Die
Geschichte vom alten Indianer (oder: wer weiß, wozu es gut ist?)
Ein alter Mann lebte in einem Indianerdorf, er war sehr arm, aber selbst
die Stammeshäuptlinge waren neidisch auf ihn, denn er besaß ein
wunderschönes weißes Pferd. Große Krieger boten ihm phantastische Summen für
das Pferd, aber der alte Indianer sagte dann: "Dieses Pferd ist für mich
kein Pferd, sondern ein Mensch. Und wie könnte man einen Menschen, einen
Freund verkaufen?" Der Alte war wirklich bettelarm, aber sein Pferd
verkaufte er nie.
Eines Morgens fand er sein Pferd nicht im Gatter und nicht auf der Weide.
Der ganze Stamm versammelte sich, und die Indianer schimpften: "Du dummer
alter Mann! Wir haben immer gewusst, dass das Pferd eines Tages gestohlen
würde. Es wäre besser gewesen, es zu verkaufen, jetzt bist Du wirklich
bettelarm - welch ein Unglück!"
Der alte Indianer sagte: "Was jammert ihr hier so herum, Tatsache ist doch
nur, dass das Pferd nicht in seinem Gatter steht. Alles andere sind nur
Vermutungen. Ob dies ein Unglück ist oder ein Segen, vermag ich jetzt noch
nicht zu sagen, ich kenne ja nur ein Bruchstück der Geschichte. Und wer
weiß, wozu das gut ist?
Die Stammesbrüder lachten den Alten aus, hatten sie doch immer schon gewusst,
dass er ein bisschen verrückt war. Aber nach fünfzehn Tagen kehrte eines
Abends das prächtige Pferd zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern in
die Wildnis ausgebrochen. Und nicht nur das, es brachte auch noch ein
Dutzend wilder Mustangs mit.
Wieder versammelte sich der ganze Stamm vor dem Zelt des alten Indianers und sie sagten: "Alter Mann, du hattest Recht. Es war kein Unglück, es hat sich tatsächlich als großer Segen erwiesen".
Der alte Indianer entgegnete ruhig: "Ihr geht schon wieder zu weit. Sagt
doch einfach nur, dass das Pferd wieder da ist. Wer weiß, wozu das gut ist?"
Dieses mal wusste selbst der Rat der Ältesten nicht viel einzuwenden,
innerlich war dem ganzen Stamm jedoch klar, dass der Alte unrecht hatte.
Schließlich waren zwölf herrliche Mustangs gekommen.
Der einzige Sohn des alten Indianers begann, die Wildpferde zuzureiten. Schon am zweiten Tag fiel er unglücklich von einem Pferd und brach sich beide Beine.
Der Stamm lief vor dem Gatter zusammen und jeder fing wieder an zu jammern: "Ach alter Mann, was für einen schlimmen Fluch die wilden Mustangs über dich gebracht haben. Dein Sohn ist nun ein Krüppel, und er war die einzige Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor."
Und der alte Indianer entgegnete: "Meine lieben Stammesbrüder, ihr seid
besessen vom Urteilen. Geht nicht so weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die
Beine gebrochen hat. Wer weiß, wozu das gut ist?"
Ein paar Wochen darauf beschloss der Ältestenrat, die Krieger auf Raubzug zu
schicken. Ein harter Winter war vom Schamanen vorhergesagt, die Ernten des
Sommers waren kärglich ausgefallen und die Büffel in andere Weidegründe
abgezogen. Die jungen Männer wurden gut ausgerüstet und zogen in den Kampf.
Und wieder kam das ganze Dorf beim alten Indianer zusammen und sie sagten zu ihm: "Ach was für ein Unglück, dass dein Sohn ein Krüppel ist. Er wird keine reichen Schätze von diesem Raubzug in dein Wigwam bringen können. Und du kannst ja kaum mehr für dich selber sorgen, wie willst du dann auch noch einen weiteren nutzlosen Esser durch diesen Winter bringen.
Und der alte Indianer erwiderte wieder ganz ruhig: "Tatsache ist doch nur,
dass mein Sohn sich beide Beine gebrochen hat und niemand kann heute sagen,
ob der nächste Winter mild oder streng werden wird. Wer weiß, wozu das gut
ist?"
Die jungen Krieger kehrten schon nach wenigen Tagen mit reicher Beute zum
Indianerdorf zurück und wurden gefeiert und bejubelt. Die gestohlenen
Schätze und Vorräte wurden begutachtet, und jeder Krieger brachte zu seiner
Familie, was er erbeutet hatte.
Dann suchten die Stammesbrüder wieder den alten Mann auf und sagten: "Siehst du Alter, es war doch ein Unglück für dich, von Anfang an. Hättest du damals auf uns gehört den herrlichen weißen Schimmel verkauft!"
Und der alte Indianer entgegnete: "Herrliche Schätze haben eure Söhne
erbeutet, fürwahr! Mir ist schon klar, dass ich leer ausgehen werde, denn
mein Sohn konnte ja nicht mit in den Krieg ziehen. Aber wer weiß, wofür das
gut ist?"
Kopfschüttelnd zogen sich die Indianer wieder in ihre Zelte zurück. Sollte
der sture Alte doch selbst schauen, wie er zurechtkam.
Eine Woche später wurde das Indianerdorf bei Nacht völlig überraschend
überfallen. Der zuvor beraubte Stamm nahm blutige Rache, plünderte,
brandschatze, vergewaltigte und lies keinen jungen und kampffähigen Mann am
Leben.
Nur der Sohn des alten Indianers mit seinen beiden gebrochenen Beinen wurde
verschont.
( frei nacherzählt aus 'Rajneesh Neo-Tarot ')