Prof. Dr. Lothar Schmidt zum 40. Jahrestag von AA in Karlsruhe
Liebe
AA-Freunde, liebe AL-Anon, liebe Alateen, liebe Gäste,
sehr verehrte Damen und Herren,
Wir
feiern heute einen Geburtstag, ein Jubiläum von ganz besonderer Bedeutung.
Am
21.01.1961 hat Pfarrer Heinz Kappes zum ersten AA-Meeting in das Städtische
Übernachtungsheim in der Zähringer Straße eingeladen. Die
alten AA-Freunde Ed und Erhard nahmen daran teil, es entstand die erste
AA-Gruppe in Karlsruhe.
40 Jahre
AA in Karlsruhe, was bedeutet das für diese schöne Stadt?
Es gibt keine Festveranstaltung im Rathaus, auch keine
Festbeflaggung, Manche große Dinge vollziehen sich in der Stille; sie sind
wertvoller und reichen tiefer, als dass diese Fahnen und großer Öffentlichkeitsschau
bedürften.
Seit 40
Jahren haben Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt die Chance, mit AA den Weg
aus Verzweiflung und bitterer Not den Weg zurück ins Leben gewinnen
zu können und zu einem sinn- und zielorientierten Leben unterwegs zu
sein.
Hier
sitzen viele unter uns, die abgeschrieben und am Ende waren. Und dann kam AA
und Ihr fandet neuen Mut und zum Leben zurück. Unter
uns sitzen auch viele Angehörige von Alkoholkranken. Sie waren verzweifelt,
ihr Leben schien zerbrochen. Und dann kamen AA und AL-Anon, und Ihr fandet
neuen Mut zum Neubeginn und konntet wieder eine wertvolle Beziehung aufbauen.
Was kann
es Wertvolleres geben, als den Gewinn eines neuen wertvollen Lebens.
Für manchen Gast mag es ungewöhnlich sein, wenn sich hier Menschen um den Hals fallen und dabei Tränen in den Augen haben.
Nur wer gehungert hat,
weiß wirklich was Hunger ist.
Nur wer starke Schmerzen hatte,
weiß wirklich Schmerzlosigkeit zu schätzen.
Nur wer gebunden und mit sich gefangen war,
weiß was Befreiung und Freisein bedeuten
Hier
treffen sich Menschen, von denen viele aus tiefem Leid, aus Gebundenheit
kommen und wieder frei werden durften, wieder leben können und eine Zukunft
haben.
40 Jahre
AA in Karlsruhe bedeuten: Hier sind Freunde, die jederzeit bereit sind, jedem,
der ehrlich aus seiner Alkoholabhängigkeit aussteigen möchte, die Hand zu
reichen, ihn zu begleiten und mit der eigenen Erfahrung zur Seite zu stehen,
AA und AL-Anon haben sich unter das Wort Bills eines ihrer Gründer gestellt:
Wenn irgendjemand irgendwo um Hilfe ruft,
möchte ich, dass die Hand der AA ausgestreckt ist,
denn ich bin verantwortlich.
Diese Hand ist in Karlsruhe seit 40 Jahren
ausgestreckt. Jeder Betroffene kann sie erfassen. Er braucht in seiner Not
nicht allein zu bleiben. Damit schenkt AA Karlsruhe ein Angebot, das
lebensrettend sein kann.
Heinz
Kappes, der geistige Sponsor der AA in Karlsruhe, starb am 1. Mai 1988 im
hohen Alter von 95 Jahren. Er wäre - wie auch die AA Freunde der ersten
Stunde - sicher heute gern unter uns gewesen. Doch ihre Gedanken und Wünsche
sind uns heute noch lebendig, und wir wollen sie weitertragen.
Das war
ein anderes und wertvolleres Verständnis, als das, was mir die Universität
vermittelt hatte. Dort hatte man über Alkoholismus nachgedacht, am
Schreibtisch gesessen und wissenschaftliche Projekte ausgewertet.
Diese
Freunde aber hatten Alkoholismus am eigenen Leib erfahren und erlitten und das
ist ein gewaltiger Unterschied. Sie sprachen von dem, was sie selber erlebt,
gefühlt und gedacht haben und gaben ihre Erfahrungen weiter.
Trockene
Alkoholiker werden in aller Regel sehr verantwortliche und denkende Menschen.
