Hause, einmal so ein bißchen bei
den Wissenschaftlern und einmal bei den Praktikern. Nun, ich glaube, wir
sollten uns klarmachen, was AA für die Arbeit an Alkoholikern und für
die Arbeit der Wissenschaft bedeutet. Das ist so manchen gar nicht klar. Da
waren Praktiker, die sind einen Weg gegangen, der sie aus dieser Bindung frei
werden ließ. Sie haben diese Erfahrung zusammengefaßt. Und sie
haben Dinge gesagt, die uns Wissenschaftler gewissermaßen auf die Palme
brachten: ,,Alkoholismus ist eine Krankheit." Können Sie sich vorstellen,
könnt Ihr Euch vorstellen, meine Freunde, wie die Krankenkassenchefs dabei
ein gewisses Analflattern kriegten, als sie hörten, Alkoholismus sei eine
Krankheit? Das haben die einfach gesagt: ,,So ist unsere Erfahrung." Und
dann haben sie gesagt: ,,Alkoholismus ist keine selbstverschuldete
Krankheit" Das ist manchem A.A. noch gar nicht richtig klar. Man hat auch
gesagt (insbesondere an die Professionellen gerichtet): "Es ist keine
Schande, krank zu sein. Es ist nur eine Schande, nichts dagegen zu tun."
Damit haben sie für meine Ohren gesagt: ,,Es ist keine selbstverschuldete
Krankheit." Na, das ist ja vielleicht ein Ding! Das haben die
Angehörigen auch gemeint: ,,Erst haben die Alkoholiker uns zur
Weißglut gebracht und jetzt sagen sie noch: "Ich bin krank"
Schön, nicht?! "Ihr müßt mich alle behandeln", das
ist ja wohl das Letzte! Dann haben sie noch so was Ulkiges gesagt: -"Ein
Alkoholkranker, der kann in aller (aller, aller und noch mal aller!) Regel
nicht mehr kontrolliert trinken!" Das gibt's doch wohl nicht! Das ist ja
die tollste Ausrede, nicht?! Da haben die erst gesoffen, und jetzt reden sie so
etwas. Natürlich! Die müssen sich zusammenreißen! Aber sind sie
nicht oft zu uns in die Sprechstunde gekommen und haben gesagt: ,,Herr Doktor,
ich kann wirklich nicht mehr." Und haben wir dann nicht geantwortet:
,,Naja, gut, dann mach' mal eine Pause und laß' die harten Sachen weg.
Und dann trinkst Du wieder, wie jeder andere. -Aber nicht soviel!" Und
wenn sie das brav gemacht haben, wie der Doktor es ihnen sagte, dann haben sie
ihren Rückfall erlebt. Dann hat der Doktor gemeint: ,,Haben wir doch immer
schon gesagt: Die sind willensschwach!" Aber die AA's sagten: ,,Nein, wir
können nicht mehr." Und dann haben sie noch ganz was Schlimmes
gesagt: ,,Die Frage nach den Ursachen ist bei uns gar nicht wichtig. Wichtig
ist, heute und jetzt, das erste Glas stehen zu lassen, heute und jetzt
Verantwortung für uns zu übernehmen." Damit hat sich allerdings
mancher Alkoholiker nicht abgefunden. Ich kenne einen in der Frankfurter Gegend,
der ist in die Psychoanalyse gegangen und hat drei Jahre intensiv dort
mitgemacht. Und nach drei Jahren glaubte er einen Zusammenhang zu sehen zu
seinem Trinken und war so begeistert, daß er an der an der nächsten
Ecke soff. ,,Nein", sagten die AAs: "Das ist erst einmal gar nicht
wichtig. Und ihr Wissenschaftler, was streitet ihr euch noch über die
Ursachen? Für uns als Praktiker ist es ganz wichtig, heute und jetzt eine
Entscheidung zu treffen, das Glas stehen zu lassen und Verantwortung zu
übernehmen." Das waren Dinge, die wir gar nicht verstanden. Wir
hatten immer gedacht, einem Alkoholiker müsse man mehr
,Willenskraft' einpusten. Aber AA hat gesagt: "Nein, genau
umgekehrt. Die Kapitulation ist das Entscheidende." Das haben wir mehr
verstanden. Dann haben die gesagt: ,,Das ist eine Familienkrankheit." Ach,
wir wußten noch kaum was von Gruppen, da hat AA schon gesagt: ,,Die
Gruppe ist ein ganz entscheidendes Instrument zum Trockenwerden." Das
Alles haben wir letztendlich von den Anonymen Alkoholikern lernen müssen.
