Die Steinpalme
Mitten
zwischen den anderen Palmen stand sie hochgewachsen am Strand. Sie hatte einen
mächtigen Stamm und eine rnerkwürdige Krone. Ihre Blätter neigten sich nach
innen zur Mitte hin. Und wenn der Wind die Blätter und die Zweige auseinander
wehte. dann konnte man es sehen: Im Herzen der Palme - dort, wo sonst die neuen,
hellgrünen Triebe aus der Mitte nach oben drängten, da lag ein großer,
rötlicher Stein! Wie war der schwere Stein dort hingekommen?
Das passierte damals, als diese mächtige Palme noch ein winziger Bäumling
war. Die kleine Palme liebte das Meer und die Musik
des Wassers. Sie wußte, daß wenige Meter hinter ihr die Wüste war. Aber sie
hatte keine Ahnung davon, was Wüste ist und was
es heißt, wasserlos zu sein und leer - bis zu dem Tag, an demein Mann kam. Er
kam durch die Wüste. Tagelang war er umhergeirrt, vor Durst und Hitze hatte er
fast den Verstand verloren. Seine
Haut war rissig, und sein Mund brannte vor Durst. So warf er
seinen ausgedörrten Körper in das Meerwasser hinein. Aber das
Salzwasser konnte seinen Durst nicht löschen. Da packte ihn rasender
Zorn:
"Ich habe Anspruch auf Wasser". schrie er. "Ich will leben !"
In seinem Zorn wurde er ungeheuer stark. Er griff nach einem großen Stein. Mit
aller Kraft schrie er gegen die Wüste, drohend hob er den Stein. Da sah er den
Baumschössling stehen: in hellern Grün und voller Hoffnung auf jeden Tag.
"Warum hast Du alles und ich nichts?"
Mit aller Kraft preßte er den Stein mitten in das Kronenherz des jungen Baumes.
Doch der Mann hatte die kleine Palme nicht töten können. Er konnte sie
verletzen, aber nicht töten. Der junge Baum war eine einzige Masse von
brennendem Schmerz - immer wieder Schmerz. Und gleichzeitig, mitten darin und
daneben, regte sich eine erste kleine Welle der Kraft. Der Baum versuchte, den
Stein abzuschütteln. Aber der Stein rührte sich nicht. "Gib es auf",
sagte sich die kleine Palme,".es ist dein Schicksal, unterzugehen".
Aber eine andere Stimme sagte:
»Nein, nichts ist zu schwer. Du mußt es nur versuchen, du mußt es tun!"
"Aber wie? Ich bin zu schwach. Ich kann den Stein nicht abwerfen."
"Du mußt ihn nicht abwerfen", sagte wieder die andere Stimme. "Du
mußt die Last des Steines annehmen. Dann wirst du erleben, wie deine Kräfte
wachsen." Und der junge Baum nahm seine Last an. Er nahm den Stein in die
Mitte seiner Krone. Da begann er nach oben zu wachsen. Er legte breite Zweige
und üppige Blätter um den Stein herum. Manchmal sah es so aus. als beschütze
er den Stein. Sein Stamm wurde stärker und stärker; die Steinpalme wurde
unbestritten zum mächtigsten Baum. Seine Last hatte ihn herausgefordert - und
er hatte den Kampf gewonnen.
Er hatte seine Last angenommen und hoch hinaufgetragen. Die Last liegt auch
heute noch auf seinem Herzen, aber sie ist an eine Stelle gerückt, wo er sie
tragen kann. Nur die äußere Last erscheint untragbar. Ist sie angenommen, wird
sie ein Teil von uns selbst.