Wer durch die Hölle gegangen ist,
an den Rand des Lebens gekommen ist,
seelisch tot war und wieder leben darf
denkt anders, denkt tiefer als Menschen
ohne diese Erfahrung
1
So haben
sie aufgrund ihrer bitteren Erfahrung nicht nur über Hilfen der Genesung,
sondern auch über Wichtiges und Unwichtiges im Leben sowie über die
Gesundung spiritueller und seelischer Kräfte nachgedacht.
Meine
erste Begegnung mit AA stellt mich vor ein solches Wunder. Während meines
Studiums arbeitete ich nebenbei in der Berliner Charite und hatte einen Oberarzt der alle Voraussetzungen zum Professor
hatte, Er wurde alkoholkrank, daraufhin entlassen, geschieden, er verlor seine
Zulassung als Arzt, bekam Tuberkulose, galt als hoffnungsloser Fall und
verschwand aus meinem Blickfeld. Ich dachte er wäre gestorben.
Es gab
damals 10 AA-Gruppen in Deutschland und ich ahnte nicht, was AA für
mein Leben bedeuten würde. Seither hat mich AA begleitet und nicht nur mein
Verständnis über Alkoholismus, sondern auch mein Leben entscheidend
beeinflusst. Ich darf mit Euch unterwegs
sein, um in zufriedener Nüchternheit
Gewinner dieses Lebens zu werden.
Es ist
ein Wunder, nicht nur, dass sich AA so schnell ausbreitete, sondern viele, die
das Genesungsprogramm der AA lebten, ein neues wertvolleres Leben gewannen,
Ihr inneres Wachstum, ihre positive Persönlichkeitsentwicklung ist für mich
ein noch größeres Wunder als die rasche Ausbreitung.
Es
gibt keine Zufälle.
Was aber
gibt es dann? Ich frage mich:
warum
musste Bill noch
einmal in die Klinik warum hatte Bill als er verzweifelt schrie: " Wenn es
einen Gott gibt, dann soll er sich zeigen, ich bin zu allem,
zu allem bereit "die Lichterscheinung und warum
brauchte er danach nie mehr zu trinken? was veranlasste Henrietta im Frühjahr
1935, ein Sondermeeting für den hoffnungslosen Alkoholiker Dr. Bob zu
organisieren warum konnte Dr. Bob
nach zweijährigem erfolglosen Gruppenbesuch sich erstmalig bei diesem Meeting
als Alkoholiker bekennen warum betete
Henrietta um Hilfe für Bob warum wurde
Bill in seiner Krisensituation im Hotel Mayflower in Akron wie von
unsichtbarer Hand veranlasst, auf das Verzeichnis von Geistlichen zu schauen warum
rief er gerade Dr. Tunks an warum leitete
dieser das Gespräch an Norman Sheppard weiter warum
musste Sheppard gerade nach New York fahren, so dass er das Gespräch an
Henrietta weiterleitete warum erkannte
Henrietta diese Gesprächsweiterleitung als ihre Gebetserhörung und führte
am 11. 05.193 5 Bill mit Bob zusammen warum
konnte Bill nach einem Gebet in nur 30 Minuten die zwölf Schritte, dieses
wunderbare Genesungsprogramm, schreiben?
War das
alles Zufall?
Nein - wer sich eingehend mit der Entstehung von AA und den zwölf Schritten
auseinander setzt,
kann verstehen, dass Millionen Alkoholkranke in der Welt auf diesem Weg
genesen und ein neues Leben gewinnen konnten, denn
AA
und die zwölf Schritte sind ein Geschenk der Höheren Macht.
Halten
wir fest, mit AA und ihrem Genesungsprogramm sind mehr Alkoholkranke genesen,
als mit irgendeiner anderen therapeutischen Methode. Vergessen wir nicht, wir
haben AA viel zu verdanken. Sie
fassten ihre Erfahrungen zusammen und sagten uns:
Diese
Erfahrungswerte waren zum Teil eine schwere Herausforderung gegen herkömmliche
Vorstellungen. Umso bedeutsamer waren die Arbeiten Jellineks.
Nachdem
er die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeiten der letzten Jahrzehnte über
Alkoholismus zusammengefasst und sich damit fachkundig gemacht hatte, befragte
er die lebendigen Lehrbücher.