Und was das für eine Familienkrankheit ist! Wie sich da ein ganzes System
um den Alkoholkranken herum entwickelt. Ich habe das hautnah erlebt. Es war in
München. Da war mal eine Frau, die war ja auch mal ein Mädchen. Und
als sie noch ein Mädchen war, da war sie ungewöhnlich dick. Die
Eltern haben sich wegen dieses dicken Kindes geschämt. Wenn Besuch kam,
haben sie es ins Bett gesteckt, damit der Besuch dieses dicke Mädchen
nicht sieht. Was kriegt dieses Mädchen eines Tages? Asthma! Und alles
kümmert sich um sie. - Wunderbar! Nun wurde sie ja auch mal älter und
in der Pubertät, da verschwand dann diese
,Fettleibigkeit', -wie wir das so hochdeutsch sagen. Sie wurde ein
hübsches, ansehnliches Mädchen. Dann, eines Tages, kam sie mit einem
Menschen zusammen, der ein Alkoholproblem hatte. Sie war hübsch,
attraktiv, und hatte die Idee: ,,Diesen Säufer liebe ich aus der Krankheit
heraus." Vielleicht kennt ja ein Angehöriger solch eine Idee: ,,Wenn
ich den so richtig liebe, da hört der doch auf, zumindest trinkt er nicht mehr
soviel." Na gut. Aber die Krankheit bei ihm -er war ein
Vollblut-Alkoholiker -wurde immer stärker. Und je stärker die
Krankheit wurde, um so mehr bemühte sie sich. Und
(Pech für diese Frau!) er lernte die Anonymen Alkoholiker kennen. Er wurde
trocken, -ohne Sie!-wurde wieder ein Mensch, der
selbst entschied, selbst die Dinge in die Hand nahm und sie bekam Asthma.
Verstehen wir diesen Zusammenhang? Dann verstehen wir etwas von der
Familienkrankheit. Diese Praxis hat mir unheimlich viel beigebracht. Nun hat
Hildegard mir ein Thema vorgegeben. Ich soll über die Alkoholkrankheit
sprechen und soll über die Zwölf Schritte sprechen. Nun ja, die
Alkoholkrankheit -das wißt Ihr besser als ich. Es ist aber erstaunlich,
was wir in den letzten zehn Jahren in der Wissenschaft entdeckt haben, und ich
bin da -das weiß der eine oder andere vielleicht gar nicht - also auch so
ein bißchen mit der Wissenschaft zusammengekommen. Man hat mich zum
Professor erkoren. Und wir haben Entdeckungen gemacht und sind noch dabei,
Entdeckungen zu machen, die vielleicht unser ganzes Suchtdenken auf den Kopf
stellen. Wir wissen heute, daß viele Faktoren für die Entstehung der
Alkoholkrankheit notwendig sind. Dazu gehören auch genetische, erbliche,
das ist ganz klar. Wir können heute Kontrollverlust im Tierversuch
erzeugen. Erstaunlich! Und diese Tiere scheinen dieses abnorme Trinken dann bis
zum Lebensende zu behalten. Also haben die Anonymen recht gehabt: eine
Krankheit und keine selbstverschuldete Krankheit. Da bedurfte es erst des Bundessozialgerichtes
1983, um das zu sagen: In aller Regel keine selbstverschuldete Krankheit."
Darum, bitte: ,,Kopf hoch, auch wenn der Hals schwarz ist!" Ihr könnt
sagen: ,,Meine Krankheit ist nicht selbstverschuldet." Wir sind einen mühseligen
Weg gegangen, mit vielen Umwegen. Hätten wir die Erfahrungen der
Alkoholkranken in der Wissenschaft manchmal ein bißchen mehr beachtet!
Ich glaube, wir hätten uns manche Arbeit erspart. Nun ist es also eine
Krankheit, eine Krankheit, die einen bestimmten Ablauf hat. Das kennt Ihr. Also
meinetwegen, erst einmal dieses Erleichterungstrinken, dann
Gedächtnislücken, dann meinetwegen die Kontrollverluste, dann
Abhängigkeitserscheinungen, körperliche Abhängigkeitszeichen
sprich Entzugszeichen... Das ist alles bekannt.. Nun,
AA hat uns aber noch mehr geschenkt Und darüber wollen wir noch ein paar
Worte verlieren. AA hat uns eigentlich auf das Menschsein
zurückgeführt. Das klingt jetzt sehr hochtrabend. Aber ich frage
mich, und vielleicht fragt sich der eine oder andere von Euch hier mit: Es ist
doch ganz komisch. Wir glauben heute über seelische Gesetze und seelische
Zusammenhänge mehr zu wissen als früher. Wir haben viele
psycho-technische Methoden entwickelt, mehr als früher. Wir haben die
Therapie verbessert Da besteht gar kein Zweifel. Wenn ich noch so denke, was
vor 20 Jahren an Therapie angeboten wurde! Das ist eine ganz tolle Entwicklung.
Wir haben vermehrt Therapieplätze. Und. überall entstehen noch
ambulante Behandlungs-und Beratungsmöglichkeiten. Aber wir haben -soviel wie
noch nie! -Alkoholabhängige und seelisch Kranke. Irgend
etwas stimmt doch mit der ganzen Sache nicht! Was ist los mit uns? Und
das müssen wir uns fragen. Unsere Welt hat sich unheimlich schnell
verändert. Und sie verändert sich in einem Tempo.,
daß viele von uns gar nicht mitkommen. Nachdem wir lernten, die
Naturkräfte einigermaßen zu beherrschen, da kam es dann zu
Ballungen: Wohnzentren, Konsumzentren, dann auch Produktionszentren. Die
Werbung kam nicht nur gedruckt ins Haus, sondern. auch mit Bild und Ton. Sie
veränderte unseren Geschmack, unsere Wertvorstellung. Wir haben Werte
verloren. In Europa, zum Beispiel, ist das Christentum heute mehr Ideologie als
Wirklichkeit, mehr Theorie als gelebtes Leben. Viele Werte haben wir verloren
und dafür nichts Gleichwertiges bekommen. So sind Züge in unser Leben
gekommen, die sicher manches verursachen. Ich kann mir vorstellen, daß
mit der Glaubenslosigkeit auch ein Verlust der Verantwortlichkeit eingetreten
ist. Verantwortlich sich selbst gegenüber, anderen, Gott gegenüber.
Wir können soviel. Wir können unheimlich viel! Ich war vor ein paar
Stunden noch in Berlin. Das Flugzeug hat mich hierher gebracht. Das ist eine
tolle Sache, was wir können. Das hat uns oft die Illusion gegeben, als ob
wir aus unserer Allmacht heraus leben könnten. Nun haben wir
Bedürfnisse. Wir haben zum Beispiel das Bedürfnis, geliebt zu werden.