Die
Erkenntnis, dass Alkoholismus eine primär-chronische Krankheit ist, stößt
bis heute immer wieder auf Widerstände, denn jahrhundertelang wurden
Alkoholiker als willens- und charakterschwache, labile und
undisziplinierte Menschen beurteilt, die ihre Abhängigkeit selbst verschuldet
haben.
Aufgrund zunehmender Erkenntnisse definierte
Dessen
ungeachtet schrieb noch 1969 ein Vertrauensarzt einer großen Krankenkasse:
" Halten sie Trunksucht für eine
Krankheit? Nein, ich weiß aber, dass Juristen und Psychiater anders darüber
denken. Wenn ein Mensch vorsätzlich trinkt - ein Grund findet sich
hinterher immer - ist er nicht krank, sondern haltlos, genau so wie ein
Sexualverbrecher. " Dieser Kollege hat mit Sicherheit keinen
Alkoholkranken erfolgreich behandeln können.
Die
Alkoholismusforschung der letzten 30 Jahre hat nicht nur das Krankheitskonzept
erhärtet, sondern auch erkannt, dass zur Entstehung der Alkoholabhängigkeit
nicht nur Förderungsfaktoren aus dem
Wir
wissen heute, dass wenn zwei Menschen die gleiche Menge Alkohol trinken, in
ihrem Körper nicht das gleiche geschieht.
Über
den Konsum illegaler Drogen wird ein großes Geschrei gemacht. Unser vordergründiges
Drogenproblem bereiten uns nicht die illegalen,
sondern die legalen Drogen.
1999 starben in Deutschland 1812 Menschen
im Zusammenhang mit ihrem illegalen Drogenkonsum,
aber 42 000 im Zusammenhang mit ihrem
und ihrer Alkoholabhängigkeit.
Der
volkswirtschaftliche Schaden durch Alkoholkonsum betrug nach Angaben der DHS
1999 mehr als 40 Mrd. DM.
Doch der
Politiker, der sich tatsächlich für wirksame Präventionsmaßnahmen
einsetzen würde, kommt sofort in einen massiven Interessenkonflikt mit der
alkoholproduzierenden Industrie, der Werbewirtschaft und dem Verkaufsgewerbe;
außerdem gerät er in Gefahr, bei der nächsten Wahl nicht mehr gewählt zu
werden.
Millionen
Alkoholkranke erfuhren erst durch leidvolle Rückfälle,
dass sie nicht mehr kontrolliert
trinken können. Auch diese Erfahrung passte einigen Therapeuten nicht,
die die Theorie vertraten, dass Alkoholabhängigkeit erlerntes Fehlverhalten
und somit letztlich keine primärchronische Krankheit sei. Damit ergab sich
der Schluss, Alkoholikern durch Umlernen wieder kontrolliertes Trinken zu ermöglichen.
Das hat man immer wieder durch verschiedene Bestrafungs- und
Belohnungsstrategien versucht.
Von den
angeblich erfolgreich behandelten Alkoholikern tranken nach ausreichender
Beobachtungszeit fast alle wieder krankhaft oder waren Alkoholmissbraucher und keine
Alkoholabhängigen.
Neuerdings
wird wieder einmal vom kontrollierten
Trinken als Therapieergebnis geredet und hat einige Alkoholkranke
verwirrt. Ein bekannter Professor, der Psychologe und Verhaltenstherapeut ist,
hat sich mal wieder damit ins Gespräch gebracht.
Ich
kenne Alkoholkranke, die rückfällig wurden, weil sie von ihrem Arzt
alkoholhaltige Medizin erhalten hatten und nicht wussten, dass sie damit
Alkohol zu sich nahmen.
Im
September traf ich meine Freundin Fritzi. Sie ist die erste AA in Österreich
und hat vor 41 Jahren die erste AA‑Gruppe in Wien gegründet. Sie kam
vor 2 Jahren in ein vornehmes Altenheim, in dem die Damen zum Essen ein Gläschen
Wein tranken.
Ich
fragte: " Würden Sie sich einer
Fluggesellschaft anvertrauen, die garantiert, dass mindestens 9 7 % der
Flugzeuge abstürzen? Wenn ja, dann müssen Sie umgehend einen Psychiater
aufsuchen uni ihre Macke behandeln zu lassen.