Wir haben das Bedürfnis, anerkannt, beachtet zu werden und die meisten
haben auch das Bedürfnis, geachtet zu werden. Wenn jetzt jemand -wie der
Alkoholiker -in eine Grenzsituation kommt, dann kriegt er Ängste, von der
Umwelt nicht mehr so geachtet zu werden. Was machen wir denn dann? Was machen
wir alle, wenn wir solche Schwierigkeiten haben? Wir legen eine Abwehrmauer um
uns herum, wir setzen eine Maske auf. Es darf doch keiner wissen, wie wir
wirklich denken. Und da versagst Du wieder und da kommen Schamgefühle,
Schuldgefühle, da kommen Versagergefühle... und diese Maske wird
immer größer. Du mußt immer wieder zeigen, daß Du
großartig, daß Du wichtig bist. Du mußt zeigen, daß Du
Eindruck machst. Du mußt zeigen, daß Du die Puppen tanzen lassen
kannst. Genau dahinein kommt das Genesungsprogramm der Anonymen Alkoholiker.
Die sagten: ,,Wir gaben zu, daß wir machtlos sind." Die
Realität 'Mensch' zu sein, bedeutet begrenzt und vergänglich zu sein.
Das alles vergessen wir oft. Erst wenn der Mensch an diese Grenzen geführt
wird, dann geht es ihm manchmal auf. Wie heißt unsere Realität?
Nichts absolut beherrschen zu können, nichts absolut bestimmen zu
können, sich auf nichts absolut verlassen zu können, als auf die
Höhere Macht -das entdeckten Alkoholiker. Das ist menschliche
Realität. Alkoholiker nannten das Demut und fanden, das sei eine tolle
Qualität. Ich merke so oft, daß ich gerade das, was ich will, nicht
tue, und gerade das, was ich nicht will, das tue ich oft. Wie letztens. Ich war
richtig verzweifelt. Ich muß ganz ehrlich sagen, ich habe geweint, weil
ich genau das nicht tun wollte und wieder tat. Das ist menschliche Begrenzung.
Und da hilft mir dieses Wort. Dann ist es wichtig, jetzt keine Maske um mich zu
legen, denn sonst würde es nur immer schlimmer. Dann gibt es einen
Kreislauf, der führt fast bis zur Selbstvernichtung, oder sogar zur
Selbstvernichtung. Richtig ist in so einer Situation für mich, zuzugeben:
,,Ich bin da machtlos." Darum ist das Programm, das Ihr aus Eurer
persönlichen Erfahrung gewonnen habt, auch mein Programm. ,,Wir haben
zugegeben, daß wir unserer Abhängigkeit gegenüber machtlos
sind, und daß wir unser Leben nicht mehr managen können." Aber
dabei können wir ja nicht stehen bleiben! Und dann kommt diese Erfahrung.
AA hat ja kein Programm, jedenfalls nicht, wie man das landläufig
versteht. Das Wort ,,Programm" -das gefällt mir gar nicht. Mir kommt
dann in den Sinn, wenn ich das Wort Programm höre: Bis zum 1. April haben
wir einen Beitrag zu bezahlen usw. Oder ein Kaninchenzüchterverein will
nur weiße Kaninchen züchten oder nur schwarze. Das ist ein
,,Programm". Wir dagegen haben Erfahrungsberichte. Wir haben das erfahren.
Was wir erfahren haben, geben wir weiter. Das sind Erfahrungswerte. Und da
kommt dann dieser zweite Schritt: ,,Wir kamen zu dem Glauben, daß eine
Macht -größer als unser Ich -uns unsere geistige Gesundheit
wiedergeben kann." Und wenn wir den Kommentar1 dazu nehmen, können
wir sogar »nur« sagen. So wie Heinz Kappes das zunächst auch
übersetzt hat: ,,Wir kamen zu dem Glauben, daß nur eine Macht,
größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben
kann." Da merke ich, daß das AA Programm mit das Anspruchsvollste
ist, das ich überhaupt kenne. Es ist einfach, dieses Programm, wenn wir
die Bereitschaft mitbringen. Aber da wehrt sich was bei uns. Es hat ja mal
einer gesagt -und ich bringe das nur als Parallele: "Ich bin der
Weinstock, ihr seid die Reben, ihr könnt nur viel Frucht bringen, wenn ihr
an mir bleibt. Ohne mich könnt ihr nichts tun." (Joh. 15, 1-4) Dieses
»ohne-mich-könnt-ihr-nichts-tun« ist tatsächlich
menschliche Realität, wenn es um eine Reifung geht. Ich habe inzwischen
eine ganze Reihe von psychotherapeutischen Methoden gelernt. Und ich frage
mich: ,,Wie kann ich damit wirklich den Menschen grundsätzlich
verändern?" Ich bin da illusionsfrei geworden. Und ich glaube, so
mancher Therapeut denkt, wenn er nun Gestalttherapie, Psychodrama,
Transaktionsanalyse -oder wie die Dinge alle heißen gelernt hat, dann
könnte er Wunder vollbringen. Oh ja! Der muß noch eine Weile lernen!
Wir können vielleicht ein bißchen verändern, aber den Menschen
insgesamt, seine Bedürfnisse und so weiter? Da werden wir ganz klar an
Grenzen stoßen. Ich glaube, ein Mensch der wirklich am Ende ist, der
keine Aussicht mehr hat, bei dem keine Tricks mehr greifen, keine Ausreden mehr
ziehen, der kann es begreifen: ,,Nur eine Macht größer als wir
selbst, kann uns geistige Gesundheit wiedergeben." Aber dieses Wort,
Freunde, wenn Ihr tief in Euch hineinlauscht, wird immer wieder
Widerstände in Euch auslösen, genauso wie bei mir. Weil immer da, wo
unser Ich steht, Gott weichen muß. Das ist wie eine Gleichung: Je
größer unser Ich, um so kleiner Gott bei
uns. Je kleiner unser Ich, um so mehr Gott. Nun, ich
scheue mich nicht, auch den dritten Schritt zu sagen, der für uns Deutsche
scheinbar immer eine Riesenklippe ist: ,,Wir faßten den Entschluß,
unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie wir ihn verstanden,
anzuvertrauen." Ich frage mich: ,,Wann werden die Kirchen in Deutschland
begreifen, daß das ein Evangeliumsweg ist.!?"
Die sind immer so komisch, weil manche Kirchenleute immer noch sagen: ,,Das bei
AA sind irgendwie doch Gottlose." Wer dieses Programm lebt, der ist
näher bei Gott als mancher in der Kirche. Machst Du das wirklich? Ich habe
das mal versucht. Wie das doch schwierig ist! ,,Wir faßten den
Entschluß, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie wir ihn
verstanden, anzuvertrauen." Ja, solange mein Wille so ist wie SEINER, da
geht das Okay. Aber wenn das anders ist, da gibt es Widerstände. Bill hat
ja so schön gesagt: ,,Alles, was Du brauchst, ist Deine
Bereitschaft." Und er hat zu diesem Schritt ein Wort gesagt, das beschäftigt
mich immer wieder. Er hat gesagt:2 ,,Die ganze Wirkungskraft des AA-Programms
liegt darin, wie intensiv wir diesen Dritten Schritt tun". Leider kenne
ich AA-Gruppen, die kennen den dritten Schritt gar nicht oder kaum. Freunde!