Fritzi
gingen die 3 % und die 41 Jahre Trockenheit durch den Kopf Sie wurde unsicher,
ob es nicht 12 % waren und begann mitzutrinken. Das ging nahezu 4 Monate gut
dann aber folgten schwere Kontrollverluste wie vor 41 Jahren. Fritzi hat für
uns alle eine wertvolle Erfahrung gemacht. Sie ist wieder trocken und hat mir
erlaubt, ihre Erfahrung weiterzugeben.
Eine
Studie der Universität North Carolina ergab, dass nach 27 bis 55 Monaten
keiner der Alkoholiker wieder kontrolliert trinken konnte.
Alkoholismus
ist eine gemeine Krankheit.
Sie fängt
meistens harmlos an und entwickelt
sich über viele Jahre. Wenn sich der Kranke seiner Krankheit bewusst wird,
sind meistens schon schwere Schäden eingetreten.
Ihr
wisst von Gedächtnislücken, den Filmrissen, die sehr verwirren können.
Ihr
wisst vom häufigen Denken an Alkohol, besonders in Belastungssituationen.
Ihr wisst von der Sorge um den nötigen Nachschub und Vorrat sowie um geeignete
Verstecke für die Flaschen
Ihr
wisst von Kontrollverlusten und ihren belastenden Folgen,
Ihr wisst von den quälenden Entzugszeichen nach Trinkpausen oder nach der Nachtruhe
(Hast du viel getrunken, nein das meiste hab' ich verschüttet.
Stoßgebet: Lieber Gott gib mir die Kraft,
dass das erste Glas drinbleibt.)
Da jeder
Alkoholkranke einen schweren emotionalen Preis zu zahlen hat, wisst ihr alle,
Außerdem
führt die Alkoholkrankheit stets zu Verletzungen des Selbstwertgefühls.
Wie habt
ihr euch gefühlt, wenn euch
Wie seid
ihr mit den Gefühlsschwankungen fertig geworden
Ihr
wisst, was ich meine. Ihr wisst wie Scham-, Schuldgefühle und Ängste
Abwehr auslösen:
" Ich bin nicht abhängig, ich hab's im Griff,
bei mir ist alles in Ordnung", die zwei Gläser, die ich trinke,
das tut doch jeder
(er meinte das erste und das letzte Glas)",
die anderen trinken viel mehr als ich".
Sie müssten mal meine Frau kennenlernen,
dann wüssten sie auch, warum ich mal etwas mehr trinke".
Die Abwehr
schien für Euch lange wichtig, um Euch
vor Kränkung bewahren zu wollen,
beim alten Verhalten bleiben zu können,
um Anstrengungen zur Veränderung zu vermeiden
und die eigene Realität nicht sehen zu müssen.
Die
Alkoholkrankheit füttert den Kopfcomputer ständig mit Fehlinformationen, die
zur Blindheit für die eigene
Realität führen und für die auch somit nicht mehr die Verantwortung übernommen
werden kann.
Der
Schritt zur Trockenheit ist nicht leicht.
Nur zu
oft war dazu ein persönlicher Tiefpunkt notwendig. Die Krise wurde vielen zur Chance,
sich alkoholabhängig zu sehen, sich für Trockenheit und Behandlung zu
entscheiden,
Leider geht vielen Alkoholkranken erst dann ein Licht auf,
Wenn
nichts mehr geht, kein Ausweg mehr da ist, keine Ausrede, kein Trick mehr
greift, dann erst gewinnen viele den Mut, den wichtigsten therapeutischen
Schritt zu vollziehen, den ein Mensch vollziehen kann., nämlich die eigene Realität zu bekennen und anzunehmen:
das
heißt: die Illusion aufzugeben, aus eigener Machtvollkommenheit leben
und selber Gott spielen zu können,
das
heißt: Annahme eigener Schwächen und
Begrenztheiten
das
heißt: auch Aufgabe aller Masken und
Abwehr
Nicht Willensstärkung,
sondern Kapitulation vor der Krankheit führt zur Genesung.
Nur was wir annehmen, können wir verändern.
Ein ganz
einfacher AA-Freund mit mangelnder Schulbildung hatte das schneller
begriffen als viele andere. Er sagte:
Ich
habe jahrelang gegen Cassius Clay geboxt, der viel stärker ist als ich. Das
mache ich nicht mehr.