Wir nehmen uns dort viel Kraft und Möglichkeit. Wenn wir dieses zugeben,
unsere Realität annehmen, akzeptieren. Was ist das doch für eine
Befreiung und wieviel Energie können wir sparen! Wenn wir die Maske
behalten wollen, dann müssen wir ja immer, nicht? Wir müssen, wir
müssen. Jetzt muß ich gar nichts. Ich muß nicht wichtig sein,
ich bin ja nicht der Wichtigste, ich muß nicht den Großen machen,
ich bin gar nicht so groß. Ich muß nicht immer aufpassen, das mich die anderen Leute nicht als Versager sehen. Ich
versage auch und darf auch versagen. Wenn ich diese Schritte überschaue,
dann kommt es mir so vor, als ob sie eine Grundstufe haben, das sind die
Schritte Eins bis Fünf, eine Oberstufe, die Schritte Sechs bis Neun -so
heißt es auch im Kommentar: das ist die Fahrschule.3 Und dann: mit den
letzten Schritten Zehn bis Zwölf wird gefahren. Die Unterstufe hat noch
diesen Hinweis: ,,Wir machten eine gründliche, furchtlose Inventur."
Hast Du die mal gemacht? Nicht oberflächlich! Nein, nein! Das ist einfach.
Aber wenn Du an die Stelle kommst, wo Du aufschreiben könntest...
[nämlich die Groll-Liste, die Angst-Liste, die Wiedergutmachungs-Liste im
4. Schritt. Ich hab's gemacht Ich weiß, wie
wertvoll das ist. Ich habe auch den Fünften Schritt gemacht. Da suche Dir aber Menschen aus, zu denen Du Vertrauen hast.
Damit kann Schindluder getrieben werden. Denn wirklich offen, ehrlich seine
Fehler zuzugeben, ohne das in Goldpapier verpackt zu haben -ich neige dazu, das
schön einzupacken und dann weiterzugehen (als sei nichts gewesen) Nein, einfach
einem anderen das zu sagen, was Dir die Inventur gebracht hat; Dir selbst,
einem anderen und auch Gott. Das ist die Unterstufe. Und ich frage mich, wie
weit ich diese Unterstufe mit Euch geschafft habe. Das ist eine Lebensaufgabe.
Und dann kommt die Oberstufe. Es geht doch schon lange nicht mehr um den
Alkohol, Freunde! Ihr habt einen so hohen Preis durch Eure Alkoholkrankheit
gezahlt. Ist Euch Trockenheit genug? Es gibt doch Trockene, die sind die
unglücklichsten Menschen. Dann sag ich mir immer: Dann saufe lieber, dann
hast Du eher noch was davon. Kannst mal ausschalten, nicht? Da kannst Du Dich
mal für ein paar Stunden aus der Realität herauskatapultieren. Das
kann ganz wertvoll sein. Nein! Ich glaube, Ihr dürft einen höheren Anspruch
haben. Und da geht's um die Beziehung -letztendlich zu Gott -indem wir bereit
werden, unsere Charakterfehler von Ihm beseitigen zu lassen. Und dann geht es
in den anderen Schritten um die Beziehung zu den Mitmenschen. Indem wir dort
wieder die Beziehungsstörungen, die wir haben, beseitigen. Eigentlich ist
in dieser Krankheit das Wort »Beziehungsstörungen« ein ganz
wichtiges: Beziehungsstörungen zu mir selber, Beziehungsstörungen zum
Nächsten und Beziehungsstörungen zur Höheren Macht. Das ist die
Fahrschule, und mit den anderen Schritten Zehn bis Zwölf wird gefahren.
Das heißt, immer wieder die Inventur, wenn es nötig ist. Und dann
der Elfte Schritt. Freunde! Wenn ich den Elften Schritt bloß in den Griff
kriegte! ich kriege ihn nicht -bisher nicht. Ich glaube, mein Leben würde
sich verändern -ganz entscheidend. ,,Durch Meditation und Gebet versuchten
wir, den bewußten Kontakt..." -das heißt ich muß ja
schon Kontakt haben!- ,,den bewußten Kontakt mit Gott -wie wir Ihn
verstanden - zu vertiefen. Wir baten ihn nur, uns Seinen Willen zu zeigen und
um die Kraft, ihn auszuführen". Wenn ich das wirklich praktizierte,
so wie es mir AA anbietet, dann müßte mein Tag anders beginnen, als
ich ihn meistens beginne. Ich kenne Freunde, die ihren Tag nach diesen Schritten
beginnen. Sie sind mir das Beispiel zum Anfassen, daß sie sich
grundlegend verändert haben. Dieser Weg ist eine Herausforderung für
professionelle Therapeuten. Ganz selbstverständlich, wenn ich so denke,
wie das üblicherweise abläuft. Ich unterziehe ihn z.B. einer Gestalt-Therapie
oder ich setze den auf den ,,heißen Stuhl" und da kann er mit seiner
Mutter-Idee sprechen und dabei manches entdecken... Das ist durchaus eine
Methode, die ich nicht ablehne. Aber dieses Grundsätzliche ändern...