Ich
kenne keinen Alkoholkranken, unter den etwa 130 000, denen ich bisher begegnen
durfte, der auf Dauer Trockenbleiben und genesen konnte, ohne zu seiner Krankheit
JA zu sagen und sie anzunehmen. Darum
heißt der erste Schritt des
Genesungsprogramms:
Wir gaben zu,
dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind
und unser Leben nicht mehr meistem konnten,
Von Euch
lernte ich den paradoxen Weg der Genesung:
durch
Kapitulation zu siegen
durch Loslassen zu erhalten
durch
ehrliches Zugeben von Schwäche Stärke
und
durch Bindung Freiheit zu gewinnen.
Die
jahrelange Krankheitsentwicklung beeinflusst das Denken, Fühlen und Verhalten
und führt zu Folgeschäden in allen Lebensbereichen. Darum
kann Abstinenz allein nicht das Behandlungsziel sein. Abstinenz ist die
unbedingte Voraussetzung, um zunächst körperlich, sozial und seelisch zu
genesen sowie tragende Sinn- und Zielorientierung für das Leben
aufzubauen. Die Genesung der
Weg von der Trockenheit zur zufriedenen Nüchternheit
sowohl die Trockenheit als auch die wiedergewonnene Fähigkeit
die Realität des Lebens
zu sehen und
entsprechend zu handeln,
als Nüchternheit bezeichnet
Doch in
seinen Aussagen erkennen wir mühelos, ob
er unter Nüchternheit=Trockenheit oder
die auf dem Genesungsweg erreichte Reife, meint. So meinte er Trockenheit
als er schrieb:
Unser
Streben zielt auf Nüchternheit, auf die Befreiung vom Alkohol ....
Ohne
diese Befreiung haben wir nichts.
Trockenheit
meinte er auch,
als er schrieb:
Ist Nüchternheit alles, was wir vom geistigen Erwachen erwarten?
Nein. Nüchternheit ist nur ein dürftiger Anfang, sie ist nur das erste
Geschenk
des ersten Wachwerdens.
Wollen wir mehr Geschenke erhalten,
müssen wir wach bleiben.
Je länger das anhält können wir Stück für Stück des alten Lebens,
das nichts taugt, beiseitelegen.
Wir können ein neues Leben voll unendlicher Möglichkeiten führen,
wenn wir bereit sind, im Leben die zwölf Schritte zu praktizieren
".
Mit der
Entscheidung zur Trockenheit habt
Ihr Euch auf den Weg gemacht - zu einem neuen Leben in zufriedener Nüchternheit.
Abgesehen
von Organschäden lassen sich die üblichen
alkoholbedingten körperlichen schweren Folgeschäden in relativ kurzer Zeit
beseitigen oder ihr Fortschreiten verhindern.
Die
Beseitigung von Persönlichkeitsdefiziten
und seelischen Schaden sowie der
Aufbau eines neuen Lebens mit klarer
Sinn‑ und Zielorientierung ist ein Lebenswerk und lässt uns unterwegs
bleiben.
Unser
Leben ist auf Unterwegssein programmiert.
Jeder
Tag, jede Stunde, jede Minute, die wir leben kommt nicht wieder. Der heutige
Tag ist für uns alle der erste Tag vom Rest unseres Lebens.
Wie groß dieser Rest
ist, kennt keiner von uns.
Trockene Alkoholiker
haben viel darüber nachgedacht. Sie erkannten:
als wichtiges Erfahrungsfeld
Das Heute und das Jetzt als das lebbare Leben,
Deshalb
versuchen viele, das Heute jeweils so wertvoll wie möglich zu machen.
Wenn
jahrelang der Weg der Illusion und Realitätsverleugnung
gegangen wurde und wir ihn nicht mehr gehen wollen, kann der Bremsweg
unter Umständen lang sein. Es können sich Ängste
und Widerstände einstellen,
denn der alte Weg war vertraut.
Aber da
sind ja die Freunde in der Gruppe, die vorher den Weg gegangen sind, ihre
Erfahrungen weitergeben und auch unterwegs
sind.
Was bedeutet unterwegs
zu sein. Unterwegssein heißt:
Sich auf einem Weg zu befinden,
nicht zu Hause und nicht am Ziel zu sein,
heißt fortschreiten,
sich dem Ziel nähern.
Wege
gibt es viele, haben wir auch ein Ziel?