kann Sie nicht. Nun kommen mir aber trotzdem viele Menschen über den Weg,
die diese grundsätzliche Änderung haben, die mir sagen: ,,Du, ich
fühle anders, es ist anders mit mir. Ich kann Dir nicht sagen warum, aber
ich bin ein anderer Mensch geworden, habe andere Bedürfnisse." Ich
bin ein Lernender. Ich werde noch viel zu lernen haben. Wenn ich ,,Alte
Hasen" spreche, die heute 20 Jahre, 25 Jahre trocken sind, dann frag ich
die immer: "Sag' mal, was war das Entscheidende, daß Dir das so
phantastisch gelungen ist?" Ich kenne auch Leute, die 20 Jahre trocken
sind und die doch im Grunde genommen unglücklich bleiben. Dann weiß
ich, daß sie nicht darin gearbeitet haben, in diesem Programm. Das kann
man auch. Man muß sich dafür entscheiden. Gut -das ist deren Weg.
Aber mein Weg soll anders sein. Dann sagen sie mir immer: ,,Es waren eigentlich
drei Dinge: Das Erste war, daß ich eines Tages zugegeben habe, daß
ich dem Alkohol gegenüber machtlos war. Aber das war noch zu wenig. Nein,
daß ich auch gegenüber meinen sonstigen Begrenztheiten machtlos war
und nun tatsächlich das annahm, was Mensch-sein heißt, nämlich
diese Realität mit ihrer Begrenztheit, mit der Vergänglichkeit, mit
der Ohnmacht vielen Dingen gegenüber. Das war der erste Punkt. Und der war
bitter, der war schwer. Aber mein Tiefpunkt, meine Schwierigkeit, die hat mich
dazu geführt. Ein Tiefpunkt kann gefährlich sein. Tiefpunkte
müssen nicht immer Scham sein. Petrus hatte mal so einen Tiefpunkt, als er
sich überschätzte, und dann krähte der Hahn und er ging raus und
weinte bitterlich. Ein anderer ging auch raus. Das war der Judas. Er ging
hinaus und erhängte sich. Also Tiefpunkt, und was dann? Ich habe mich
wiederholt gefragt: Was ist das Entscheidende, daß ein Tiefpunkt zur
Chance wird, zu einer positiven Chance? Vielleicht denkt Ihr mal darüber
nach. Mir sind noch so manche Gedanken dazu gekommen, nur habe ich momentan
keine Zeit, darüber zu reden. Obwohl das phantastisch wäre.
Vielleicht diskutieren wir das noch irgendwo. Dieser Tiefpunkt, der kann ein
wahnsinniges Geschenk sein. Er kann es sein. Man merkt, so geht es nicht
weiter, also da ist nichts mehr. Und ich muß mich ändern, wenn ich
leben will. Also diejenigen, die diese Kapitulation vornahmen, sagten mir:
"Es ist da noch ein zweiter Punkt. Das ist die Tatsache, daß ich
begreifen mußte -ich kann's nicht allein." Ich kenne so viele
Alkoholiker, die denken, Sie könnten es allein. Dann sagen sie: ,,Jetzt
hab' ich es begriffen. Ich weiß ganz genau, ich bin Gamma-Alkoholiker in
der dritte Phase." Und die Theorie des Gamma-Alkoholismus sagen sie mir
auswendig vor-und rückwärts auf. Und dann folgern Sie daraus: ,,Jetzt
werde ich nie mehr trinken. Ich kann mich doch dafür einsetzen.