Das oft
zitierte Wort " Der Weg ist das
Ziel " kann falsch verstanden werden, denn es gibt viele Kreiswege
die immer wieder zum alten Ausgangspunkt und nicht weiter führen.
AA
programmieren ihren Weg vorn Ziel her. Weg und Ziel schenkt uns das Zwölf-Schnitte-Programm,
von dem Bill schrieb,
dass es ein Leben unendlicher Möglichkeiten schenkt,
Was
ist das für ein Genesungsprogramm?
Die 12
Schritte sind keine Gebote oder Verbote, sie sind Erfahrungsangebote, darum
stehen sie alle in der Vergangenheitsform. Sie sind ein Lebensprogramm für
jeden, auch für Nichtalkoholiker, die sich ihrer Abhängigkeiten und
Fehlverhaltensweisen bewusst werden und darum auch ein Programm für mich.
Ihren Wert wird aber nur der erfahren,
der sie praktiziert.
Sie sind somit nicht für Theoretiker und
Diskutierer,
sondern für Praktiker.
Ob ein
Stuhl hält was er verspricht, eine Sitzfläche zu sein, erfahre ich nicht
durch diskutieren, sondern in dem ich mich draufsetze.
Auch ein
Schritt kommt nur zustande, in dem ich aktiv werde, mein Bein hebe und es
vorsetze.
Wenn ich einen Schritt
mache, kann ich nicht stehen bleiben. Wenn ich nicht stehen bleibe, ändere
ich meinen Standpunkt. Ändere ich meinen Standpunkt, dann ändert sich meine
Sicht.
Mit
den Schritten sind
wir unterwegs zu einem neuen Leben mit klarer Sinn und
Zielorientierung, unterwegs zur
zufriedenen Nüchternheit.
Die ersten
drei Schritte werden auch als Kapitulationsschritte
bezeichnet.
lm 1. Schritt
geht es um die Annahme der Alkoholabhängigkeit
und Machtlosigkeit, das Leben zu meistern.
Die Schritte 2 und 3 machen das Angebot,
durch Bereitschaft, sich für neue Erfahrungen zu öffnen,
Glauben und wachsendes Vertrauen in die Führung Gottes
in unserem Leben zu gewinnen.
Viele
schreckten zunächst vor diesen Schritten zurück, weil sie ihnen in unserer säkularisierten
Zeit (materialistisch/weltlich) als unzumutbare Herausforderungen erscheinen.
Wer sie jedoch ging, machte neue und wertvolle Erfahrungen.
Ist
Gott nicht eine menschliche Konstruktion, sondern eine Realität, dann ist Er
erfahrbar.
Millionen
konnten Ihn als Realität erfahren.
Glauben
fällt jedoch
nicht in den Schoß. Mit dem Glauben ist's wie mit dem Gehenlernen.
Am Anfang steht das Loslassen, und
das ist ein Wagnis, das neue Erfahrungen schenkt, Am Anfang steht die Bereitschaft,
sich für das Gehenlernen zu entscheiden.
Nach der
Befreiung vom Alkohol war es auch verständlich, dass mancher AA‑Freund
Sorgen hatte, sich mit diesen Schritten in eine neue Abhängigkeit zu begeben.
Wir sind
jedoch täglich abhängig und begeben uns immer wieder in neue Abhängigkeiten.
Wenn wir
ein Haus bauen, schließen wir es an die öffentliche Stromversorgung an, um
von Kerzen und Öllampen, hell und dunkel, unabhängig zu sein, machen uns
aber vom Elektrizitätswerk abhängig.
Darum mach' Dich von Dingen abhängig,
die Dich unabhängiger machen,
Alkoholiker,
die oft lange
glaubten, sich von ihrer Intelligenz und Willenskraft abhängig zu machen, um
ihren Alkoholkonsum steuern und ihr Leben meistern zu können, haben die
Ergebnisse dieser illusionären Verkennung bitter erfahren müssen; darum haben sie die Chance, realer sehen zu können.
Bill
schrieb: " Darum können wir
Alkoholiker uns wirklich glücklich schätzen. Jeder von uns hat einen fast tödlichen
Zusammenstoß mit dem Götzen des Eigensinns gehabt und hat genug unter seinem
Druck gelitten, so dass er bereit ist, was Besseres zu suchen. "
Da wir
stets abhängig sind und immer
wieder neue Abhängigkeiten eingehen, sollten wir solche berücksichtigen, die
uns unabhängiger machen.