Selbstverständlich!" Das sind meistens die Ersten, die auf die Nase
fallen! Es kommt darauf an, daß man begreift: Auch da ist meine Ohnmacht.
Ich brauche die anderen, ich brauche was Höheres und letztendlich: Ich
brauche Gott. Und dann sagten sie mir: ,,Es war drittens notwendig, durch
dieses zu Boden schlagen,4 durch diese Erfahrung
»Es-geht-nicht-mehrweiter«, Bereitschaft zu entwickeln. So wurden
wir offen für neue Erfahrungen." Freunde! Wir haben doch alle eine
Brille geschliffen -jeder seine. Ihr habt doch alle von klein auf Botschaften
gekriegt von Euren Eltern, von Euren Bezugspersonen. Es ist doch was anderes,
ob dem einem gesagt wurde: ,,Mensch es ist phantastisch, daß Du da bist.
Ich freue mich, daß Du mein Kind bist." Und dem anderen ist gesagt
worden: ,,Mensch, wenn Du nicht gekommen wärst, dann hätte ich nicht
dieses Scheusal von Mann geheiratet!" Also, da muß doch ein ganz
anderes Empfinden sein! Oder, es ist doch was anderes, wenn sich da die Familie
gefreut hat: ,,Jetzt kommt unser Kind!" Und alles wird darauf ein
gerichtet. Alles ist irgendwo harmonisch usw. Man merkt, alles ist eingestellt
auf Zuneigung. Oder dort das andere Bild: ,,Na ja, nun bist du gekommen.
Mensch, na ja, nun..." Und da ist der Fernsehapparat, der ist der Mutter
wichtiger, denn da gibt's den Krimi, dritte Folge. Und sie stillt, ist mit den
Gedanken aber ganz gierig: ,,Kriegen Sie jetzt den Killer, oder nicht? -Ach,
das Kind ist ja immer noch hier!" Nein, das ist ganz was anderes. Da kommt
doch eine Atmosphäre rüber! So haben wir ja auch gelernt vom
Ur-Vertrauen, und vom Ur-Mißtrauen zu sprechen. Wir alle sind anders und
haben unsere Brille geschliffen. Ich bin überzeugt, wenn hier vorne was
passiert, und wir gucken drauf, wir werden alle etwas anderes fühlen. Wir
werden den gleichen Vorgang alle etwas anders beurteilen. Und so werden wir
auch uns selbst und unsere Umwelt durch diese von uns geschliffene Brille
betrachten, und: Deine Brille ist nicht meine! Deshalb kommt es darauf an,
jetzt offen zu werden, die Dinge auch zu hinterfragen, neue Erfahrungen zu
sammeln, neu offen zu sein für das Leben, wie es auf uns zukommt. Das kann
ein Geschenk sein. Ein Geschenk, um vielleicht ganz ganz andere Erfahrungen zu
machen. Diese Menschen -die wie ich -versucht haben, das Programm zu leben, die
dabei auch ihre Grenzen immer wieder spürten, die werden wissen, daß
man dabei auch Gott entdecken kann. Gott ganz persönlich. Lest mal den
letzten Satz vom Kommentar5 zum Elften Schritt, und dann fragt Euch mal, ob Ihr
dem zustimmen könnt. Freunde haben das erlebt und ich möchte mit euch
das auch erleben. Ich wünsche Euch für diesen Genesungsweg, der
über die Trockenheit (über diese kümmerliche Trockenheit) hinaus
geht, Erfolge, Reifung, genauso wie ich mir das immer wünsche. Und darum
wollen wir weiter gemeinsam gehen. Alles Gute für Euch