Bill
schrieb: "Je mehr wir bereit
wurden, uns von einer Höheren Macht abhängig zu machen, um so unabhängiger
werden wir in Wirklichkeit. "
Die
Schritte geben
nicht von einem Kirchendogma aus, sondern regen lediglich die Öffnung
für neue Erfahrungen an und machen die Tür weit auf, durch die auch ein
überzeugter Atheist eintreten kann, wenn er ehrlich
bereit ist, sich für neue
Erfahrungen zu öffnen.
Viele
Atheisten sind bei Ihrem Unterwegssein durch diese Tür gegangen und kamen zu
einem tiefen Glauben an Gott, weil sie
Ihn erfahren konnten.
Auf unserem Weg zur zufriedenen Nüchternheit helfen uns
die
Schritte 4 und 5
uns besser zu erfahren
zur
Verhaltensänderung und
die
Schritte 8 und 9
durch Wiedergutmachung zur Befreiung von A Altlasten
Die
ersten 9 Schritte sind gewissermaßen die Fahrschule, mit den letzten 3 wird
gefahren. Demut und Verantwortung
Für den
Fortschritt auf dem Genesungsweg nennt
Bill zwei wichtige Kennzeichen. Er
schrieb:
"Jeder Fortschritt bei den ÄA kann einfach in zwei Worte
zusammengefasst werden: Demut und Verantwortung. Unsere geistige Entwicklung
kann genau nach dem Grad unserer Verbundenheit mit diesen großartigen Normen
gemessen werden. "
Demut
wird oft falsch
verstanden und hat nichts mit einer unterwürfigen und kriecherischen Haltung
zu tun. Von AA lernte ich was
Demut
heißt:
Verzicht auf angemaßte Größe und
Bekenntnis zur eigenen Wirklichkeit und zur eigenen Begrenztheit.
demütig sein
heißt:
ohne Wenn und Aber, ohne Rechtfertigungsversuche
die eigene Realität anzunehmen und
die Abhängigkeit von der Höheren Macht anzuerkennen,
Bill
schrieb:
Demut ist ein Zustand völliger Freiheit von mir,
Freiheit von allen Ansprüchen,
die meine Charakterfehler an mich stellen.
Vollkommene Demut könnte die absolute Bereitschaft sein, jederzeit
und überall den Willen Gottes zufinden
und ihn auszuführen.
Wir sind unterwegs.
Darum schrieb Bill: " Vielen
alten Freunden mangelt es noch an zufriedener Nüchternheit, obwohl sie unsere,
AA ‑ Entwöhnungskur ernsthaft und erfolgreich ausprobiert haben. 1 Im zu
zufriedener Nüchternheit zu gelangen, müssen wir echte Reife und A
Ausgeglichenheit ‑ man kann auch Demut sagen ‑ in unseren
Beziehungen zu uns selbst, zu unseren
Mitmenschen und zu Gott entwickeln. "
Damit aber
setzt unsere Verantwortung ein. Verantwortung
ist ein interessantes Wort, Heißt es nicht in seinem ursprünglichen Sinn:
Antwort geben, auf das Gefragtwerden zu antworten?
Wir sind
Angesprochene und dürfen antworten.
Wer kann
dieses Geschenk besser verstehen als der, der tot war und wieder leben darf?
Viele von Euch, Freunde, waren tot, abgeschrieben und Ihr habt wieder Leben.
Leben heißt,
ständig angesprochen zu werden. Verantwortlichsein
heißt:
fähig oder wieder fähig zu sein,
einen Dialog mit dem Leben aufzunehmen
und auf das Leben zu antworten.
Das Leben
stellt viele Fragen:
-
warum
bin ich, wohin gehe ich, was ist der Sinn meines Lebens.
Im
Loslassen und Lauschen, durch Gebet und Besinnung (der 11. Schritt) fanden viele von Euch für sich die richtige Antwort,
andere sind unterwegs dahin.
Ich
erinnere mich eines alten AA-Freundes, der mir sagte:
"Ich
war Atheist. Als ich trocken wurde und zu AA kam, ließ ich mich los und öffnete
mich für neue Erfahrungen. Ich habe neue Erfahrungen gemacht. Ich erlebe mich
geführt, erlebe Zusammenhänge und bemerke Veränderungen in meinem Denken und
meinen Bedürfnissen. Ich beginne zu ahnen, dass auch mein Leben von einer Höheren
Macht geleitet wird. Ich bin gespannt, wie und wohin Sie mich führen wird.
Eines weiß ich, ich erlebe heute eine andere Freudigkeit und Dankbarkeit wie früher.
Ich bin bereit für neue Erfahrungen.
Dieser
Freund war und ist unterwegs.
Jeder
Schritt des
Programms bietet die Übernahme von Verantwortung
und damit den Wachstumsprozess zur Mündigkeit an.
Mündigkeit ist die Fähigkeit
eigenständig und verantwortlich zu handeln,
unabhängig von äußerer Bevormundung
und auch von inneren Zwängen.
AA
erkannte, dass die Übernahme von Verantwortung drei Bereiche umfasst.
Zunächst
die Verantwortung nur selbst gegenüber. Dazu
gehört die Selbstannahme, so wie wir sind,
unsere Leiblichkeit,
unser Alter,
unsere Stärken und Schwächen,
unsere Begrenztheit,
auch unsere Vergänglichkeit.
Ihr wisst
es besser als ich, dass die Entscheidung, sich selbst anzunehmen, sehr
schmerzhaft sein kann. Mancher hat sich vor den Spiegel gestellt und den Spiegel
zerschlagen. Besser ist wenn ich mir sage: "Das bist du, Lothar, so schön bis du nicht, aber ich rasier dich
doch. "
In dem wir
uns selbst annehmen und die Verantwortung für uns über, nehmen, werden wir
wach, lernen uns besser einzuschätzen, entdecken unsere Einmaligkeit und damit unseren Wert.
Zur
Verantwortlichkeit uns selbst gegenüber gehört auch Selbstkritik und Selbstkontrolle
sowie das Einüben neuer Verhaltensmuster. Dabei entdecken wir, dass
wir uns von uns nicht mehr alles gefallen lassen müssen.
Verantwortlichkeit
heißt aber auch, Antwort zu finden
für
unsere Partnerschaft, für unsere Kinder, unsere Mitmenschen und unsere Weit,
die uns umgibt das
schenkt uns neue und wertvolle Beziehungen.
Alkoholiker
entdeckten, dass eine reife Ich- und Du-Findung über die
Gott-Findung wächst. Mit zunehmendem spirituellen
Erwachen wuchs ihre Verantwortung Gott gegenüber.
Bill
schrieb: "je größer unsere Bereitschaft
ist, von einer Höheren Macht abhängig zu werden, desto mehr wachsen wir." "Doch wenn wir bereit sind, spirituelles Wachstum an die erste
Stelle zu setzen, dann und nur dann haben wir die echte Chance, in gesunder Erkenntnis und reifer Liebe zu wachsen."
Solche
Worte mögen bei dem einen oder anderen zunächst Widerstände auslösen, geht
es doch hierbei um die totale Kapitulation
nicht nur vor dem Alkohol oder einer Charakterschwäche, sondern vor unseren? begrenzten Menschsein.
Aber das
ist die Erfahrung von Millionen von Alkoholikern, die im Vertrauen auf Gott
wachsen, genesen und ein wertvolles neues Leben gewinnen konnten.
Wir sehen
oft schärfer, wenn wir einen Satz umkehren. Wie
sieht ein Leben ohne Vertrauen auf Gott aus? Eure Erfahrungen ermutigen
mich, mit Euch unterwegs zu sein, nicht nur zu meiner Ich- und Du-Findung,
sondern auch zu einer persönlichen Gott-Findung.
Wir alle
sind unterwegs, nicht Zuhause und nicht am Ziel. Lasst uns nicht stehen bleiben.
Macht die Schritte nicht zu einer Theorie
und die AA-Bewegung nicht zu einer Institution.
AA
ist ein kostbares Geschenk.
Der Preis
war zu hoch, um nur Trockenheit zu
gewinnen. Die Zahl der AA-Freunde und ihrer Gruppen hat in der ganzen Welt
erstaunlich zugenommen.
Breitenwachstum ist wertvoll
Tiefenwachstum Ist wertvoller
Das wünsche ich Euch von Herzen,
Ich danke, dass ich mit
Euch auf dem Weg sein darf.
Karlsruhe, 17. März 2001